Speyer Atemlose Stille vor minutenlangem Applaus
Unter großem Aufgebot an Solisten und Ensembles widmeten sich die internationalen Musiktage „Dom zu Speyer“ am Samstag mit den „Musikalischen Exequien“ von Heinrich Schütz und „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms zwei exponierten Werken des Genres Totenmesse. Ungewöhnlich war die Art der Inszenierung, außergewöhnlich, regelrecht überwältigend die musikalische Gestaltung.
Schon die Kombination der beiden für ihre Epoche – hier Barock, dort Spätromantik – singulären Kompositionen mag manchen Puristen überrascht haben. Ihre Präsentation als verzahntes Gesamtkunstwerk schien, zunächst zumindest, doch recht kühn. Wobei das Filetieren des Brahms’schen Requiems mit der spirituellen Stringenz seiner Satzfolgen wohl am ehesten verstörte. Zunächst, wie gesagt. Aber die Dramaturgie, die auch geschickt den großartigen Kirchenraum involvierte, überzeugte letztlich doch auf frappante Weise. So agierte im Chorraum unter Leitung von Harald Schmitt ein vokales Großaufgebot aus Chor der St. Hedwigskathedrale Berlin, dessen Leiter er ist, und Domchor sowie den Solisten Mechtild Bach und Klaus Mertens und dem fabelhaften Orchester „L’arpa festante“. Die nach den Sätzen II, IV und VI des Requiems eingefügten Motetten der „Exequien“ wiederum erreichten die Zuhörer von einer im rückwärtigen Teil des Schiffs positionierten Bühne. Was auf ganz subtile Weise die Distanz der epochalen Rückschau vermittelte, mithin die dem Werk innewohnende Intimität spiegelte. Dort, im Background sozusagen, formulierte unter Leitung von Domkantor Joachim Weller das Solistenensemble „Capella Spirensis“ – bestehend aus Anabelle Hund und Angelika Lenter, Sopran, Matthias Lucht und Sandra Stahlheber, Alt, Thomas Jakobs und Martin Steffan, Tenor, Michael Marz und Lorenz Miehlich, Bass, sowie Andreas Nachtsheim, Laute, Harald Martens, Violine, und Markus Melchiori, Orgel – edelste frühbarocke Hochkultur. Und zudem stimmlich, deklamatorisch und dynamisch so raffiniert austariert, dass die vielgescholtene Dom-Überakustik wie ausgeblendet schien. Und auch Schmitt, der seinen riesigen Apparat unaufgeregt und präzise, damit nachgerade exemplarisch durch die Klippen des anspruchsvollen Brahms-Opus manövrierte, vermochte sich bestens mit dem Hall-Problem des Raums zu arrangieren. Dabei kostete er das äußert differenzierte dynamische Spektrum der Partitur penibel aus. Hielt, auf Transparenz bedacht, das stimmenstarke, stets aufmerksam reagierende Chorgefüge auch bei den komplexen Fugen-Passagen präzise im Zaum. Beispielhaft sei die Gestaltung des zentralen V. Satzes, „Ihr habt nun Traurigkeit“, angeführt, der in Korrespondenz mit der stimmlich berückend und subtil verbindlich gestaltenden Sopranistin Bach zu den emotionalen Höhepunkten zählte. Mertens wiederum, der Bariton-Solist, präsentierte die dramatisch aufgeladene Partie äußerst diszipliniert, frei vom bühnenaffinen Pathos, nahezu nüchtern, dafür kraftvoll und überzeugend in der Diktion. Atemlose Stille nach verklungenem Schlussakkord – beredter als der dann einsetzende minutenlange Applaus.