Speyer
Werke von Enjott Schneider im Dom
Sie kennen Speyer und den Dom. Salopp gefragt: Was macht dieses Bauwerk mit Ihnen?
In so einem Dom wird man klein, demütig und man nimmt sein gerne aufgeblähtes Ego zurück: eine Null werden, ein Nichts, - das ist der Ausgangspunkt für die Gnade eines wirklichen Einfalls.
Liefert Ihnen der Raum oder die Aura der Kirche, womöglich auch dessen Geschichte eine spezifische Inspiration für die Werke, die Sie für Speyer geschrieben haben?
In dieser Aura wittert man „Unendlichkeit“! Alles Mittelmäßige ist hier für mich ausgeschlossen. Diese gewaltige Architektur zwingt einen, das Beste zu geben, ein 100 Prozent an Qualität, um in solchem Raum mit der Patina eines Jahrtausends bestehen zu können.
Sie schreiben und lehren als Hochschulprofessor Filmmusik. Diese scheint zunächst nichts mit geistlicher Musik zu tun zu haben. Doch beides ist ja Musik, die eine konkrete Funktion hat. Spielt das für Sie eine Rolle?
Musik im Konzert, die Filmmusik und die Geistliche Musik sind für mich in ihrer Essenz identisch. Im Kern geht es stets darum, mit Klängen die Tür aufzumachen zu einer anderen Welt, der Welt des Immateriellen, die mit den Augen nicht zu sehen ist. Es geht darum, hinter den Dingen, hinter den Texten, Bildern, hinter einer vermeintlichen Realität den geistigen Gehalt und das Geheimnis des Seins zu entdecken. Die Oberfläche interessiert mich nicht in dieser Design-orientierten Gesellschaft der Fassaden. Als Filmkomponist muss ich wie ein Psychologe das „Innen“ des optisch dargestellten spürbar machen. Als Kirchenkomponist muss ich die theologischen Tiefensinn ausdrücken. Beispielsweise sind ja viele liturgische Worte wie „Kyrie“ oder „Sanctus“ zu toten Worthülsen geworden, - erst die Musik macht eine aktuelle Schattierung spürbar: ein „Kyrie“ kann bittend, fordernd, verzweifelt oder mutlos klingen…. Durch den Klang werden die Worthülsen quasi wiederbelebt und zutiefst verständlich.
Die Besetzung der drei neuen Werke ist speziell, vor allem in der Verbindung von Violine und Blechbläsern. Was waren da die Herausforderungen?
Es geht ja um Gewaltiges, die Endzeit, die Apokalypse, die Unendlichkeit. Das erfordert einen massiven Klang, der zu den romanischen Quadern dieses Bauwerks passt: also das sakrale Blech wie etwa bei Anton Bruckner. Gleichzeitig muss aber etwas Neues, Ungewohntes spürbar sein, denn „Das Neue Jerusalem“ ist ja der leitmotivische Faden dieses Konzertes.
Da mit „Himmelreich“ und mit „Neue Stadt“ keine materielle Welt mehr gemeint ist, sondern eine spirituelle und geistige Welt („Spiritus“ ist ja der „Geist“), fiel mir die Solovioline als Träger dieser Idee ein: der hohe Klang der Violine schwebt völlig entmaterialisiert über den tiefen Blechklängen, - es ist der schwerelose Flug der weißen Taube, die nicht mehr von der Schwerkraft, sondern von der Leichtigkeit der jenseitigen Welt angezogen wird.
Alle Werke sind Markus Melchiori gewidmet. Haben Sie Ihre drei neuen Werke auch sonst konkret für die Musikerinnen und Musiker der Speyerer Dommusik komponiert?
Markus Melchiori war der ideengebende „spiritus rector“, indem er die Themen des Jerusalem als neuer Stadt und des Psalm 84 konkret vorgab. Die Fähigkeiten des Ensembles kenne ich nicht persönlich, wohl aber das Mögliche, was mit den vereinbarten Besetzungen (Kinderchor, großer Chor, Blechblasensemble, Percussion und Orgel) erreicht werden kann.
Können Sie etwas zum Umgang mit dem Choral „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ und Ihrer Zehntonreihe sagen?
Der Text stammt von Johannes Matthäus Meyfart 1626 und beschreibt seine Vision von der Himmelfahrt der Seele und der Herrlichkeit des neuen Jerusalem als einer geistige Stadt Gottes. Sehnsucht und Begeisterung sind die dominanten Inhalte. Deswegen wird in dieser Choralkantate nicht nur das plakative und äußerst kraftvolle C-Dur des Liedes gefeiert sondern auch das lyrische Moment der „Sehnsucht“, - mit der sensiblen Solovioline und einer eben einer chromatisierten Satztechnik, die auf einer 10-Tonreihe beruht: C-As-G-H-Fis-F-E-Es-G-D. Das C-Dur ist das fassadenhafte kolossale „Mauerwerk“ der künftigen Stadt, - die schwer fassliche und magische Welt der komplexen Tonreihe verweist auf das Fragile und Immaterielle des Jenseits.
Zum Schluss: Wie soll das Publikum im Speyerer Dom mit Ihrer Musik umgehen? Spirituell oder sozusagen strukturell der Form folgend?
Denken, Logik und Verstand sind nüchtern, kühl und wenig zielführend. Statt Hirn setze ich immer auf das Herz! Man sieht (und hört) nur mit dem Herzen gut, - das beinhaltet Wärme und Liebe. Logik kann bekanntlich eiskalt sein. Insofern genügt es, wenn man meine Musik einfach mit den normalen Sinnen vorurteilslos aufnimmt. Musik weist dann jene archetypischen Energien auf, die seit jeher der Nukleus von „religio“ waren: Rückanbindung an den archaischen Menschen, seine Verhaftung in Natur und Ganzheit, Führung auf einem Weg nach Innen. Bereits im Erklingen eines einzelnen Tones erfahren wir wortlos eine „Schwingung“, eine „Welle“ …und erfahren so die Essenz der Welt. Der Begriff „Welt“ ist eben das „Wellende“. Und so sind wir bereits im Wahrnehmen eines einzelnen Tones auf dem Weg zu Gott! – Mehr braucht es nicht. In allen Kulturen seit Tausenden von Jahren ist der religiöse Weg ins Numinose stets von Musik begleitet, - ob der endlose Ton des Didgeridoos bei Australiens Aborigines, ob die endlose Melodik des Duduk in Armenien und Orient, ob das Dauerbrummen buddhistischer Mönche, der Trommelschlag der Schamanen oder die Orgel im Gottesdienst... Rezept: Augen zu, - und dann ins Jenseits schauen!