Juden in Zweibrücken Sie wurden schikaniert, deportiert, interniert und ermordet

Am 10. November 1938 brennt die Zweibrücker Synagoge.
Am 10. November 1938 brennt die Zweibrücker Synagoge.

In der Pogromnacht auf 10. November 1938 wurden auch in Zweibrücken jüdische Geschäfte geplündert, Menschen misshandelt und die Synagoge angezündet.

„Der 10. Nov. Morgens um sieben begleitete ich meine Mutter zum Bahnhof, da sahen wir, daß die zwei jüdische Geschäfte ganz demoliert und ausgeraubt waren. Als wir in der Nähe der Synagoge kamen merkte ich einen großen Feuerschein. Also hatten diese Lumpen die angesteckt. Ich machte daß ich heim kam. Um 10 Uhr holten sie meinen Großvater, er ist 77 Jahre alt. Diese Lumpen behielten ihn bis 8 Uhr abends, ohne daß er etwas zu essen bekam.“ (Alfred Mai, damals 14 Jahre alt)
Alfred Mai wird am 19. Juli 1924 in Wallhalben geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern Julius und Elsa Mai (geb. Schwarz) kommt er mit seiner Mutter in den Zweibrücker Haushalt seines Großvaters Simon Schwarz in der Landauer Straße 13. Nach der Pogromnacht darf der Junge nicht mehr die Schule besuchen, da es „keinem deutschen Lehrer … mehr zugemutet werden (kann), an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen“, wie es seinerzeit heißt. Seiner Mutter wird verboten, ihr Geflügelgeschäft weiterzuführen. Den drei Personen, Alfred sowie Mutter und Großvater, gelingt es zwar, eine Bürgschaft für die Einreise in die USA zu erhalten. Bedingt durch die niedrige Zulassungsrate der USA besteht jedoch kaum Hoffnung auf baldige Emigration.

Um wenigstens das Leben des 14-jährigen Jungen zu retten, wird dieser am 8. März 1939 mit einem Kindertransport nach Frankreich verschickt, zusammen mit 28 jüdischen Mädchen und Jungen aus dem saarpfälzischen Raum. In einem alten Jagdschloss bei Paris, das rund 130 jüdische Flüchtlingskinder beherbergt, findet Alfred Unterschlupf. Im Frühjahr 1940, beim Heranrücken der deutschen Truppen, müssen die Kinder in ein angemietetes, deutlich weniger komfortables Hotel im unbesetzten Frankreich umziehen. Auf engem Raum leiden sie dort unter Hunger, Kälte und quälender Ungewissheit über das Schicksal ihrer Eltern.

Die ständige Angst vor Entdeckung

1940/41 verschlechtert sich die Lage weiter. Infolge der Auflösung des Hilfskomitees, das sich bislang um die Kinder gekümmert hatte, werden diese dem jüdischen Hilfswerk OSE übergeben, das mehrere Kinderheime betreibt. Das OSE unterhält ein hervorragendes Netzwerk kleiner Hilfstruppen, die nach der Besetzung der „freien Zone“ Frankreichs durch die Deutschen ab 1942 in der Illegalität arbeiten. Die Kinder werden mit falschen Papieren versehen, in Klöstern und Internaten versteckt oder als Landarbeiter an Bauern vermittelt. Zu allen Schwierigkeiten müssen die Kinder in ständiger Angst vor Entdeckung, Verhaftung und Deportation leben: Von 1942 an fallen immer wieder Kinder in die Hände der französischen Polizei, die sie erbarmungslos den Besatzern ausliefert. Alfred überlebt. Sein Großvater hatte sich schon 1939 in Zweibrücken das Leben genommen, als die Nazis ihn zwingen wollten, sein Haus zu verlassen.

Das Internierungslager Rivesaltes in den 1940er-Jahren im Winter. Hier befindet sich heute ein sehenswertes Museum unter der Erd
Das Internierungslager Rivesaltes in den 1940er-Jahren im Winter. Hier befindet sich heute ein sehenswertes Museum unter der Erde.

Alfreds 49-jähriger Vater Julius Mai kam bereits im Juni 1938 als sogenannter „Schutzhäftling“ ins KZ Dachau. Von dort wird er drei Monate später ins KZ Buchenwald weitergeleitet und einem „Arbeitskommando“ zugeteilt. Am 17. Oktober 1942 kommt er ins Vernichtungslager Auschwitz und wird genau einen Monat später ermordet. Alfreds Mutter Elsa Mai wird im Oktober 1940 ins französische Gurs und von dort ins Internierungs- beziehungsweise Durchgangslager Rivesaltes deportiert, ehe sie am 14. August 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht und ermordet wird.

Nach Gurs und Auschwitz

In Rivesaltes sind seit 1941 auch Greta Kern, ihr Vater Wilhelm Simon und ihre fünfjährige Tochter Ruth interniert. Greta war nach ihrer Scheidung von Emanuel Kern 1937 ins Zweibrücker Elternhaus in der Kaiserstraße 1 zurückgekehrt. Im Oktober 1940 deportiert man sie mit ihren Eltern und dem Töchterchen nach Gurs in Südfrankreich, wo die 55-jährige Mutter psychisch erkrankt und in einer psychiatrischen Klinik stirbt. Sie wird über Rivesaltes und Drancy nach Auschwitz deportiert, wo sie 1942 ermordet wird. Gretas alter, gebrechlicher Vater Wilhelm Simon ist schon Ende 1941 im Internierungslager Rivesaltes gestorben, wo es im Winter bitterkalt und stets windig ist. Die kleine Tochter Ruth wird im April 1942 von OSE-Mitarbeiterinnen aus dem Lager gerettet und bei einer französischen Familie versteckt. Nach 1945 wandert Ruth in die USA aus.

