Speyer
Dudenhofen: Erinnerung aus verschwundener Zeit
„Über sechs Jahrzehnte“, sagt Norbert Hanke, dokumentierte Rudi Leibig das öffentliche Leben in der Gemeinde Dudenhofen: Weltliche, kirchliche Feste, Plätze, Gebäude, Kriegs- und Aufbaujahre, Menschen in ihrem Alltag, Amts- und Würdenträger, Leid und Freude. Hanke verwaltet „den Schatz“ aus Leibigs Nachlass von geschätzt 5000 Fotos und hielt die Zeugnisse eines sich verändernden Dorfes und einer verschwundenen Zeit auf etwa 3000 Dias fest.
Am Anfang war es „persönliches Interesse“. Hanke wusste von Leibigs Foto-Leidenschaft und seinem umfangreichen Archiv. Auch, dass er die Aufnahmen in einer Unmenge Kartons verwahrte, in das Gesammelte nur Wenigen und nur selten Einblick gewährte. Nach Leibigs Tod 2013 fragte er dessen Witwe Anneliese Leibig, ob er sich einige Bilder anschauen könne. Sie zögerte nicht, öffnete für ihn die Schatztruhe. Hanke war fasziniert und begann Dudenhofens Vergangenheit zu archivieren.
Aus Augenblicken, mal dann und wann, wurden „unzählige Tag- und Nachtstunden“. Hankes Neugierde entwickelte sich „zu einer Art von Sucht“. Schon bald klopfte der Verein für Heimatgeschichte und -kultur an. Mitglied, Schriftführer und Schatzmeister Hanke möge doch bitte die Bilder archivieren – für den Verein und damit für künftige Generationen bewahren. Der Sammler ist 75 Jahre alt, stammt aus Niederschlesien. Die Familie kam 1946 heimatvertrieben nach Ellerstadt-Birkenheide bei Maxdorf. Hanke war 30 Jahre Sonderschullehrer, zuletzt in Schifferstadt und lernte beim Studium Ehefrau Annemarie kennen. Beide wohnten mit den Kindern in Neuhofen, bauten 1979 in Dudenhofen.
Fotos aus einer Zeit, die Dudenhofen prägte
Beim Betrachten und im Gespräch mit der RHEINPFALZ wählte Hanke von den mehr als 3000 Exponaten wenige, jedoch Dudenhofen und seine Bürger über ein Jahrhundert prägende Impressionen aus. Beispiel Frontansicht der Firma Johann Walter & Söhne, einziger nennenswerter gewerblicher Arbeitgeber im Ort. Johann Walter gründete 1881 eine Spenglerei, erweiterte sie zum Zieh-, Stanz- und Presswerk, zur Blechwarenfabrik, Hochglanzverzinnerei, einem weltweit exportierenden Unternehmen mit bis zu 300 Beschäftigten. 100 waren es noch in den 60er- und 70er-Jahren. 2001 der Konkurs, Verkauf und die Neubebauung des 1,8 Hektar großen Geländes.
Bilder vom Gäu-, Pfefferminzbähnel, bis 1956 von Speyer nach Geinsheim fahrend, dem sogenannten „Bahnhof“. Das war ein notdürftig zusammengenagelter Bretterverschlag. Weil Dudenhofen – damals „ein wohlhabender und betriebsamer Ort“ – kein Gelände zur Verfügung stellen und erst recht kein Geld ausgeben wollte, tuckerte der Zug lange ohne Halt in Dudenhofen durch die Carl-Zimmermann-Straße. Bei einer Bürgerversammlung stimmten dann doch 122 von 218 anwesenden Einwohnern für die Aufnahme eines „Anlehens“ von 10.000 Mark. 1919, 14 Jahre nach Inbetriebnahme der Strecke, hielt die Bahn dann auch in Dudenhofen und deshalb sah sich „die Gemeinde gezwungen aus eigenen Mitteln eine Wartehalle und Abortanlage zu bauen“.
