Speyer Begeisternde Fülle

Mit Osterlitz, Weinraute und Schwalbenworzel: Zehn Helfer rund um Gerald Tremmel (links) haben die Würzwische zusammengebunden.
Mit Osterlitz, Weinraute und Schwalbenworzel: Zehn Helfer rund um Gerald Tremmel (links) haben die Würzwische zusammengebunden.

Ein Würzwisch unter das Dach gehängt, bewahrt das Haus und die Bewohner vor Blitz und Unheil. Dieser Brauch aus dem Mittelalter wird heute noch in vielen katholischen Gemeinden gelebt. In Waldsee sind gestern rund 200 dieser Kräuter-Sträuße verkauft worden.

Der Legende nach sollen die Apostel, die das Grab der Gottesmutter Maria vor den Toren Jerusalems besuchten, drei Tag nach ihrem Tod dort statt ihres Leichnams duftende Blumen und Kräuter gefunden haben. Daraus entstand der Brauch zum Fest Maria Himmelfahrt am 15. August, Kräuter und Heilpflanzen zu Sträußen zusammenzubinden und vom Priester segnen zu lassen. Die Kräuter, die verwendet werden, können von Dorf zu Dorf unterschiedlich sein. In Waldsee sollen es ursprünglich 24 verschiedene gewesen sein. Doch auch die alten Waldseer können sich nur noch an 19 Kräuter erinnern. Die zu finden ist nicht immer einfach. Gerald und Anne Tremmel ziehen seit vielen Jahren kurz vor dem Marienfest mit Helfern durch die Gemarkung. Sie kennen all die Plätze, an denen Blutströppele, Hergottsschühle, Rhäfarn, Wermet und all die anderen Kräuter wachsen. Anfangs hat es heuer gar nicht gut ausgesehen, denn der Rheindamm war frisch gemäht – dort wachsen viele Kräuter. Doch Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Am Freitagnachmittag liegen auf den Tischen in Waldsee haufenweise Kräuter bereit – 17 von 19 Sorten waren zu finden. Einige davon haben Gemeindemitglieder vorbeigebracht. Teilweise haben diese die Pflanzen extra für den Würzwisch im Garten angebaut. Die zehn Helfer, die die Sträuße zusammenstellen, sind von der Fülle ganz begeistert. Immer wieder wird Gerald Tremmel nach den Namen der Kräuter gefragt. „Das ist die Dunnerdischtel. Wenn du mal reingelangt hast, dann vergisst du sie nie wieder“, erklärt er und hält eine stachelige Mariendistel-Blüte hoch. Osterlitz, Weinraute und Schwalbenworzel sind den meisten bald geläufig. Die Schlangedärmschäwe bleiben dagegen nicht so gut im Gedächtnis. Ingrid Schneider erzählt schmunzelnd von einem Radler aus Holland, der sie beim Kräutersammeln angesprochen hat: Auf die Frage hin, was sie denn da sammele, habe sie ihm geantwortet, dass es sich dabei um Mutter Gottes Bettstroh handle. Die gängigere Bezeichnung Johanniskraut hätte er vielleicht besser verstanden. Nach etwa 50 Sträußen gehen die Dunnerdischtle aus. Nach und nach sind auch die anderen selteneren Kräuter aufgebraucht. Doch die Helfer binden fleißig weiter, füllen auf mit dem, was im Überfluss vorhanden ist. Am Ende sind es knapp 200 Sträuße. Gerald Tremmel ist sehr zufrieden. Er ist Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses der katholischen Gemeinde, die seit über 30 Jahren ihre Partner-Gemeinde Hanika in Ruanda finanziell unterstützt. Der Verkaufserlös der Würzwische ist für Hanika bestimmt. Jedes Jahr spenden die Waldseer 2000 bis 3000 Euro. Die Würzwische wurden gestern vor dem Gottesdienst verkauft. „Als Waldsee noch einen eigenen Pfarrer hatte, haben wir das am Feiertag selbst, dem 15. August, gemacht“ erzählt Tremmel. Heute gehören fünf Gemeinden zur Pfarrei. Deshalb gibt es die Würzwische nun immer am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt.

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