Saarbrücken
Joe Bonamassa: Ein wütendes Statement für den Blues
Mit „Evil Mama“ aus der 2018 erschienenen CD „Redemption“ steigt Joe Bonamassa wuchtig in sein Konzert ein. Für Kenner seines jüngeren Schaffens ist das eine Überraschung. Denn es hätte auch „Notches“ sein können aus der erst 2021 erschienenen CD „Time Clocks“. Sie folgte nur ein Jahr auf „Royal Tea“, coronabedingt. „Notches“ eröffnet eine CD, auf der Bonamassa klassische Rockmusik genial mit dem von ihm so verehrten Bluesrock verknüpft. Überhaupt wandert der in New Hartford, New York Geborene neuerdings gerne und ausführlich in Richtung Rockmusik.
2020 serviert er auf „Royal Tea“ Progrock. In „When One Door Opens“ klingt es in manchen Passagen sogar wie eine klassische James-Bond-Melodie. „Time Clocks“ wiederum gipfelt in Songs wie dem marschierenden „Curtain Call“, zu dem der er ein spektakuläres Antikriegs-Musikvideo drehen ließ. Aber keins dieser wirklich guten neuen Lieder steht auf der Setliste der aktuellen. Das muss sich erst einmal setzen.
Lautstark und energisch
Ein Grund dafür mag sein, dass Blues-Fans eben Puristen sind. Nicht wenige finden Bonamassas Ausflüge in die Rockmusik anbiedernd. Vor allem, seitdem er bei den Veröffentlichungen auf den Produzenten Kevin Shirley vertraut, der mit Rockbands wie Aerosmith, Journey, Dream Theater und Iron Maiden zusammenarbeitet. So kann man Bonamassas derzeitige Tournee durchaus als klatschende Ohrfeige in Richtung jener Kritiker einordnen, die den Gitarristen mit den Worten provozieren, er könne das Handwerk des Bluesrock verlernt haben. Nein, im Gegenteil, der Maestro kann es noch. Lautstark und energisch.
Es ist nicht auszuschließen, dass Bonamassa mit seiner Liedauswahl für den Abend diejenigen enttäuscht, die auch wegen des Rockmusikers in die Saar-Metropole gekommen sind. Doch dafür spielt er diesmal Klassiker aus seinem Werk, die bei seinem letzten Gastspiel 2015 schmerzlich vermisst wurden. „Dust Bowl“ gehört in diese Gruppe. Damit wird das in „Evil Mama“ vorgelegte Tempo zwar ein wenig gedrosselt – spannend bleibt das Konzert trotzdem bis zum Schluss.
Kräftig und balladenhaft
Das liegt auch an Bonamassas Begleitpersonal, allen voran Keyboarder Reese Wynans. Wynans wurde als Mitglied von Stevie Ray Vaughns Double Trouble bereits in die amerikanische Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Im Gegensatz zu seinem derzeitigen Frontmann übrigens, der Wynans bereits vor acht Jahren als Co-Star mit ins Saarbrücker E-Werk brachte. Der Tastenmann ist derjenige, dem während des Konzerts neben Bonamassa am meisten Raum für Soli eingeräumt wird.
Zwei Stunden wandert Bonamassa gekonnt zwischen Kraft und Balladen. Dem „Midnight Blues“ von Gary Moore lässt er „The Heart that Never Waits“ folgen, das einzige Stück aus dem sträflich vernachlässigten „Time Clocks“. Aber was für ein Blues ist das! Bonamassa dehnt den Shuffle virtuos aus, wie überhaupt die meisten Lieder des Abends. Hier zeigt sich, dass ein herausragender Bühnenmusiker sein Publikum durch ein gutes Programm führt. Bis hinein in ein nahezu auf Zimmerlautstärke reduziertes Solo, das die Unruhe im Publikum nach unten dimmt.
Wenn die Fans aufspringen
Die Bluesfans bleiben fast die ganze Zeit brav auf seinen Stühlen sitzen. Der Maestro, der wenig mit seinem Publikum spricht und höchstens erwähnt, wie froh er darüber sei, nach dem Höhepunkt der Pandemie endlich wieder einen Job zu haben und noch in seinen Bühnen-Anzug zu passen, reißt nach etwa 90 Minuten seine Arme nach oben und beendet auf einen Schlag das Innehalten der Sitzengebliebenen.
Es ist Zeit für „The Ballad of John Henry“, als den Song, der sein Konzert wie schon vor acht Jahren im E-Werk in ein wütendes Finale leitet. Wer noch kann und will, springt auf und eilt an die Bühne. Nach einem kurzen Zugaben-Geplänkel serviert der Mann in Anzug und Sonnenbrille noch „Woke Up Dreaming“ und die herrliche Ballade „Mountain Time“. Danke, bis zum nächsten Mal.