Landwirtschaft und Vereine machten Ort aus
Morsch-, heute Wingartsmühle, vermutlich 1717 erbaut, von den Franzosen geplündert, 1901 abgebrannt und durch Bürgermeister Eugen Grundhöfer wiederaufgebaut. Letzter Besitzer 1941 war Morsch, 1962 wurde sie stillgelegt. Wie die Neumühle, die wahrscheinlich 1764 errichtet worden war. Damit endete eine 700-jährige Tradition. Vom alten, bäuerlichen Dudenhofen zeugen vor allem die Fotos der Kuh- und Ochsengespanne, Pferdefuhrwerke, Feldarbeit, hauptsächlich Tabak- und – natürlich – Spargelanbau. Wobei noch Zeit war, die Asparagusstöcke einzeln mit der Hacke rundum „anzuhäufeln“.
Fotografiert hat Leibig das Programm zum ersten Spargelfest am 28. Juni 1925 mit den Teilnehmern Arbeiter-Gesang-Verein Liedertafel, Arbeiter-Radfahrer-Verein, Fußball-Verein, Cäcilienverein, Geflügelzuchtverein, Katholischer Arbeiter-Verein, Katholischer Jünglings-Verein, Kegel-Club, Radfahrer-Verein, Mandolinen-Club, Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Ring- und Stemm-Club, Turnverein. Zum Umzug hatten sie ihre Wagen hergerichtet (indischer Geflügelhof, Spargelmotive, der ultimative „Riesenspargel“), waren die Straßen mit Fahnen geschmückt, prangte im „Zinken“ (Ecke Gommersheimer Straße/Amalienstraße) ein Triumphbogen. Bei der anschließenden Feier im Innenraum der Radrennbahn glänzte unter anderem der Deutsche Meister im Einer- und Zweierkunstradfahren. Die Chronik berichtet von einer „Festzugsaufmachung, die wirklich niemand für möglich gehalten hätte“.
Gaststätten gab es früher in jeder Straße
Sehens- und erinnernswert sind die Bilder der Glockenweihe. Zweimal, nach den Weltkriegen, wurden sie eingeschmolzen, eine zweite Weihe mit Bischof Josef Wendel fand am 23. Juli 1950 statt. Es existiert ein Gruppenbild mit Pfarrer Helfrich, dem jungen Kaplan August Dörzapf und drei Patres. Fotos gibt’s auch von der Radrennbahn – Hanke schätzt aus den 50er-Jahren, nach einer Erneuerung des Belags –, der ersten Fußballmannschaft des Gründerjahres 1920, mit dem Blick in die noch unbefestigte Gommersheimer Straße um 1919 sowie Tanz- und Vereinsfeste. „Im Liede hell und klar bleiben treu wir immerdar der Cäcilia“ steht auf einem Banner. Die Sammlung beinhaltet auch Fotos ernst dreinblickender Schulklassen der 20er- und 30er-Jahre. Viele werden sich wiedererkennen, die Eltern, Großeltern. Die Ganzjahresschule gibt es seit 1746, 1855 kamen Schulschwestern für die Mädchenklassen.
Bei mindestens einer Wirtschaft in jeder Straße – eine auffällige Häufung im Umkreis der Kirche – musste zumindest die männliche Bevölkerung keinen Durst leiden. Schon um 1500 beklagte der Pfarrer die Trunksucht der Bauern: „Oh Gott, wie viel habe ich in den 30 Jahren ausgehalten, auch von dem Zulauf der Speierer dorthin.“ Nur ein paar der noch existierenden, den heutigen geläufigen Namen: Lamm, Ochsen (im Vordergrund der Spargelfestumzug), schwarzer Adler, Hirsch, Krone, zu den sechs Arschbacken, Blume, Storchen, Sonne, Grüner Baum, Weinberg, Schwanen, Waldhof.