Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Kiews Sieg aussehen muss

Besatzer fahren mit der Fahne der „Volksrepublik“ Donezk durch das eroberte Mariupol.
Besatzer fahren mit der Fahne der »Volksrepublik« Donezk durch das eroberte Mariupol.

Über die Zukunft der Ukraine müssen die Ukrainer selbst entscheiden – und nicht Außenstehende über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Alles andere wäre ein neues München.

Die Frage, wie der Krieg in Osteuropa beendet werden kann, ist verzwickt. In Talkshows wird gestritten, ob die Ukraine diesen Krieg gewinnen muss oder ob sie ihn „nur“ nicht verlieren darf. Und kluge Leitartikler stellen die Frage: Was bedeutet gewinnen, was verlieren in diesem Zusammenhang?

Dabei ist die Antwort darauf ziemlich einfach: Die Ukraine hat gewonnen, wenn sie Herrin ihres Schicksals bleibt. Verloren hat sie, wenn sie im Namen des Friedens Orte, Regionen und Bürger einem Nachbarn überlassen müsste, der damit durchkäme, seine Blut-und-Boden-Ideologie mit roher Gewalt durchgesetzt zu haben.

Nicht nur eine Frage der Geografie

Viele Deutsche sind genervt, weil sie sich mit weit entfernten Städten befassen sollen, die zungenbrecherische Namen tragen und die bis vor Kurzem niemand bei uns kannte. Ist es wert, für ein paar Quadratkilometer ein Land in Blut zu tränken und die Welt in einen Gewaltexzess zu treiben? Doch wem Sjewjerodonezk und Lyssytschansk am Ende gehören, ist nicht nur eine Frage der Geografie.

Früher wurden Grenzen mit dem Lineal auf Landkarten neu gezogen, wie in Europa beim Wiener Kongress 1815. Endgültig diskreditiert hat sich diese „Staatskunst“ 1938 in München, als demokratische Politiker Adolf Hitler erlaubten, sich mit militärischen Drohungen Gebiete einzuverleiben. Das Objekt seiner Angriffslust, die Tschechoslowakei, wurde nicht mal zu der Konferenz hinzugezogen und lediglich von den Großen informiert.

Hoffentlich täuscht Baerbock sich nicht

Annalena Baerbock, die Außenministerin des demokratischen Deutschlands, hatte München im Hinterkopf, als sie versicherte, dass der Westen der Ukraine einen Diktatfrieden nie zumuten werde. Hoffentlich täuscht sie sich nicht. Denn unter den Kriegsmüden – wer bitteschön ist das nicht? – wächst die Erwartung, dass die Ukraine Zugeständnisse macht. Ex-US-Außenminister Henry Kissinger schlägt vor, die Grenzen im Donbass neu zu ziehen, um Stabilität in Europa zu sichern. Dem Meister der Realpolitiker gingen strategische Stabilität und eiskalter Interessenausgleich stets über alles andere. Das Selbstbestimmungsrecht auszuhöhlen, wie es Putin tut, würde aber nur neue Instabilität säen.

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