Speyer Oma Erna un de liewe Herrgott
Wenn Michael Landgraf und Uli Valnion in Wort und Ton „iwwer Gott un die Welt“ nachdenken, geschieht das mit pfälzischem Esprit und Nachhaltigkeit. Nicht als Gesetze, sondern als „Weechwaiser“ stellten die beiden die Zehn Gebote vor. Von diesem außergewöhnlichen Blick auf die Bibel zeigte sich das Hanhofener Publikum in der Kulturscheune am Freitagabend begeistert.
Der erste Moment macht perplex. „Alää uff de Herrgott un uff des, was er uns saacht, solle mer uns verlosse.“ Was der Schriftsteller und Leiter des Neustadter Bibelmuseums, Michael Landgraf, in farbiger Schrift auf die weiße Wand der Scheune projiziert, liest sich zunächst seltsam im Vergleich zum Ursprungstext: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Einlassen muss sich der Zuhörer auf die außergewöhnliche Analyse der Zehn Gebote, obgleich der Pfälzer Sprachgebrauch normalerweise so wunderbar watteweich ins Ohr geht. Es gelingt. Nicht zuletzt dank der grandiosen musikalischen Zwischenrufe Uli Valnions, einem Tier an der Gitarre und mit den Stimmbändern. Für das Programm hat der Liedermacher neue Stücke geschrieben – und das, obwohl ihm das Dichten auf Pfälzisch nicht leicht fällt. Angst vor den üblichen „Worscht-Dorscht“-Reimen hatte er. Unbegründet. Entstanden sind Texte, die zu Herzen gehen und den Kopf beschäftigen. „Oma Erna“ beispielsweise bewegt. Die alte Dame mit 106 Jahren, die Valnion besingt, hat mit vielen Gesichtern viele Lebenswelten bereichert durch ihre Gutmütigkeit und das Mutmachen in schweren Zeiten. Passend also für das vierte Gebot: „Uff doin Babbe un doi Mamme sollschd uffbasse un Gudes duh.“ Landgraf und Valnion ergänzen sich prächtig. Der Redner versteht es, feinsinnig die Fäden zu spannen zwischen biblischen Zitaten und weltlicher Umsetzung, zwischen theoretischem Denken und praktischem Tun. Er tut das angenehm konkret und nachvollziehbar, beispielsweise wenn er beim achten Gebot („Duh net dumm babble iwwer annere“) sogleich ein Zitat des griechischen Philosophen Sokrates anschließt: „Des Schänschde is, wommer die Gosch uffmache un frei babble konn.“ Interessante Tatsachen fördert Landgraf zutage. Dass im bolivianischen Cochabamba das Trinkwasser rar wird, weil deutsche Firmen es für ihre Produktionen aufkaufen, erschüttert das Publikum. Statt in Pessimismus zu verfallen, ruft im nächsten Moment ein spontaner Chor gemeinsam mit Valnion Gott an, die Sache zu regeln: „Dummel dich, Herr!“ Ohnehin zeigen sich die Hanhofener singfreudig, sehr zur Freude der Künstler. Kein Ball, der gespielt wird, fällt zu Boden, sondern kommt prompt zurück. Die Zuhörer denken mit, nicht zuletzt dank der unaufgeregten und freundlichen Art, mit der Landgraf seine Analysen verpackt und dem emotional-energischen Liedermacher Valnion. Der scheut auch Kritik am US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht, der die „Weechwaiser“ wohl zu wenig ernst nehme. „Isch fin, du bischd ä Luftbump, die Greeschd aa noch dezu“, singt Valnion in die Scheune hinaus zur bekannten Nancy-Sinatra-Melodie „These Boots are Made for Walking“. Das Publikum entlohnt auch dies mit bestem Beifall. Am Ende will keiner die beiden einfach so gehen lassen. Im Stehen wird gemeinsam gesungen und geklatscht. Gelungen, der Kulturabend in Hanhofen, bei dem jeder seinen persönlichen „Weechwaiser“ mit nach Hause genommen hat.