Zweibrücken „Wir sprachen Irisch und hörten die Everly Brothers“

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Moya Brennan, Sängerin der irischen Band Clannad, kommt am 15. Februar zurück nach Neunkirchen, wo sie zuletzt vor drei Jahren mit Clannad auftrat. Diesmal stellt sie ihr neues Solo-Album „Canvas“ vor, das am 24. Februar erscheint. Im Interview mit der RHEINPFALZ erzählt sie, was es mit dem Gemälde auf dem CD-Cover auf sich hat, warum Deutschland so wichtig für Clannad war und warum sie auch nach einem Brexit keine Angst vor neuen Unruhen in Nordirland hat.

Ihre neue CD heißt „Canvas“ (Leinwand), aber die Tour haben Sie nach dem ersten Stück benannt, „River of Songs“ (Fluss der Lieder). Warum das?

„River of Songs“ hat einfach gut gepasst. Es ist auch eine kleine Verneigung vor meinem Vater, der letzten Sommer gestorben ist. Er kannte Hunderte, Tausende von Liedern, und er hat sie an uns weitergegeben. Ich fand, es ist ein passender Name für die Tour, aber es war kein guter Titel für die CD. In dem Album steckt sehr viel von mir. Dinge aus meiner Vergangenheit, Lieder und Menschen, die mir etwas bedeuten. Ich hab’ auch wieder mit dem Malen begonnen. Im Booklet ist ein Porträt von mir. Joni Mitchell ist eine meiner Lieblingssängerinnen und ein Rieseneinfluss, und sie hatte auch oft Selbstporträts auf ihren Plattencovern. Das Album ist also so etwas wie eine Leinwand meines Lebens, und ich fand, das wäre ein toller Titel. Das Bild auf dem Cover haben Sie auch selbst gemalt? Ja, hab’ ich. In dem Bild stecken ein paar Songtitel drin. Aber man kommt nicht immer gleich drauf, manchmal muss man auch rätseln. Sie haben die neue CD zusammen mit Ihrem Sohn Paul und Ihrer Tochter Aisling aufgenommen. Hat Sie die Arbeit auch daran erinnert, wie das früher mit Clannad war, als Sie anfingen, mit ihren Eltern und Ihren Geschwistern Musik zu machen? Als ich mit meinen Brüdern und Schwestern und meinem Vater gespielt habe und mit meiner Mutter im Chor sang, da war das was ganz Natürliches. Es passierte einfach, weil wir zuhause Musik gemacht haben. Mein Vater hatte ein Pub, und wir haben mit ihm gespielt, sind dort aufgetreten. Es hat sich einfach so ergeben. Und so war’s diesmal auch, weil wir eine Familie sind. Natürlich keine so große – ich bin die Älteste von neun Kindern. Aber meine Kinder lieben Musik, mein Mann hat wieder angefangen Cello zu spielen, und wir haben schon vor diesem Album zusammen Musik gemacht. Wir sind beispielsweise zu viert bei Wohltätigkeitsveranstaltung aufgetreten. Paul hat gerade seinen Uni-Abschluss gemacht, und er wollte noch etwas Musik machen, bevor er sich etwas anderem zuwendet. Ich schlug vor, dass wir ein paar Songs zusammen schreiben. Aisling hat schon fürs letzte Clannad-Album zwei Songs mit mir geschrieben, und sie war dann auch dabei. Am Ende hatten wir neun gemeinsame Songs, obwohl es nur ein paar werden sollten. Eins habe ich mit meinem Ehemann Tim geschrieben, und dann das Instrumental, das ist nur von mir. Das ist meiner Mutter gewidmet, „Banríon“, was Königin bedeutet, denn das ist sie. