Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Entführung aus dem Serail“: Temporeiche Inszenierung mit einer Schwachstelle

Eine Szene aus „Die Entführung aus dem Serail“ mit Bettina Maria Bauer als Blonde und Tapani Plathan als Wächter Osmin.
Eine Szene aus »Die Entführung aus dem Serail« mit Bettina Maria Bauer als Blonde und Tapani Plathan als Wächter Osmin.

Mit einer frischen Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ überrascht Regisseur Tomo Sugao das Publikum des Saarländischen Staatstheaters. Justus Thorau am Dirigentenpult und das Saarländische Staatsorchester sorgen dabei für einen spritzig-schwungvollen Sound.

Anders als viele Besucher vielleicht erwartet haben, setzt Tomo Sugao die Geschichte um Konstanze (Liudmila Lokaichuk) und ihren Geliebten Belmonte (Jon Jurgens) sowie das Dienerpaar Blonde (Bettina Maria Bauer) und Pedrillo (Albert Memeti) nicht vor dem Hintergrund des aktuellen Nahost-Krieges in Szene, auch der Konflikt zwischen Christentum und Islam ist nicht sein Thema.

Der gebürtige Japaner Sugao, der einen Teil seiner Kindheit und Jugend in den USA und in Europa verbracht hat und nach Giuseppe Verdis „Il Trovatore“ nun seine zweite Regiearbeit in Saarbrücken vorstellt, rückt in seiner Inszenierung von „Die Entführung aus dem Serail“ vielmehr die Erfahrung der Fremdheit in den Fokus. Dabei konzentriert er sich auf die Gegensätze zwischen der westlichen Welt und modernen fernöstlichen Mega-Citys, auch das komische Element kommt in seinem fremden Blick nicht zu kurz.

107 Ampeln und eine übergroße Katze

Die Bühne zeigt eine verwirrende Vielfalt von verschiedenfarbigen Ampeln, insgesamt sind es 107. Die bunten Lichtzeichen und Wegweiserpfeile sollen Fremden helfen, sich zu orientieren, lösen aber durch ihre Vielzahl eher Irritation aus – eine Lichterwelt, die den Fremden blendet und fast erdrückend wirkt. Hier trifft der junge Belmonte (Jon Jurgens) ein, um nach seiner verschwundenen Verlobten Konstanze zu suchen, sie zu befreien und sie wieder mit nach Hause zu nehmen.

Zentrum dieser Popkultur-Welt, in der Bassa Selim (Po-fu Wu), ein erfolgreicher chinesischer Geschäftsmann und Philanthrop, das Sagen hat, ist eine große Bar, ein Maid-Café, in dem Konstanze und Blonde als Dienerinnen arbeiten. Diese Welt mit ihrer Cosplay-Subkultur ist bevölkert von Figuren, die man aus japanischen Mangas und Animes kennt und die dem Besucher an jeder Straßenecke begegnen können. Unter ihnen ist auch eine übergroße und trotzdem total niedliche Hello-Kitty-Katze, die Neuankommende begrüßt. Die Maid-Cafés entstanden zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Japan als Spielart dieser Cosplay-Subkultur, hier begrüßen die Kellnerinnen in pseudo-französischen Kostümen mit ostasiatischen Elementen die Gäste unterwürfig als „Meister“ oder „Herrin“ in einem amüsanten Spiel, allerdings nach fest vorgegebenen Regeln, die den Austausch persönlicher Daten oder sexuelle Kontakte ausschließen. Die Performance der Kellnerinnen weckt aber gleichzeitig Illusionen und stimuliert Fantasien, sodass eine ambivalente Stimmung entsteht.

Fremdheit und Orientierungslosigkeit

Allerdings steht es Konstanze und Blonde nicht frei, ihren Arbeitsplatz nach Belieben zu verlassen, dafür sorgt der Wächter Osmin (Tapani Plathan). Und das ist auch die einzige Schwachstelle dieser insgesamt temporeichen und peppigen Inszenierung: Warum steht es Konstanze und Blonde nicht frei, ihren Job in dem Maid-Café zu kündigen, wenn sie das möchten? Die Antwort auf diese Frage bleibt Tomo Sugao schuldig.

Viel besser hingegen trifft er das Gefühl der Fremdheit, Verwirrung und Orientierungslosigkeit im Kontakt unterschiedlicher Kulturen, der schnell zu einem Konflikt werden kann. In diesem Wirbel der neuen Eindrücke müssen sich seine Protagonisten über ihre Gefühle klar werden: In Belmonte streiten Sehnsucht und Ängstlichkeit, Vertrauen und Zweifel – Gefühle, die Jon Jurgens mit seinem schlank geführten, schlackenreinen lyrischen Tenor und makellosen Spitzentönen ebenso überzeugend vermittelt wie durch sein jugendliches Spiel, ohne falsche heroische Gesten.

Etwas großtuerischer kommt da schon Pedrillo daher, vor allem in seinen Auseinandersetzungen mit Osmin, den Tapani Plathan mit schönem dunklem Bass fernab von gängigen Türkenklischees – Tomo Sugao vermeidet diese elegant – als psychisch verletzten Mann verkörpert, der sich einer Frau immer versichern muss.

Frisch und lebendig

Souverän dagegen zeigt sich der undurchsichtige Geschäftsmann Selim, der in seiner Ungreifbarkeit fast zu einer Projektionsfläche wird, aber großzügig verzichten kann. Denn Konstanze, deren Hin- und Hergerissensein Liudmila Lokaichuk in ihren bis zu höchsten Spitzentönen glitzernden Koloraturen anrührend lebendig werden lässt, gehört doch zu ihrem Belmonte. Den Pulsschlag dieser Menschen und dieser Welt fangen Justus Thorau und das Saarländische Staatsorchester mit einer frappierenden Frische und Lebendigkeit ein, die das Publikum vom ersten Ton an in ihren Bann ziehen.

Weitere Termine

1. Juni, 9. Juni, 15. Juni, 18. Juni, 28. Juni, 30. Juni, 3. Juli

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