Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Was Zugfahrer vom Neun-Euro-Ticket halten

Am Schifferstadter Bahnhof, der bei vielen Verbindungen durch den Rhein-Pfalz-Kreis als Umsteigepunkt dient, warten die Reisende
Am Schifferstadter Bahnhof, der bei vielen Verbindungen durch den Rhein-Pfalz-Kreis als Umsteigepunkt dient, warten die Reisenden auf ihren Zug. Der hat mal wieder Verspätung.

Das Neun-Euro-Ticket ist da. Ist das der Startschuss für die Verkehrswende? Die RHEINPFALZ hat Zugfahrer im Rhein-Pfalz-Kreis nach ihrer Meinung gefragt.

Die Reise mit dem Zug durch den Rhein-Pfalz-Kreis beginnt – wie könnte es anders sein – mit fünf Minuten Verspätung. Nicht viel, könnte man meinen, aber auf dem Weg nach Ludwigshafen-Mitte beginnt das Bangen: Erreiche ich den Anschlusszug noch rechtzeitig? Als die Zugtüren sich mit lauten Piepsen öffnen, sprinte ich vorbei an Menschenmassen, die sich auf den Bahnsteig ergießen. Außer Atem komme ich am gegenüberliegenden Gleis an. Wie hechten wohl Leute, die weniger gut zu Fuß sind oder einen Kinderwagen dabei haben, so schnell Treppen rauf und runter? Vom Anschlusszug keine Spur. Er hat Verspätung, wie eine Durchsage informiert.

Im Zug sitze ich Matthias Dezenter gegenüber. Seit Anfang April fährt der 56-Jährige mit dem Zug von Wörth nach Ludwigshafen zur Arbeit. Der Weg dauert etwa doppelt so lang wie mit dem Auto, aber der Umstieg lohne sich bei den hohen Spritpreisen trotzdem, wie er erklärt. Die Bahn habe einen schlechten Ruf, was Pünktlichkeit und Verlässlichkeit angeht. Mittlerweile sieht Dezenter die Unwägbarkeiten des Bahnfahrens gelassen. „Es ist in Ordnung, wenn man keine wichtigen Termine hat“, sagt er. Ansonsten nehme er einfach eine frühere Verbindung. Nach seinem Eindruck ist seit dem Start des Neun-Euro-Tickets deutlich mehr los in den Zügen – dass die Nachfrage über den Aktionszeitraum im Sommer anhält, glaubt Dezenter aber nicht. „Den meisten ist ihr Auto heilig, egal was es kostet.“

Am Bobenheimer Bahnhof ist es vergleichsweise leer. Dafür kommt der Zug pünktlich.
Am Bobenheimer Bahnhof ist es vergleichsweise leer. Dafür kommt der Zug pünktlich.

Auto geht ins Geld

In Bobenheim-Roxheim wartet Albert Waibel mit seiner Frau auf den nächsten Zug. Sie wollen den ÖPNV mit dem Neun-Euro-Ticket testen, zunächst für Ausflüge am Wochenende. „Vielleicht ist Bahnfahren ja angenehmer und weniger Stress“, formuliert der 64-Jährige seine Erwartungen. Von Worms aus reist das Ehepaar des Öfteren nach Mainz und Mannheim. „Wenn man da das Parkhaus mit einrechnet, ist man mit dem Auto auch schnell zwölf, 13 Euro los“, meint Waibel. Damit viele Leute auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, müssten die Ticketpreise günstig bleiben. Daneben sei aber Pünktlichkeit wichtig: „Wenn ich mich darauf nicht verlassen kann, dann fahre ich nicht Zug.“ Er betont aber auch, dass die Bahn häufig nichts für Verspätungen könne.

