Meinung Zu Ausschreitungen in Frankreich: Ein Plädoyer für Grautöne

Für die Populisten in Frankreich ist schon völlig klar, wer an den Ausschreitungen Schuld ist.
Für die Populisten in Frankreich ist schon völlig klar, wer an den Ausschreitungen Schuld ist.

In Frankreich brennen Autos und Häuser. Populisten haben vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragen. Dabei braucht Frankreich schnelle Linderung und anhaltende Heilung.

Peter Pfeil klingt nachdenklich, fast ratlos, als er am Sonntag im Elsass den Hörer abnimmt. Einen Beitrag für die RHEINPFALZ schreiben über die Situation in Frankreich? Macht er gerne, sagt er. Aus alter Verbundenheit. Aber momentan habe er selbst noch mehr Fragen als Antworten. Die Situation sei komplex, schnelle Schlussfolgerungen seien fehl am Platze. Kurzum: Er brauche ein bisschen, bis er seine Gedanken geordnet und zu Papier gebracht bekomme.

Das ist insofern bemerkenswert, als dass Pfeil in seinem Berufsleben schon viel erlebt hat, auch sogenannte Großlagen. Er musste häufig schnell reagieren, einordnen, sich eine Meinung bilden. Als Politikredakteur der „Dernières Nouvelles d’Alsace“ hat er den Rechtsruck in seinem Land, die Proteste gegen Zuwanderung, die Krawalle in Problemvierteln journalistisch begleitet. Und er hat stets treffende Worte gefunden, um Entwicklungen nachzuzeichnen. Die Ausschreitungen, die unser Nachbarland gerade schockieren, brächten aber auch ihn ins Grübeln.

Spätestens nach diesen Ausführungen hat Pfeil den Auftrag für den Beitrag sicher. Dem Autor dieser Zeilen sind Menschen lieber, die auch bei drängenden Fragen zweimal überlegen, die Raum für Grautöne zulassen. Im Konzert jener, die in einer komplexen Welt vermeintlich einfache und schnelle Antworten finden auf grundsätzliche Fragen, tun diese Stimmen besonders gut.

Frankreich braucht sowohl schnelle Linderung als auch anhaltende Heilung. Diese Gleichzeitigkeit auszuhalten, ist aktuell eine der herausforderndsten Aufgaben für Demokraten. Wer angesichts multipler Krisen den Anschein von Allwissenheit erweckt, ist, ehrlich gesagt, unheimlich.

Dabei sind die gleichzeitige Notwendigkeit von Tempo und Tiefe sowie die viel zu weit verbreitete Verächtlichmachung ausgewogener Betrachtungen gesellschaftspolitischer Herausforderungen keine originär französischen Phänomene. Auch in Deutschland bekommt zu oft jene(r) Applaus, die und der vorgibt, schnell ganz genau zu wissen, wieso Dinge passieren – und was dagegen helfen würde. Besonders Clevere packen ihre Weisheiten unter den Deckmantel vermeintlicher Fragen, die man ja wohl noch stellen dürfe. Einzig: Differenzierte Antworten sind bitte schön unerwünscht.

Dies ist auch bei den aktuellen Debatten um die Ausschreitungen in Frankreich zu beobachten. Die meisten Gewalttäter seien Ausländer, krakeelen manche. Auf die Erwiderung hin, die Krawallbrüder und -schwestern seien de jure Franzosen, wird der Ton rauer. Enden sollte die Debatte tatsächlich nicht mit dem Verweis auf die Nationalität der Randalierer. Über Integration, insbesondere über gescheiterte Integration muss ehrlich diskutiert werden. Aber orientiert an Lösungen, die wirkliche Lösungen wären – womit wir wieder bei den Grautönen wären.

Was in Frankreich passiert, ist immer auch relevant für Deutschland. Die deutsch-französische Freundschaft ist besonders, sie hat Symbolcharakter für ein geeintes Europa. Die deutsche Seele leidet immer ein Stück weit mit der französischen mit – gerade in der Pfalz. Aus diesem Grund ist es sicherlich auch für viele Leserinnen und Leser der RHEINPFALZ wertvoll, Einordnungen von Experten wie Peter Pfeil zu lesen.

Es ist unseren Nachbarn zu wünschen, dass Entscheidungsträger die Notwendigkeit von Tempo und Tiefe anerkennen und den Verächtlichmachern entschieden mit wohl überlegten Lösungen entgegentreten.

Den Gastbeitrag von Peter Pfeil lesen Sie hier.

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