Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Albert Herbigs wertvolles virtuelles Kunstjahr

„Ceci n’est pas une voiture“ nennt Albert Herbig seine Collagen-Serie, die man auf seiner eigenen Webseite (albertherbigart.de)
»Ceci n’est pas une voiture« nennt Albert Herbig seine Collagen-Serie, die man auf seiner eigenen Webseite (albertherbigart.de) findet.

„Ich habe viele neue Tools kennengelernt“, sagt Albert Herbig (60). Er lehrt nicht nur Kommunikation an der Zweibrücker Hochschule, sondern ist auch Künstler. Er zeichnet, fotografiert, malt, schreibt und kombiniert verschiedene Medien. Es dürfte schwer sein, einen Künstler in der Region zu finden, der 2020 im Netz mehr präsent war als der vielseitige Saarbrücker.

Eine Webseite, wo er seine Projekte vorstellt, hatte er schon lange vor Corona. Aber ein Kunstjahr vorwiegend online war schon eine andere Sache. „Im Laufe des Jahres habe ich viele Varianten kennengelernt“, erzählt Albert Herbig. Und: „Ich fand das sehr wertvoll. Man hat gelernt, dass Ausstellung auch anders geht. Man musste sich mit Techniken beschäftigen, mit denen man vorher nichts zu tun hatte: Film, Podcast, eine Seite entwickeln. Im Nachgang war ich erstaunt: Man dachte, es ist ein Jahr, in dem nichts passiert – aber es ist unglaublich viel passiert.“

Als der Lockdown im März kam, hatte Herbig gerade seine Arbeiten in einer Ausstellung im Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken zum Thema Macht. Nach zehn Tagen musste sie schließen. „Das Staatstheater hat dann eine Filmreihe erfunden, wo die Künstler in Kurzfilmen ihre Arbeiten vorgestellt haben. In dem Kontext habe ich erstmals etwas für Netz produziert, eine kleine Geschichte – die Bilder mit Musik unterlegt“ Das kann man über Facebook und staatstheater.saarland abrufen.

Rundgang im Netz

Ebenfalls eine nachträgliche Lösung ist der virtuelle Rundgang durch die Jahresausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler Saarland (BBK), die am 19. November im Saarländischen Künstlerhaus in Saarbrücken hätte eröffnet werden sollen, da war auch Lockdown. „Das war interessant von der Genese her, weil die Ausstellung unbedingt präsent gemacht werden musste anstatt dass man gleich gesagt hätte: Wir machen sie online.“ Das Künstlerhaus schaffte sich eine 360-Grad-Kamera an und drehte einen Rundgang – quasi ein Videoguide statt einem Audioguide.

Von Anfang an nur fürs Internet konzipiert war das Social Distancing Art Festival (Soda), auch im Saarland, finanziert vom Kultusministerium. Diese Website wurde entwickelt, um die Vielzahl von Kunstwerken zu zeigen, die während der Covid-19-Krise entstanden sind. Künstler aus über 20 Ländern sind dem offenen Aufruf gefolgt. Die Webseite ist kuratiert, das heißt es wird nicht alles genommen, was eingeht – wie bei der Zweibrücker Ausstellung „Stadtgalerie“ in den Schaufenstern der Läden im Sommer sondern es ausgesucht - schließlich werden die Beiträge Wochen, Monate und Jahre überdauern und als historische Aussage an Bedeutung gewinnen. „Aus meiner Sicht ist es ein gutes Konzept“, erklärt Herbig, warum er sich beteiligt hat.

Wie ein Tagebuch

Wie gehen die Leute mit dem Lockdown und dem Social Distancing um? Daraus machte Herbig weitere ungewöhnliche Arbeiten, die in einem Projekt der Deutsch-französischen Hochschule entstanden und zu sehen sind – in Kooperation mit dem Fernsehsender Arte. „Da wurde alles nach dem Datum der Eingänge sortiert. wie ein Tagebuch. Die Idee war, eine Art Protokoll der Zeit zu erstellen“, erläutert Herbig.

