Zweibrücken
Lists Atelier: Grandiose Wiedereröffnung mit The Big Fairies
„Die Pizzakartons halten 120 Kilo aus“, sagt der Gastgeber und strahlt. Ja, Dieter List meint das ernst: Die Kartons müssen mal wieder herhalten, denn das Atelier platzt bei rund 75 Besuchern aus allen Nähten. Mit den Pizzakartons schließt sich ein Kreis, mit der Musikgruppe The Big Fairies ein zweiter – beide Akteure waren bei der letzten Landlust im Februar 2020 am Start.
Über 1100 Tage ist es her, dass der Künstler Dieter List seine Pforten Gleichgesinnten öffnete. Und die musizierten, lasen oder schwadronierten, was das Zeug hielt. Die ganze Zeit hat sich List noch nicht getraut, jetzt schon. Jetzt freut er sich: „Liebe Leute, ich finde das großartig, dass ihr hier seid, in meinem Wohnzimmer!“, begrüßt er die Besucher. Die Euphorie bricht sich in seiner Stimme. Schließlich konnte er diesen Satz auch mehr als drei Jahre lang nicht sagen.
Lagerfeuerstimmung
Bei den Zuhörern dürften ähnliche Gefühle ausbrechen, wenn die Big Fairies zu spielen beginnen. „Augen zu und zuhören“, lautet vor dem ersten Lied, einem Instrumentalstück, der Rat der Musikgruppe. Die Gitarre (Connie Haller) verbreitet Lagerfeuerstimmung. Wolfgang Thobaes Akkordeon ist plätschernd, treibend und lässt einen über die saftigen Wiesen Irlands fliegen. Nach dem Lied entfährt Dieter List ein Triumphschrei.
Die Musikgruppe zaubert eine vertraute Atmosphäre und garniert sie mit tollen Stimmen. Oft glockenklar, säuselnd und manchmal auch fetziger interpretieren sie auch bekannte Songs wie „Molly Malone“ großartig. Die „inoffizielle Hymne der Stadt Dublin“ dreht sich um eine Frau, die tagsüber Fischverkäuferin ist – abends hat sie dann andere Sachen gemacht. Das wurde ihr zum Verhängnis: Durch ein Fieber, vermutlich ausgelöst durch eine Geschlechtskrankheit, starb sie. In Dublin steht eine Statue von ihr.
Trinklieder
Die Big Fairies, die sich aus dem Mittelbacher Frauenchor Gospel and Praise entwickelt haben, weil ihnen Irish Folk so gut gefiel, bringen ein breites Spektrum ins Atelier. Sie schaffen ein tolle Atmosphäre, die auf berührende Momente trifft – und dann geht die große Party los. „Das sind die Trinklieder!“, meint Dani Haller vor „Whiskey in the Jar“. In der Pubstimmung liegen viele losgelöste Momente. Da ist es Fluch und Segen zugleich, dass so viele Leute ins kleine Atelier gekommen sind. Tanzen ist da schwierig – „aber man kann auch sitztanzen“, meint Wagner.
Nicht nur akustisch haben die Big Fairies (große Elfen) etwas drauf: Anette Wagner legt bei den fetzigen Liedern Stepptänze hin. Das verleitet Nicole Flesner zu einem Reim: „Es Anette beim Gesteppe.“
Klangteppich
Plötzlich wird es ganz leise. Die Strophen von „Danny Boy“ sind zerbrechlich und zart, in den Refrains wabert dann ein harmonischer Quartettgesang. Lebensfreude, Sehnsucht und Wehmut – all diese Stimmungen vereinen sich. Egal, welchen Stil sie wählen – die Big Fairies versinken in den Zeilen und tragen die Songs mit sprühender Lockerheit zu den Zuhörern. Sie weben einen Klangteppich mit goldenen Garn aus Melancholie und Träumen.
Hoffentlich hatte Wolfgang Thobae vor seinem allerersten Solo nur gute Träume. Er überzeugt bei „Caledonia“ und verschmilzt sogar im stimmlichen Duett. Birgit Bette, Nicole Flesner, Anja Pless und Martina Fuchs komplettieren die Sangesfront. Sängerin Eva Schuler unterstützt die Band auch mit Percussion. „Grace“ thematisiert die Hochzeit eines zum Tode verurteilten Mannes. In der Nacht der Hinrichtung heiratete er seine Geliebte. In den Zeilen schimmert viel Emotion.
Neue Gemälde
Eine Neuerung im Atelier gab es: Sonst holte Dieter List immer Gastkünstler dazu, die ihre Werke zeigen. Aber da List selbst viel Neues geschaffen hat, ist er sich einfach selbst der beste Gast. Denn inmitten seiner Bilder kann man der Musik lauschen.
Der Abend zeigt: Es muss nicht immer die große Bühne sein. Denn die Atmosphäre ist intimer als in einer großen Halle. Nur ein Manko gab’s: Dieter List hätte statt des Weins lieber mal Whisky bereitstellen sollen.