Homburg / Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Film „Europe“: Die Algerierin ist voll integriert, muss aber das Land verlassen

Hauptdarstellerin Rhim Ibrir im Bürgeramt.
Hauptdarstellerin Rhim Ibrir im Bürgeramt.

Der Spielfilm „Europe“ von Philipp Scheffner aus Homburg, der am Sonntag bei der Berlinale Premiere hatte, erzählt eine wahre Geschichte auf faszinierend ungewöhnliche Art.

Die Operation ist gelungen, ein bisschen Physiotherapie im Schwimmbad noch, dann ist Zohra wieder gesund. Doch für Zohra ist dieses frohe Botschaft ihres Arztes das Schlimmste, was ihr passieren kann. Die junge Algerierin hat eine Aufenthaltsgenehmigung, weil sie in ärztlicher Behandlung ist. Und die nun nicht verlängert wird.

Bushaltestelle „Europe

Mit dem Bus fährt die 32-jährige Zohra durch eine typische Vorortsiedlung aus den 60er Jahren. An der Haltestelle „Europe“ steigt sie aus. Die Algerierin hat sich ihr Dasein der französischen Stadt Châtellerault (bei Poitiers) eingerichtet. Sie hat ein bescheidenes, geregelten Leben in der wo sie in einer Kleiderkammer arbeitet. Sie spricht Französisch, hat Freunde, eine kleine Wohnung in einem Vorort. Die Nachbarn kennen sie und auch der Busfahrer. Die schwere Skoliose (Wirbelsäulenkrümmung), die durch Operation nun korrigiert werden konnte, ist überstanden. Sie macht Pläne und will ihren Ehemann herholen, mit dem sie täglich telefoniert. Sie geht zur Physiotherapie ins Schwimmbad, zur Arbeit und trifft sich zu Hause mit Freundinnen, sie lacht, ist fröhlich und eigentlich voll integriert.

Als ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wird, glaubt sie zuerst an einen Irrtum. Doch der Sachbearbeiter in der Präfektur sagt ihr, dass sie das Land verlassen muss. Zohra versteht die Welt nicht mehr, schließlich hat sie sich nichts zu Schulde kommen lassen. Zohra will bleiben, sie hat hier Familie und Freunde. Sie bleibt und wird zur Illegalen.

Eine Frau verschwindet aus dem Bild

Von diesem Zeitpunkt an wird die typische Migrantengeschichte eine ungewöhnlich. Sah und hörte man bisher Zohra, so ist sie plötzlich verschwunden, nicht mehr im Bild, man sieht immer nur ihr Gegenüber: Freunde und Verwandte, die sich mit ihr unterhalten. Die Stadt ist leer, es sind Sommerferien, die meisten Freunde und Bekannte sind verreist. Sie hat deren Wohnungsschlüssel und lebt auch in ihren Wohnungen, denn in ihrer bisherigen kann sie als Illegale nicht bleiben, da würde man sie sofort finden.

In ihrem Tagträumen ist sie eine erfolgreiche Frau in Frankreich, die schick angezogen ist und einen guten Job hat. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Im dritten und letzten Teil des Film sieht man sie wieder, sie bleibt im Land und hat nun ein anderes Leben. Als Zuschauer ist man irritiert: Irgendwann weiß man nicht mehr, was Realität und was Fiktion ist. Das weiß nur Zohra oder besser Rhim Ibrir, die hier mehr oder weniger sich selbst und ihre Geschichte spielt. In dieser ungewöhnliche Dramatisierung sieht man nur einen kleinen Ausschnitt aus der Welt, jenen Ausschnitt, die auch die Migranten nur sehen: Arbeit, Bus, Supermarkt, Spaziergänge durch ihr Viertel, Treffen mit anderen Algerierinnen, mit denen Zohra teilweise auch Arabisch spricht.

Zuschauer kommen ins Grübeln

Die Zuschauer müssen sich vieles selbst ausmalen, denn nicht alles wird erklärt. Das sorgt für Spannung. Unmerklich wird man so in Geschichte hereingezogen, kommt ins Grübeln. Man fühlt mit Zohra und wünscht, dass sie vielleicht doch noch einen Weg in die Legalität findet, als die Sachbearbeiterin einer anderen Behörde, bei der sie vorspricht, sie nicht sofort abweist, sondern ihren Fall noch einmal prüfen lassen will.

Natürlich prangert Philipp Scheffner hier an, wie eine Gesellschaft mit ihren Migranten umgeht – in diesem Fall mit den Nachkommen der Harkis, den algerischen Veteranen der französischen Armee im Algerienkrieg (und ihre Nachkommen), die jedes Jahr feierlich geehrt werden, wie man auch sieht. Aber es gibt nur stille Anklagen, keine Proteste. Zohra weint nicht, sie jammert nicht und sie erzählt niemandem, dass sie keine Aufenthaltsgenehmigung mehr hat. Ihre Arbeit in der Kleiderkammer muss sie natürlich aufgeben, da man auch dort die Bescheinigung verlangt, die sie nicht mehr hat. Aber Zohra bewegt sich immer noch durch die Stadt.

Ruhige Bilder von Volker Sattler

In allen drei Teilen wird der Alltag in ruhigen Bildern und längeren Einstellungen erzählt (von dem 1970 in Speyer geborenen Kameramann und Dokumentarfilmer Volker Sattel, der für seine meisterhaften Architekturfilme bekannt ist). Manches wirkt auf den ersten Blick wie ein Dokumentarfilm, der Bereich, aus dem der 1966 in Homburg geborene Wahl-Berliner kommt. Dafür sorgen auch die Fahrten durch die typische Vorortsiedlung mit Mietshäuserblocks, Park, Kino, Schwimmbad und Einkaufszentrum, die nicht kommentiert werden. Es dauert eine Weile, bis sich die Empathie der Filmemacher auf die Zuschauer überträgt.

Nie sieht man Zohra nie in Großaufnahme, immer aus einer gewissen Distanz. Gerade weil der Film in Frankreich spielt, beginnt man als Zuschauer automatisch sich zu fragen, ob es in Deutschland genauso ist – oder in anderen europäischen Ländern und muss sich eingestehen, dass man es nicht weiß. Keine schöne Vorstellung.

Info

Kinostart: 10. März

Die leere Stadt in den Sommerferien.
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