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es hat sich so ergeben, aber es war nicht so beabsichtigt. Ich habe nicht gesagt, so hat Clannad auch angefangen. Was für Pläne hat Clannad derzeit? Im Moment keine. Auf der letzten Tour hatten wir ’ne große Band, wir standen auf großen Bühnen, und jeder liebte den Clannad-Sound. Ich würde gerne mal wieder akustisch spielen, zurück zu den Anfangstagen. Wir reden da so bisschen drüber, wir sehen uns ja ständig. Letzten Sommer haben wir ein Bandmitglied verloren, was ziemlich traurig war. Ihren Onkel Pádraig Duggan ... Ja, mein Onkel. Er war ein paar Jahre älter als ich, aber Clannad gibt’s ja schon fast 46 Jahre, und wir sind zusammen aufgewachsen. Wir waren wie Bruder und Schwester. Es war echt komisch, wenn die Leute sagten „Das tut mir leid, das mit deinem Onkel“. Und ich dachte immer: „Onkel? Neee.“ Clannad waren ich und vier Brüder, so hat’s sich jedenfalls immer angefühlt. Es war richtig, richtig traurig, ihn zu verlieren. Das ging mir genauso nah wie der Tod meines Vaters sechs Wochen zuvor, vielleicht noch mehr. Vielleicht hab’ ich da noch um meinen Vater getrauert, weshalb es umso schwerer für mich war. Es war so traurig. Du hast fünf Leute, die 1970 eine Band gegründet haben, und auf einmal war der Kreis zerbrochen. Jedes Mal, wenn ich auf die Bühne ging, um ihm einen Song zu widmen, war es sehr schwer für mich. Ich hab’ ja vorhin gesagt, dass die Dinge bei Clannad einfach so passiert sind. So wird es diesmal auch sein. Wir machen da kleine Pläne, wir sitzen nicht zusammen und sagen „Okay, lass uns dies tun oder das“. Wenn es passiert, passiert’s. Vielleicht wird es ein letztes Hurra. Das würde mir gefallen. Wir Deutschen lieben ja Irish Folk ... Oh ja! Wir spielen seit 1975 oder ’76 bei euch. Ihr wart sowas wie unsere Rettung. Ich weiß nicht, ob Sie das wussten. Wusste ich nicht. Hier in Irland hat uns ja niemand gehört. Wir sangen ja hauptsächlich auf Gälisch, und die Leute dachten, wir sind verrückt. Es gab diesen Balladen-Boom, die Fureys, die Dubliners und all das, und wir waren keine Balladen-Band. Und die Deutschen haben uns einfach ins Herz geschlossen. In Deutschland aufzutreten, hat uns zu einer professionellen Bernd gemacht. Danke dafür! Wenn wir von Irish Folk sprechen, denken wir aber an so Bands wie die Dubliners, die Chieftains, die Pogues, an Jigs and Reels und Flöten. Ihre keltische Musik klingt so ganz anders. Es gibt halt mehr als nur die Melodien, mehr als die Chieftains und die Balladen. Unsere Muttersprache war Gälisch. Wir kannten all diese gälischen Lieder, damit sind wir aufgewachsen, nicht mit den Balladen aus Dublin, mit dem die Dubliners aufgewachsen sind. Bei uns ging es mehr um den Gesang, nicht um die irischen Instrumente. Wir benutzten das, was wir daheim hatten. Früher war es so: Wenn du niemanden in der Familie hattest, der ein traditionelles Instrument spielt, dann konntest du es nicht richtig lernen. Heute gibt’s ja überall Schulen, und das Niveau ist phänomenal. Aber vor Jahren, wenn du da ein Instrument gelernt hast, warst du eben nicht besonders gut drin, wenn’s niemand in der Familie konnte. Mein Vater hatte eine Showband, er machte Tanzmusik. Er hatte ein Schlagzeug, Kontrabass, E-Gitarre, Saxofon. So sind wir aufgewachsen. Wir haben Irisch gesprochen und gehört, wie er geprobt hat. Die Everly Brothers, Nat King Cole, Bill Haley, sowas. So kam diese Mischung zustande. Früher war’s so, dass du zu gälischen Liedern keine Instrumente spielen durftest. Das einzige Instrument, das erlaubt war, wenn jemand ein traditionelles gälisches Lied singt, war die Harfe. Ihr Instrument ... Ja. Aber mir hat die Vorstellung nicht gefallen, nur Stimme und Harfe zu haben. Das war mir „too irishy“. Also nahmen wir die Instrumente, die mein Vater hatte, und die gälischen Lieder. Und wir liebten den Harmoniegesang. Wir wuchsen mit amerikanischer Westcoast-Musik auf, The Mamas and the Papas, die Beach Boys. Als wir das in unsere Musik einfließen ließen, haben wir eigentlich was Falsches getan. Die haben uns richtig ausgegrenzt: „Das könnt ihr doch nicht machen.