Ruth Kern nach ihrer Befreiung 1944/45
Ruth Kern nach ihrer Befreiung 1944/45

Ein echtes Zweibrücker Original war der Gemischtwarenhändler Wilhelm Simon. Im örtlichen Sprachjargon war er den Einwohnern unter dem Begriff „Judd Simon“ bekannt. Auch arme Familien konnten bei ihm Kleidung kaufen, da er ihnen stets erlaubte, ratenweise nach ihren finanziellen Möglichkeiten abzuzahlen. Am Vormittag des 10. November 1938 wurden in der Kaiserstraße 1 alle Scheiben eingeschlagen, das Kaufhaus und alle jüdischen Wohnungen aufgebrochen und demoliert, Inventar zerstört, Gegenstände geplündert.

Schweigen nach der Shoa

Ungezählt sind die jüdischen Mitbürger, denen trotz gültiger Ausreisepapiere zum Teil wegen restriktiver Einwanderungspolitik der Zielländer die rechtzeitige Flucht aus dem Nazi-Herrschaftsbereich nicht gelungen ist. So schreibt Dave Braunschweig, ein Nachkomme von Zweibrücker Juden, dieser Tage: „Meine Urgroßmutter Sophie Mühlhauser starb im Konzentrationslager Theresienstadt. Wir haben eine Quittung für ihre sichere Überfahrt von Frankreich in die Vereinigten Staaten gefunden, aber sie hat es nie über die Grenze geschafft, um sie zu benutzen.“ Sophie Mühlhausers Sohn Theo, dessen Frau Anni aus Zweibrücken und Sohn Ralph, Dave Braunschweigs Vater, „schafften es kaum. Sie befanden sich zu Beginn der Invasion in Nordfrankreich und waren der deutschen Armee, die durch Frankreich vorrückte, nur 10 bis 20 Meilen voraus.“

Theo Braunschweig, Sohn Ralph, Ehefrau Anni geb. Mai und Theos Bruder Fritz 1940
Theo Braunschweig, Sohn Ralph, Ehefrau Anni geb. Mai und Theos Bruder Fritz 1940

Annis Eltern, Karl und Franziska Mai, glückte im November 1938 die Flucht über Le Havre in die USA. Wie Dave Braunschweig sich erinnert, wurde in der Familie über die Holocaust-Opfer hartnäckig geschwiegen, aber nicht über die frühen Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft: „Ich kann mich nicht erinnern, dass Anni irgendwelche Shoa-Opfer auf ihrer Seite erwähnt hätte. Der Vater ihres Mannes, Isaac Braunschweig, wurde (in München, die Red.) am 20. Oktober 1934, in der Nacht der ersten Razzia in Schwulenbars, auf offener Straße getötet. Er wohnte in der Thierschstraße in der Nähe von Hitler und direkt gegenüber dem Nazi-Verlag. Die Braunhemden versammelten sich vor der Razzia auf der Straße vor dem Verlagshaus, und Isaac ging hinaus und forderte sie auf, mit allem aufzuhören, was sie taten. Sie haben ihn erschossen. [...] Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, dass mein Urgroßvater Hitler sicherlich persönlich kannte und ihm vielleicht irgendwann einmal Schuhe verkauft hat.“ Und weiter: „Leider erzählte Anni nicht viel über ihre Kindheit. Wir wissen sehr wenig über Zweibrücken oder ihre anderen Familienmitglieder.“

Karl Mai, der Bruder von Bertha Levy und Urgroßvater von Dave Braunschweig.
Karl Mai, der Bruder von Bertha Levy und Urgroßvater von Dave Braunschweig.

Wie viele andere auch, suchte Karl Mai aus Zweibrücken noch Jahre später im jüdisch-amerikanischen Blatt „Aufbau“ nach Lebenszeichen seiner bereits im KZ ermordeten Angehörigen. Darunter auch Karl Mais Schwester Bertha Levy aus Zweibrücken, die mit ihrer Tochter Martha 1942 beziehungsweise 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Gedenken

Am 9. November leitet Gästeführerin Tanja Schwab einen 90-minütigen Rundgang in der Fußgängerzone auf jüdischen Spuren in Zweibrücken vom 18. bis 20. Jahrhundert. Treffpunkt ist um 16 Uhr auf dem Hallplatz. Tanja Schwab zeigt, wo die Synagoge stand und führt vorbei an einst jüdischen Geschäften und Wohnhäusern. Gesprochen wird über die Pogromnacht, Verhaftungen, jüdisches Leben nach dem Krieg, über besondere Bauwerke und über bedeutende Bürger jüdischer Abstammung. Die Teilnahme ist kostenlos.
Der Ökumenische Arbeitskreis, der Historische Verein, der Aktionskreis Buntes Zweibrücken und die Stadt laden für Donnerstag, 17 Uhr, zu einer Gedenkstunde am einstigen Standort der Synagoge in der Ritterstraße ein. Bei starkem Regen wird ins Foyer der Karlskirche ausgewichen. Die Lesungen und Ansprachen werden musikalisch umrahmt.

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