Zweibrücken Explosive Wucht

Spontaneität des Vortrages, beflügelt von immenser Musizierfreude und getragen von großer technischer und gestalterischer Reife – das sind die wichtigsten Eindrücke vom Eröffnungskonzert der 21. Internationalen Kammermusiktage am Dienstagabend im Homburger Saalbau.
Das Vogler-Quartett aus Berlin hat – wie in den Vorjahren – Werke ausgesucht, denen man nicht oft im Konzertsaal begegnet. Wie üblich erarbeiten die eingeladenen Musiker ihr Abendprogramm tagsüber vor Ort und geben den Hörern die Möglichkeit, verschiedene wechselnde Besetzungen zu erleben. Im Eröffnungskonzert waren dies ein Streichquartett, eine Cellosonate und ein Streichsextett. Das Vogler-Quartett mit den Musikern Tim Vogler und Frank Reinecke (Violinen), Stefan Fehlandt (Viola) und Stephan Forck (Cello) hatte für den ersten Teil das vorletzte der Haydn-Quartette op. 77/1 ausgewählt, das 1799 entstand und dem Fürsten Lobkowitz gewidmet war. In der Lesart der Berliner Streicher war das Werk jedoch keine Reminiszenz an die Barockzeit. In der kompromisslosen Ernsthaftigkeit empfand das Publikum etwas davon, dass Haydns späte Quartette die nachfolgenden Komponistengenerationen beeinflusst haben. Vom Geschwindmarsch des Ersten Satzes über das prachtvoll gegliederte und liedhafte Adagio, das schwungvolle Menuett bis zum dahinstürmenden Bauerntanz-Finale erlebte das Publikum eine Wiedergabe auf hohem technischem Niveau und perfektem Zusammenspiel. Man fühlte sich trotz der eingängigen Melodik ebenso gefordert wie die vier Musiker, die engagiert und konzentriert, immer genau kontrolliert und klanglich ausgewogen, mit den Noten umgingen. Auch bei der Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 C-Dur op. 102 von Beethoven handelt es sich um ein vorletztes Werk dieser Gattung. Mischa Meyer (Cello) und Caspar Frantz (Klavier) musizierten energisch, das Cello faszinierte mit seiner samtenen Wärme und Poesie vermittelnden Ton ebenso wie das Klavier mit seiner perlenden Geläufigkeit in den Allegroteilen. Bei der Entwicklung des thematischen Materials ergab sich dichtes, ausdrucksvolles Musizieren dieser Sonate, deren überschäumende Freude sich unmittelbar mitteilte. Nach der kleineren Besetzung des Ersten Teiles ging es nach der Pause eine kleine Nummer größer weiter. Nicht weniger als sechs Streicher hatten sich zusammengefunden, um sich und das Publikum mit dem ersten der beiden Streichsextette zu vergnügen, das Johannes Brahms als 27-Jähriger komponierte. Brahms hatte zwar den Ruf, recht ernst zu sein, aber er hatte auch eine fast schuberthafte sonnige Seite. Das kann man aus dem Sextett Nr. 1 B-Dur op. 18 unschwer heraushören, ein herrliches Werk mit köstlichem Wohllaut und jugendfrisch strömenden Ideen. Das Vogler-Quartett war dabei mit Tatjana Masurenko (Viola) und Mischa Mayer (Cello) ergänzt worden, sodass die Besucher die selten im Konzertsaal anzutreffende Besetzung mit je zwei Violinen, Bratschen und Celli erleben konnten. Die sechs Instrumentalisten musizierten einen expressiven Brahms, der die Ideallinie zwischen romantischer Lyrik und explosiver Wucht fand. Empfindsam, sensibel, dynamisch sicher ausgelotet führte das Allegro in die Klangwelt von Brahms ein. Atmosphärisch dicht leitete das Andante zum erdhaft-kraftvollen Scherzo über. Das Finale, klug disponiert, vermittelte alle Schönheiten dieses reichen, auch rhythmisch vielgestaltigen Satzes mit seiner liedhaft-melodischen Anlage. Das Zusammenspiel der sechs Musiker, die das Werk sicherlich erst kurz vor dem Festival miteinander erarbeitet hatten, fesselte. Es beeindruckte durch die Dichte des Zusammenspiels ebenso wie durch die packende, schlüssige, fast sinfonische Deutung dieses selten gespielten Werkes. Bravorufe und stürmischer Beifall der mehr als 300 Besucher dankten Tatjana Masurenko, Mischa Mayer und ihren Kollegen vom Vogler-Quartett für diesen glanzvollen Start des Homburger Kammermusikfestivals. Der Saarländische Rundfunk hat das Konzert auf SR2 Kultur für einen späteren Sendetermin aufgenommen.