Römerberg
Schulsozialarbeit: Kein Kind soll verloren gehen
In Römerberg hat der Ortsgemeinderat vor rund vier Jahren beschlossen, Sozialarbeiter an die örtlichen Grundschulen zu schicken. Deren Leiterinnen hatten sich die Unterstützung ausdrücklich gewünscht. In Berghausen kümmert sich Lara Hauk vom „Zentrum für Arbeit und Bildung Frankenthal“ seit 2022 mit derzeit 23,5 Stunden pro Woche um rund 150 Kinder sowie deren Lehrer und Eltern. In Heiligenstein und Mechtersheim waren es bislang weniger Wochenstunden für Sozialarbeiter, doch künftig sollen alle drei Grundschulen gleich behandelt und die Stundenzahl aufgestockt werden. Lara Hauk wird dann nicht mehr nur in Berghausen, sondern – gemeinsam mit einer Kollegin – auch in Heiligenstein tätigt sein.
Die falsche Vorstellung, dass in einem Ort wie Berghausen an der Schule weitgehend Idylle herrscht, hatte Hauk zunächst auch, wie sie zugibt. Doch mehr Kinder, als sie dachte, hätten auffälliges Verhalten an den Tag gelegt. Häufig äußert sich dieses in Konflikten mit anderen Schülern. „Meine Haupttätigkeit ist die Streitschlichtung“, berichtet Hauk.
Schüler beobachten
Bevor sie schlichten kann, muss die Sozialarbeiterin aber vor allem beobachten: Wie verhält sich ein Kind im Unterricht oder auf dem Pausenhof? Sucht es ständig durch Provokationen nach Aufmerksamkeit? Wirkt es häufig unglücklich oder spielt immer alleine? Verweigert es die Schule ganz? „Ein Schulsozialarbeiter sucht sich seine Arbeit und wartet nicht, bis die Lehrer zu einem kommen“, sagt Hauk. Auch seien nicht alle Lehrer in gleichem Maße aufgeschlossen gegenüber Schulsozialarbeit.
Die Ursachen für Probleme, die Kinder mit sich herumtragen, können vielfältig sein. Die Mutter eines Schülers habe beispielsweise unter depressiven Verstimmungen gelitten, was sich in Mangel an Fürsorge und Zuwendung für das Kind niedergeschlagen habe. Im Unterricht habe dieses nicht nur immer wieder geweint, sondern sich auch stark eingesetzt, wenn es vermeintliche Ungerechtigkeiten ausgemacht hatte. „Das ist ein Zeichen, dass Kinder zu Hause zu viel Verantwortung tragen müssen“, sagt Hauk.
Corona wirkt bei Schülern nach
Die Gruppe ukrainischer Schüler in Berghausen stellt eine besondere Herausforderung für sie dar, die sich aus den verschiedenen Fluchtgeschichten, der Trennung von Familienmitgliedern und den daraus folgenden Traumata ergibt. Auch die Corona-Pandemie wirke noch stark nach: Durch das Fehlen von sozialer Interaktion hätten manche Kinder Probleme mit Blickkontakt oder hätten keine Kommunikationsmuster erlernt.
Lara Hauk sucht, wenn sie ein Problem erkannt hat, das Gespräch mit dem Kind und den Eltern und versucht gegebenenfalls Kinderschutz oder Erziehungsberatung mit ins Boot zu holen. Dabei kann die Sozialarbeiterin auch mal gefordert sein, wenn sie eigentlich ihren freien Tag hat. „Es gab einen Riesenkonflikt zwischen mehreren Schülern, der sich über Wochen aufgebaut hatte“, erinnert sie sich an einen Fall. Hauk kam daraufhin spontan in der ersten Stunde an die Schule, zog die betroffenen Kinder aus dem Unterricht und schlichtete den Streit.
Dabei gilt grundsätzlich, dass die Annahme von Hilfsangeboten freiwillig ist. Nur wenn sie das Kindeswohl stark gefährdet sieht, würde die Sozialarbeiterin andere Stellen auch gegen den Willen der Beteiligten hinzuziehen. „Wenn ein Kind extrem verwahrlost ist oder es zum Beispiel Anzeichen häuslicher Gewalt gibt, bin ich gehalten, den Kinderschutz zu informieren“, sagt sie. Das sei in Berghausen zum Glück noch nicht vorgekommen.
Konflikte friedlich lösen
Nicht hinter jedem Streit stecken gleich Probleme im Elternhaus oder ähnliches. Jedes Kind erlebe an der Schule Konflikte, seien es Beleidigungen oder Streit darüber, wer ein Spielgerät benutzen darf. Aber: „Sobald es zu einem Muster wird, muss ich intervenieren“, sagt Hauk. Irgendwann werde es normal, wenn ein Schüler einen anderen auf dem Nachhauseweg verfolgt und ihn dabei beschimpft, nennt sie ein Beispiel.
„Ein Kind weiß noch nicht, wie man einen Konflikt mit dem Kopf und friedlich löst“, erklärt die Sozialarbeiterin. Sie arbeitet deshalb auch mit ganzen Klassen, organisiert Projekte und Übungen. Für die Kinder, die als Streitschlichter fungieren wollen, hat sie eigens ein von den Schülern entworfenes Logo mit dem Wort Frieden auf Westen drucken lassen. Aber auch Lehrern steht Lara Hauk als Ansprechpartnerin zur Verfügung, wenn diese über Probleme sprechen oder sich einfach mal „auskotzen“ wollen.
Der These, dass die Gesellschaft sich sehr zum Negativen verändert hat und deshalb heute Schulsozialarbeiter nötig sind, schließt sich Lara Hauk nicht an. „Ich bin ein Kind der 1970er-Jahre. Im Nachhinein hätte ich mir auch einen Sozialarbeiter an der Schule gewünscht“, sagt sie.
Sie glaubt, dass sich weniger die Gesellschaft geändert hat als das Bewusstsein für Probleme. Hauk sieht auch eine politische Dimension: Das Lernen des sozialen Miteinanders und von friedlicher Konfliktlösung ist für sie auch wichtig für den Erhalt des demokratischen Systems. Mit Blick auf ihre Schützlinge an der Grundschule sagt sie: „Es darf keiner verloren gehen.“