Kolumne: Ich sag’s mal so
Automatisch geht’s auch nicht immer besser
Am Wochenende bin ich nach längerer Zeit mal wieder geflogen und war überwältigt a) von der Tatsache, dass das mit dem Fliegen überhaupt klappt und b) wie automatisiert alles inzwischen abläuft. Buchen online, einchecken online, das Handy ersetzt den Schalter mit dem Bodenpersonal, und sogar eine automatische Passkontrolle gibt’s.
Meine beiden Mitreisenden legten ihren Pass auf den Scanner, schauten auf eine dafür vorgesehene Fläche („Gesichtskontrolle, haha“), und flupp waren sie durch. Ich tat ihnen nach, doch bei mir streikte der Automat. Ein rotes Kreuz erschien, egal wie ich den Pass auflegte und guckte. Nein. Nein. Nein. „Es geht nicht“, rief ich den Mitreisenden zu, verfluchte die überschätzte Technik, informierte den Fluggast hinter mit, dass dieser Automat kaputt sei, und begab mich zum Bundespolizei-Schalter mit menschlicher Besatzung.
Dort stellte sich heraus, dass der Automat nicht kaputt war, sondern mein Personalausweis abgelaufen. Seit 2021. „Das kann nicht sein“, fiepte ich, aber doch, es war genau so, der Polizist zeigte es mir. „So können Sie nicht mitfliegen“, meinte er. Nun lachten auch die Mitreisenden nicht mehr, sondern guckten gestresst, und ich bin sicher, dass sie einen kurzen Moment darüber nachdachten, ob sie so tun sollen, als hätten sie das nicht gehört. Dann hätte ich aus Dublin den Anruf bekommen: „Oh sorry, wir haben gar nicht mitgekriegt, dass du nicht mehr hinter uns warst, tut uns echt leid.“ Dann hielt sie die gute Kinderstube aber doch davon ab.
Blutsturz an der Passkontrolle
Was ich denn nun tun solle, fragte ich den Bundespolizisten, in Gedanken schon Gründe erfindend, warum ich unbedingt in diesen Flieger muss und ob es glaubwürdig ist, wenn ich sage, dass die Regierung mich nach Irland schickt. Mit einem, äh, einem Auftrag, ja, einem geheimen Auftrag. Über den ich nichts sagen darf. Sonst wäre er ja nicht geheim. War dann aber nicht nötig. Ich wurde ein paar Meter weiter zur Wache der Bundespolizei geschickt und bekam dort für acht Euro ein „Ersatzdokument“, so heißt das, ausgestellt. Im Fall der Republik Irland – ein Glück sind die in der EU geblieben – kein Problem. Da lachten auch die Mitreisenden wieder.
Am Ziel angekommen, ging’s gleich weiter mit der Automatisierung. Handy oder EC-Karte wo dranhalten, zack, fertig. Meinen Pass wollte keiner sehen. Schade eigentlich. Ich hätte den Dublinern gerne mein „Ersatzdokument“ gezeigt, aber die hatten ja auch Wichtigeres zu tun. Ich auch, ich hatte ja meinen Auftrag. Von der Regierung. Aber erst wollten wir uns noch Phil Lynotts Grab ansehen. Lynott war der Frontmann von Thin Lizzy, und auf dem St. Fintan’s Friedhof bei Dublin liegt er schon seit 1986. Musikfans aus aller Welt pilgern zu seinem Grab, wenn auch nicht ganz so massenhaft wie zu dem von Jim Morrison in Paris.
Bus fahren ist nicht einfach
Also rein in den Bus und ab zu Phil, und an welcher Haltestelle wir denn da aussteigen müssten, um zum St. Fintan’s Friedhof zu kommen, fragten wir den Busfahrer. Das wisse er auch nicht, meinte er, er mache den Job erst seit drei Monaten, und ob es sich um eine Kurz- oder Langstrecke handele. „Kurzstrecke?“ schlugen wir vor, er dachte nach, und ja, doch, es sei wohl eine Kurzstrecke, meinte er, und er kriege 3,40 Euro. Stolz zückte ich die Karte zum Bezahlen, wegen der Automatisierung, da fragte der Busfahrer, ob das meine erste Busfahrt sei. Ich könne doch im Bus nicht mit Karte bezahlen, das gehe doch gar nicht, er brauche doch Münzen.
Münzen. So richtig aus dem Geldbeutel. Die hatten wir bis dahin überhaupt nicht gebraucht, gar nicht mehr daran gedacht, und auch nach dem Durchkämmen sämtlicher Hand-, Hosen- und Jackentaschen kamen nicht mehr als 3,20 Euro zusammen. Der Busfahrer seufzte, „feck it“, nahm die 3,20 Euro, hieß uns Platz zu nehmen im Bus. Eine fünfköpfige Männergruppe – mutmaßlich Schweden – die nach uns mit ihm verhandelte, musste draußen bleiben. Warum, weiß ich nicht. Sie sind vielleicht schon öfter Bus gefahren und genießen deshalb bei irischen Busfahrern keinen Idiotenschutz mehr, wenn sie was falsch machen.
Wir fanden Phil Lynott und ich finde, dass das mal wieder ein Beweis dafür war, dass Nicht-Automatisiertes doch immer noch sehr viel Charme hat. Ein Automat hätte mir mit Sicherheit kein „Ersatzdokument“ ausgestellt, und ein Automat hätte uns auch nicht mit im Bus fahren lassen, obwohl wir es gar nicht können.