Neunkirchen RHEINPFALZ Plus Artikel Neunkircher Gasometer fällt „wie ein ausgeblasenes Osterei“

Der Neunkircher Gasometer wurde 1970 erbaut.
Der Neunkircher Gasometer wurde 1970 erbaut.

Sprengmeister Jens Rapp hat hoch gepokert: Mehrmals ließ er die Sprengung des Neunkircher Gasometers vertagen, vorverlegen und wieder neu terminieren. Um einer bedrohlich anrückenden Gewitterfront aus dem Weg zu gehen, zog er die Sprengung vom Sonntag auf Freitagnachmittag, 26. Juni, vor. Um 16.14 Uhr stürzte der Turm ein – nur 20 Minuten vor einem heftigen Wolkenbruch.

„Die Gefahrenzone wird abgeriegelt. Spätestens um 14.30 Uhr soll der Gasometer liegen“: Am Freitag, kurz vor 12 Uhr mittags, ging in den Presseredaktionen dieser Hinweis aus dem Neunkircher Rathaus ein. Was dort folgte, waren Stunden des Wartens und der Ungewissheit im abgesperrten Bereich: Wird’s heute noch was mit der Sprengung des 75 Meter hohen Wahrzeichens?

Eigentlich war das Spektakel ja erst für Sonntag geplant. Doch mit zunehmender Skepsis äugten die Hausherren von Saarstahl und Sprengmeister Jens Rapp aus Vaihingen/Enz auf den Wetterbericht. Denn an diesem Wochenende soll sich am Himmel über Neunkirchen etwas zusammenbrauen: „Weil man am Sonntag mit schweren Gewittern, Starkregen und Hagel rechnen muss, wurde die Aktion auf Freitag vorverlegt“, erklärte Oberbürgermeister Jörg Aumann (SPD). „Denn in den letzten Tagen hat die Abbruchfirma die Außenhaut des Gasometers geschwächt, um die Sprengung vorzubereiten.“ Der OB: „Sie müssen sich den 75 Meter hohen Zylinder vorstellen wie ein ausgeblasenes Osterei – und das mit Rissen in der Schale. Der Sprengmeister befürchtet, dass eine plötzliche heftige Windbö das Ganze unkontrolliert zum Einsturz bringen könnte.“

Etwas braut sich zusammen

Also Freitagnachmittag. Doch die Skepsis blieb: Bald war klar, dass es mit dem Zündungstermin vor 14.30 Uhr nichts werden würde. Wie lange sollte sich das Prozedere noch hinziehen? In 35 Metern Höhe, auf Beobachtungsposten unter heißer Junisonne auf dem Dach des Neunkircher Rathauses, machte sich Ratlosigkeit breit. „Es könnte 18 Uhr werden“, machte zwischendurch ein Gerücht die Runde. Und ein Blick von der rückwärtigen Seite des Rathausdaches verhieß nichts Gutes: Mit zunehmender Schwüle ballten sich die anfangs noch locker-flockigen Schäfchenwölkchen immer mehr zusammen. Um sich zu einer dunklen, bedrohlichen Masse zu vereinigen. Für 16 Uhr prophezeite die Wetter-App auf dem Handy eines Zuschauers ein Gewitter über Neunkirchen – also genau das, was der Sprengmeister sich am allerwenigsten gewünscht hätte. Später am Nachmittag korrigierte sich diese Wettervorhersage auf 17 Uhr – und sollte damit Recht behalten, wie sich hinterher herausstellte. Mit dem Druck aufs Knöpfchen um 16.14 Uhr brachten Sprengmeister Rapp und seine Kollegen von der Abbruchfirma Gihl die spektakuläre Aufführung gerade noch rechtzeitig über die Bühne. Und je näher der Uhrzeiger an diese „Stunde Null“ heranrückte, desto tiefer senkte sich die erwartungsvolle Stille über der Neunkircher Innenstadt. Polizei und Ordnungsbehörden hatten die Anwohner 300 Meter um den Gasometer darüber informiert, dass statt am Sonntag schon freitags gesprengt würde. Und auf der Königsbahnstraße, die an dem 1970 erbauten Gasbehälter vorbeiführt, war kein Auto mehr zu sehen: Die Sicherheitskräfte hatten alles abgeriegelt. Also stand dem Finale nichts mehr im Wege, als der Sprengmeister um 16.06 Uhr zur ersten Warnung ins Horn stieß. Gut fünf Minuten später erscholl das Signal zum zweiten Mal – gefolgt von leuchtenden Explosionen an der kerzengerade in die Höhe ragenden Gasometer-Außentreppe. Dann detonierte es ganz oben und am Fuß des gewaltigen Rundbaus. Dieser sackte Sekundenbruchteile später unter Donnerhall in sich zusammen – unwirklich, wie in Zeitlupe.

„Und wo macht der Höhenrettungszug der Feuerwehr jetzt seine Übungen?“, fragte ein Zuschauer versonnen: „Ich hab’ denen so oft zugeguckt, wie sie außen am Gasometer ihre Kletter-Aktionen vollführt haben.“

Stahlschrott für Völklingen

Gegen 17 Uhr, als über der alten Hüttenstadt schon die Blitze zuckten und der Regen zu schütten begann, suchten das Sprengteam und Helfer von Saarstahl auf dem Gasometer-Gelände routinemäßig noch nach verirrten Zündern, die beim großen Knall womöglich nicht explodiert sein könnten. „Es ist aber alles vorbildlich und glatt verlaufen“, zeigte sich Saarstahl-Sprecher Martin Reinicke hinterher sichtlich erleichtert. In den nächsten zwei, drei Wochen sollen die gigantischen Mengen an Metallschrott, die der sterbende Gasometer hinterlassen hat, ins Stahlwerk Völklingen geschafft, dort eingeschmolzen und neu zu Stahl verarbeitet werden.

Neuer Nachbar heißt Globus

Und das freigesprengte Gelände? Hier wird die Firma Globus demnächst mit dem Bau eines neuen Einkaufsmarktes für Neunkirchen beginnen. Und genau dort, wo bis gestern Nachmittag der Gasometer 75 Meter in die Höhe ragte, werden die Tankstelle und die Waschanlage des neuen Supermarkts angesiedelt.

Die saarländische Grünen-Vorsitzende Tina Schöpfer aus Neunkirchen wünscht sich von der Saarbrücker Landesregierung jetzt ein Konzept zum künftigen „Umgang mit wichtigen saarländischen Landmarken“. Sie fragte, warum man es hier nicht so machen konnte wie in Oberhausen, wo das ausgediente Gasometer heute als Kulturstätte dient. Doch die 20 Millionen Euro, die die Ruhrpott-Stadt in diesen Umbau investiert hat, hatte man in Neunkirchen nicht zur Verfügung: Dies war am Tag der Sprengung im Rathaus immer wieder zu hören.

Der 75 Meter hohe Behälter fasste 80 000 Kubikmeter Erdgas.
Der 75 Meter hohe Behälter fasste 80 000 Kubikmeter Erdgas.
Das Neunkircher Stahlwerk nutzt jetzt neue Technik ...
Das Neunkircher Stahlwerk nutzt jetzt neue Technik ...
... deshalb wurde der alte Gasometer nicht mehr gebraucht.
... deshalb wurde der alte Gasometer nicht mehr gebraucht.
Das Gelände wurde von der Firma Globus gekauft ...
Das Gelände wurde von der Firma Globus gekauft ...
... die hier einen Einkaufsmarkt mit Tankstelle errichten wird.
... die hier einen Einkaufsmarkt mit Tankstelle errichten wird.
x