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Dienstag, 22. Mai 2018 Drucken

Kultur

Lichtgestalten zu Gast

Kaiserslautern: Konzert mit Haselböck und Brautigam

Von Markus Pacher

Großer Auftritt in der Fruchthalle: An der Seite der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern gastierten gleich zwei charismatische Lichtgestalten der Klassikszene in Kaiserslautern – Dirigent Martin Haselböck und Pianist Ronald Brautigam.

Kommt er nun oder kommt er nicht? Martin Haselböck macht es ein wenig spannend, lässt das Orchester warten, bevor er die Bühne betritt. Eine Partitur hat er nicht dabei. Völlig auswendig leitet der quirlige Österreicher die Deutsche Radio Philharmonie. Überall hat er seine Ohren und Augen, und es ist eine Wonne zu beobachten, mit welcher Leidenschaft und körperlichen Intensität er die Musiker antreibt.

Zunächst geschieht dies mit Schuberts Ouvertüre zur Oper „Die Zauberharfe“, besser bekannt als Recycling-Produkt unter dem Namen „Rosamunde-Ouvertüre“. So spritzig und unbekümmert kennen wir Schubert noch nicht, dazu eine kräftige Prise Wiener Schmelz.

Dem doppelten Gruß aus Österreich folgt der grandiose Auftritt des niederländischen Pianisten Ronald Brautigam. Das 2. Klavierkonzert von Mendelssohn ist ein typisches Dokument des Virtuosen-Zeitalters. Mendelssohn war selbst einer und übernahm 1837 bei der Uraufführung vom Dirigentenpult aus den Solopart. Schumann bezeichnete das fast ein wenig oberflächlich anmutende Bravourstück als eines seiner „flüchtigsten Erzeugnisse“, Mendelssohn selbst sprach von einem „Klavierfeuerwerk“, und seine junge Braut Cécile konnte es, vor allem wegen seiner „Effekte“, „nicht oft genug hören“, wie ein Brief des Schöpfers an seine Familie in Berlin belegt. Nach dem melodienseligen Schubert ist nun Glanz und Glorie gefragt. Ganz entspannt, scheinbar befreit von allen spieltechnischen Hürden meistert Brautigam den Spagat zwischen Fingerakrobatik und musikalischer Tiefe. Letztere entdeckt er im Adagio, wenn seine Finger tief im Tastenboden versinken, seine lange weiße Löwenmähne zurückfällt, und das Publikum glaubt, einer Inkarnation von Abbé Liszt beizuwohnen. Unglaublich brillant die im Hochgeschwindigkeits-Modus zelebrierte Wiedergabe des abschließenden Prestos, wo die Tongirlanden üppig sprudeln und der Steinway kräftig donnert.

Von melodienseligem Wiener Charme über sorglos-fröhliches Virtuosentum zu tragischeren Klängen: Aufgrund seiner kühn klingenden Instrumentation und Harmonik zählt Beethovens ursprünglich Napoleon Bonaparte gewidmete 3. Sinfonie „Eroica“ zu den epochalen Orchesterwerken des 19. Jahrhunderts. Martin Haselböck gilt als einer der großen Experten und führenden Figuren bezüglich der Wiederherstellung des Beethoven’schen Originalklangs. In Wien hat der preisgekrönte Organist vor über 30 Jahren das Orchester „Wiener Akademie“ gegründet und zuletzt mit diesem Klangkörper mit der Konzertreihe „Resound Beethoven“ und der Gesamteinspielung aller neun Beethoven-Sinfonien an den Schauplätzen der Uraufführungen auf sich aufmerksam gemacht.

An den Geboten der historisch informierten Aufführungspraxis kommt heute freilich kein Orchester mehr vorbei. Und auch wenn die Deutsche Radio Philharmonie auf „modernen“ Instrumenten und Bögen spielt, ermöglicht Haselböck mittels ungemein differenzierter Phrasierungs- und farblicher Schattierungskunst doch eine sehr überzeugende Vorstellung vom mutmaßlichen Klang zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Höhepunkte des Abends aber ist der Trauermarsch (2. Satz) mit seinen herrlich grummelnden Bässen, schicksalsträchtig seufzenden Streichern und der wie in Marmor gemeißelten Tripelfuge.

Das begeisterte Publikum erzwingt eine Zugabe: Brautigam antwortet mit einem „Lied ohne Worte“ von Mendelssohn (op. 19/2).

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