Speyer
Speyerer Schüler wollen ins Handwerk: „Deutlich mehr Zukunftssicherheit“
Ausbildung oder Abitur? Diese Entscheidung haben die Zehntklässler der Burgfeldschule in Speyer gegen den Trend getroffen: Die große Mehrheit wird nach diesem Schuljahr eine Ausbildung anfangen. Laut Statistischem Landesamt Rheinland-Pfalz waren 2025 rund 57.700 Menschen in Ausbildung – die niedrigste Anzahl seit 1977. Aber: Die Zahlen im Handwerk gingen zuletzt ein wenig nach oben. Der Arbeitsmarkt, ihre Eltern, persönliche Sorgen und Wünsche für die Zukunft haben die Entscheidungen der Schüler der Realschule plus beeinflusst. Ihr Bild von Ausbildung und Handwerk ist positiv – abwertenden Darstellungen in sozialen Medien zum Trotz.
Der Plan von Mohammad, genannt „Mo“, steht schon seit einem Jahr. Er hat sich auf nur eine Stelle beworben und wusste: Wenn das nichts wird, macht er Abitur. Die Ausbildung zum Bankkaufmann hat der 16-Jährige nicht bekommen, und so geht er im September zur IGS Speyer, um die Hochschulreife anzustreben. Danach möchte er sich auf ein duales Studium beim Finanzamt oder einer Bank bewerben. Sein Traum ist es, sich irgendwann selbstständig zu machen, Immobilien zu kaufen und früh ausgesorgt zu haben: „Wenn ich Vater werde, möchte ich immer zu Hause sein.“
Neben Mo wollen drei weitere Schüler der Klasse Abitur machen. In seinem Umfeld machten vor allem Mädchen Abitur, berichtet er. Einige Mitschülerinnen der Burgfeldschule besuchten inzwischen ein Gymnasium. Die große Mehrheit der Klasse hat bereits Ausbildungsplätze. Beworben haben sich die Jugendlichen teilweise schon in den Sommerferien vergangenen Jahres. Sie werden sehr unterschiedliche Berufe erlernen: Bürokaufmann, Elektroniker, Kfz-Mechatroniker, Notfallsanitäter, Personaldienstleistungskaufmann, Lagerlogistiker, Industriemechaniker.
Eltern wünschen sich Abitur
Daniel will irgendwann den Meister machen. Er möchte sich nach der Ausbildung zum Elektroniker weiterentwickeln, vor allem finanziell: „Ich habe vor, viele Kinder zu haben“, erzählt er. Die Option, neben dem Beruf den Techniker zu machen, betrachtet er skeptisch: „Ich möchte mich nicht totarbeiten.“ Eigentlich wollte der 16-Jährige eine Ausbildung beim Finanzamt machen – das hat nicht geklappt. Seine Eltern, beide selbst im Handwerk, hätten die Tendenz zu einem Bürojob gefördert, erzählt er.
Auch Mos Eltern sind beide im Handwerk, wünschen sich für ihren Sohn aber mehr Möglichkeiten, erzählt dieser. Auch die sozialen Medien versprechen Erfolg am Schreibtisch, wie der Schüler beobachtet. Bürojobs, für die man studieren muss, würden dort mit viel Reichweite idealisiert. Im Handwerk könne man auch gut verdienen, sagt Mo. „Ich bin aber handwerklich ziemlich unbegabt“, erzählt er.
Heimhandwerker von klein auf
Luca dagegen hat schon mit seinem Opa Gartenhäuser gebaut. Im September wird er in Speyer eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik starten. „Ich brauche etwas, wo ich mich bewege und etwas mache“, sagt der 17-Jährige. Er hatte seine Ausbildungsstelle nach nur einer Bewerbung in der Tasche. Bei seinen Mitschülern lief das anders: Einer verschickte 35 Bewerbungen, einer 15, einer über 50, manche vier bis fünf. Die Betriebe hätten zu hohe Ansprüche, sagen einige. Es würden sehr gute Noten verlangt und mehrere Praktika. In Bewerbungsgesprächen fühlten sich einige der 15- bis 19-Jährigen unvorbereitet.
Sebastian ist mit 15 Jahren der Jüngste in der Runde und hat seinen Hauptschulabschluss gemacht. Für seine Wunschausbildung bei PFW Aerospace hätte er einen sehr guten Realschulabschluss gebraucht, erzählt er. Deshalb habe er sich umentschieden: Im August beginnt er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. „Das hat mir auch schon immer Spaß gemacht.“ Erste Erfahrungen konnte er beim Schrauben im Segelflugverein machen. Er wollte immer ins Handwerk, sagt er: „Heutzutage hat das einfach deutlich mehr Zukunftssicherheit.“
Auch Luca hat einen Traum aufgegeben: die Berufsfeuerwehr. Er wolle nicht in Schichten arbeiten, erzählt er. Vor der 40-Stunden-Woche schreckt er aber nicht zurück. Wichtig sei ihm dagegen das Umfeld und gut behandelt zu werden, sagt er. Ähnlich sieht es Daniel: „Das Geld ist wichtig, das Arbeitsumfeld und dass mir die Arbeit Spaß macht.“ Vor den 40 Stunden graut es ihm ein wenig: „Ich will nicht nur leben, um zu arbeiten“, sagt er. Aber wie Mo hofft er darauf, irgendwann selbstständig und damit selbstbestimmt arbeiten zu können.
Zuversicht trotz Krise
Auch ohne Abitur habe man eine große Auswahl an Berufen, sagt Daniel. „Ich glaube, viele kennen viele Ausbildungsberufe gar nicht.“ Die Sorgen der Schüler liegen woanders: Werden sie einmal von ihrer Rente leben können? Wie werden sich aktuelle Krisen entwickeln? Wird in Deutschland immer mehr Industrie abgebaut? Was und wen wird Künstliche Intelligenz (KI) in der Zukunft ersetzen? Trotzdem wirken sie zuversichtlich. „Die KI kann nicht zu den Leuten nach Hause fahren und Sachen reparieren“, sagt Luca.
Man solle Kindern früh beibringen, dass Ausbildungen etwas Gutes sind, sagt Mo. „Es bringt nichts, wenn wir hier in der Schule 200 Anwälte haben, aber keiner die Lampen oder Heizungen reparieren kann.“ Er habe zwar erkannt, dass Abitur das Richtige für ihn ist, aber: „Wir brauchen alle Fachbereiche. Ohne das eine klappt das andere nicht“, betont er.