Im Juni/Juli folgte seine Beteiligung an der Ausstellung der Galerie KM9 von Laas Koehler in Trier, Karl-Marx-Straße 9. „Er hatte immer einen oder zwei Künstler vor Ort und hat sich auf Facebook live eine Stunde mit ihm unterhalten – auch mit Leuten in der Ausstellung. Das kann man sich als Stream via Facebook anschauen. Man konnte auch die Vernissage online miterleben, eine schöne Sache, dann ist die Kunst nicht so unkommentiert“, sagt Herbig, der mit einer Arbeit dabei war - und jetzt im Januar dort mit seiner kompletten Online-Ausstellung „I won this election quite a lot!“ zum letzten Tag von Donald Trump als US-Präsident mit 13 Collagen.

Herbig betreibt selbst eine Galerie: „Sali e tabacchi“ in der Saarbrücker Feldmannstraße 144. Dort hat er sieben Schaufenster-Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Drei Wochen Ausstellung, eine Woche Umbau, dann die nächste Ausstellung. „Es war auch auf Facebook, nicht abgefilmt, das geht schlecht, weil es spiegelt, wir haben es nachgebaut. Das hatte unglaubliche Klickzahlen, weil die Künstler die Sachen geteilt haben.“

Herbig und Jürgen Rinck

Am Parking Day, 18. September, dem Saarbrücker Aktionstag gegen Autoparken und für mehr Lebensqualität, kam der radelnde Zweibrücker Fotokünstler Jürgen Rinck vorbei und zeigte seine Kunst an einer Wäscheleine – vor Besuchern mit Abstand, was damals möglich war und auf Facebook dokumentiert ist, auch auf Rincks Webseite. Dafür beteiligte sich Herbig 2020 bei Rincks Projekt Col-Art mit „Waiting“: Sein düsteres Gemälde zeigt einen Mann, auf dem Stuhl sitzend, wartend.

Auf seiner eigenen Webseite promotete Herbig noch seine Beteiligung bei der Mail-Art Ausstellung „Some Art of Quarantine“ des Kunstvereins Vereins Walpodenstraße in Mainz.

Das Flipbook entdeckt

„Was ich noch in dem Jahr für mich entdeckt habe, ist das Tool der Flipbooks. Da kann man seine Kataloge, die man eigentlich analog zeigt, zum Blättern ins Netz stellen. In Kombination mit einer Ausstellung kann man so ein bisschen sinnlicher die Texte und Fotos erfahren“, meint Herbig - und gibt zu, dass ihm so ging wie anderen auch: das haptische Erleben fehlt. „Wie groß ist ein Bild, wie fühlt es sich an, wie sieht es aus der Nähe aus, wie ist die Farbigkeit – das sind Dinge, die online extrem schwer zu vermitteln sind.“

Herbig fiel auf, dass die Künstler im ersten Lockdown viel aktiver waren als beim zweiten – und schließt sich mit ein. Seine letzte Schaufenster-Ausstellung war im September, danach hatte er keine Lust mehr. „Jetzt ist alles eher abwartend, es gibt nicht mehr so viele Initiativen“. Die Künstler wollen zurück in den Normalbetrieb, auch Herbig. „Für März habe ich eine Galerie-Ausstellung geplant: 25 Tage im Lockdown“. Da habe ich jeden Tag eine Collage gemacht und zeige sie. Motto: „Ein Jahr danach“.

Albert Herbig in der Zweibrücker Hochschule.
Albert Herbig in der Zweibrücker Hochschule.
Magritte-Collagen nebst Erklärung auf Herbigs Website.
Magritte-Collagen nebst Erklärung auf Herbigs Website.
Beim rein virtuellen Social Distancing Art Festival (sodafestival.de) ist Herbg auch dabei.
Beim rein virtuellen Social Distancing Art Festival (sodafestival.de) ist Herbg auch dabei.
Die oben stehende Arbeit und ist auch im Saarländischen Künstlerhaus zu sehen (kuenstlerhaus-saar.de), zurzeit aber nur im Netz.
Die oben stehende Arbeit und ist auch im Saarländischen Künstlerhaus zu sehen (kuenstlerhaus-saar.de), zurzeit aber nur im Netz. Wer auf das i klickt, kann lesen, von welchem Künstler welches Bild ist.
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