Auf 600 bis 800 Euro schätzt Walter Müller die monatlichen Spritkosten, würde er seine tägliche Strecke Schifferstadt – Landstuhl mit dem Auto machen. Da sei er mit 45 Euro fürs Jobticket beziehungsweise dem Neun-Euro-Ticket deutlich günstiger dran. Die Fahrtzeit von etwa einer Stunde sei bei beiden Verkehrsmitteln ähnlich. Dass das neue Ticket die Züge voller macht als sonst, sieht man laut Müller bereits. „Normalerweise gibt es hier noch Sitzplätze“, sagt der 65-Jährige, während wir mit anderen Reisenden im Türbereich des Zugs stehen. Es brauche mehr Züge, mehr Wagen. Die Zuverlässigkeit der Bahn findet er dagegen okay: „Der Anschluss wartet meistens, oder der nächste Zug kommt innerhalb weniger Minuten.“

„Besser als im Stau stehen“

Alltagsstrecken mit dem Zug zu machen, das probiert Rebecca Rolschok mit dem Neun-Euro-Ticket aus. „Ich find’s insgesamt entspannter mit dem Zug. Besser, als in Ludwigshafen im Stau zu stehen.“ Zuvor sei sie nur sporadisch Bahnfahrerin gewesen – eine Einzelfahrt zwischen Berghausen und Ludwigshafen-Mundenheim kostet schließlich satte 4,40 Euro. „Das Ticket lohnt sich schon für drei Tage die Woche“, sagt die 34-Jährige. An den übrigen Tagen sei die Zeit zwischen Arbeitsende und Rückverbindung zu knapp, um ihre Kinder rechtzeitig abzuholen. Werden nicht mehr Verbindungen angeboten und die Tickets wieder teurer, glaubt Rolschok nicht, dass dauerhaft mehr Menschen Bahnfahren.

In Berghausen droht die Durchsage mit 20 Minuten Verspätung, dann kommt der Zug aber doch.
In Berghausen droht die Durchsage mit 20 Minuten Verspätung, dann kommt der Zug aber doch.

Zwei Stationen weiter heißt es schon wieder warten. Ein anderer Zug hat Vorfahrt. „Morgens wäre es mit dem Auto schneller, abends gibt sich das aber nicht viel“, sagt Michael König, der gut eine Stunde von Harthausen nach Ludwigshafen zur Arbeit fährt. Er hat seit 2008 ein Aboticket für den Nahverkehr, um Fahrtkosten zu sparen. Der 52-Jährige findet das Neun-Euro-Ticket zum Testen gut. Der Nahverkehr müsste seiner Meinung nach aber langfristig günstiger und die Verbindungen besser werden. „Wenn man direkt an der Zugstrecke wohnt, kommt man schnell vorwärts. Je ländlicher es wird, desto schwieriger ist die Anbindung.“ Sobald man mit einem Bus erst zum Bahnhof müsse, sei der ÖPNV im Alltag nicht praktikabel.

Zu geringe Taktung

Die fehlende Infrastruktur und die zu geringe Taktung der Züge auf dem Land sieht auch Selin Izgec, die mit ihrem Jobticket zwischen Speyer und Mannheim pendelt, als Problem. „Die Nachfrage ist da. Das Bahnnetz zu erweitern, dauert aber Jahre“, merkt die 29-Jährige an. Auch für junge Leute gebe es nicht genügend ÖPNV-Angebote. „Nachts fährt hier zum Beispiel nichts.“

Am Berghausener Bahnhof hat Simon Schilling gerade sein Neun-Euro-Ticket gelöst. Seit April pendelt er zweimal die Woche, wenn keine Fahrgemeinschaft zustande kommt, mit dem Zug von Enkenbach-Alsenborn nach Berghausen zur Arbeit. Wie das klappt? „Mäßig, von fünf Zügen gibt es einen, bei dem mal alles klappt“, berichtet der 34-Jährige. Er sei jedoch zeitlich flexibel und könne auch mal ein paar Minuten später kommen. Dafür spare er Geld: 11,80 Euro kostet die einfache Fahrt mit dem Zug normalerweise. „Mit dem Auto ist man da nicht viel billiger dran“, meint der 37-Jährige. Mehr Zuverlässigkeit und eine engere Taktung fände er dennoch wünschenswert.

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