“ Wir waren keine Band, die Balladen gesungen hat, also haben sich die Balladen-Leute nicht für uns interessiert. Und die gälischen Leute haben gesagt, wir machen die irischen Lieder kaputt, und haben es auch nicht gehört. Deshalb sind wir nach Europa gegangen. Wir wollten einfach das spielen, was uns vom Sound her gefiel. Und da sind wir wieder bei etwas, das einfach so passiert. Unsere Musik passt auch richtig zu Donegal, unserer Heimat. Da ist dieses Erdige. Ich sag’ den Leuten immer, wenn ihr nach Irland fahrt, fahrt nach Donegal, und ihr werdet den Clannad-Sound spüren. Wir waren die ersten, die solche Musik gemacht haben. Wenn die Leute von keltischer Musik reden, dann meinen sie unseren Sound, nicht die Dubliners oder die Chieftains. Clannads Durchbruch war „Theme from Harry’s Game“, das Titellied zu einer Fernsehserie über die Unruhen in Nordirland. Jetzt kommt der Brexit, und es wird wieder eine Grenze zwischen Irland und Nordirland geben. Haben Sie Angst, dass die Unruhen wieder aufflammen könnten? Das wird nicht passieren. Das politische System hat sich verändert. Die Leute werden jetzt in der nordirischen Regierung vertreten, das war etwas, wofür sie gekämpft haben. Es gibt immer welche, die Ärger machen. Aber so weit wird es nicht gehen. Die Leute werden nicht mehr so behandelt wie in den 60ern. Aber komisch wird’s schon. Wenn ich von Donegal nach Dublin fahre, fahr’ ich immer durch den Norden. Das hab’ ich aber auch schon früher so gemacht, als es die Grenze noch gab. Es wird aber eine Zollgrenze geben, so dass du nicht mehr alles mit rein- oder rausnehmen darfst. Ich glaube, worum’s den Briten vor allem geht, sind Einwanderer, die über Irland nach England einreisen. Das ist deren größte Sorge. Natürlich wird der Handel auch ein bisschen eingeschränkt. Keiner weiß, was passieren wird. Klingt so, als würde sich Irland keine großen Sorgen um den Brexit machen. Schon ein bisschen. Alle spekulieren noch und warten ab. Es gibt halt viele Verbindungen; Leute, die in England leben, dort arbeiten, Familie dort haben. Was auch immer passieren wird, ich glaube, es wird lange dauern, das auszubügeln. Aber es wird mehr um solche Sachen wie Steuern und Handel gehen, darum, ob man nun ein Visum braucht oder nicht. Die Frage wird auch sein, ob die Briten mit Irland anders umgehen werden als mit dem Rest Europas. Es gibt einfach zu viele Verbindungen, zu viel gemeinsame Geschichte. Ich hoffe sehr, dass wir kein Visum brauchen werden, um nach Großbritannien einzureisen. Das haben wir früher auch nicht gebraucht, als es die Grenze noch gab. Glauben Sie, dass sich Irland und Nordirland als Folge des Brexit wieder vereinen könnten? Das ist schwer zu sagen. Eine Menge Leute in Nordirland wollen Teil von Großbritannien bleiben. Das hängt stark von den Nordiren selbst ab.

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