Bobenheim-Roxheim / Worms
Noch kein Durchbruch im Fluglärmkonflikt
In einer von Andy Becht (FDP), dem Staatssekretär im Wirtschafts- und Verkehrsministerium anberaumten Videokonferenz sind am Dienstag ganz schön viele Menschen zusammengekommen: Vertreter der Luftfahrtbehörde beim Landesbetrieb Mobilität (LBM) und der Flugplatz GmbH, Mitglieder der Flugplatz-Interessengemeinschaft (IG) und der Bürgerinitiative (BI) gegen Fluglärm sowie Landtagsabgeordnete und aus Bobenheim-Roxheim der Bürgermeister plus Vertreter der Gemeinderatsfraktionen. Sie alle wurden gebeten, möglichst nicht öffentlich über den Sitzungsverlauf zu sprechen, und eine Pressemitteilung will das Ministerium nicht verschicken. Aber das muss auch nicht sein. Die Zwickmühle, in der sich alle Beteiligten befinden, ist bekannt, und die „Maßnahmen“, die Becht kürzlich vorgestellt hat, sind nicht der große Wurf, sie helfen aus dem Dilemma nicht heraus.
Was lärmgeplagte Bürger nervt, ist weniger die Gesamtzahl der Flugbewegungen vom und zum Wormser Verkehrslandeplatz als vielmehr die Runde, die etliche Piloten über bewohntem Gebiet drehen wollen oder müssen, weil der Direktanflug der Landebahn für sie nicht infrage kommt. Hauptsächlich Flugschüler nutzen das standardisierte Verfahren in der festgelegten Schleife vom Gebiet zwischen Kleinniedesheim und Bobenheim im Westen und dem Rhein im Osten.
Aus Übungsgründen fliegen Schüler die Platzrunde meist mehrmals hintereinander, setzen also kurz auf der Piste auf und starten wieder durch. Andreas Kroemer von der Interessengemeinschaft der den Flugplatz nutzenden Betriebe und Luftsportvereine nennt fünf bis sechs Runden eine sinnvolle Übungseinheit, Paul Calmes von der BI hat Belege dafür, dass die Runde mitunter von ein und demselben Piloten mehr als zehnmal gedreht wird und dabei nicht die festgelegten Überflugpunkte eingehalten werden.
Ausbildende Vereine am Standort Worms plus das Institut EIAB, das zusammen mit der Hochschule Worms Piloten ausbildet, sowie Flugschüler aus anderen Regionen, die hier ideale Übungsbedingungen finden – da kommt einiges zusammen. Deshalb sagt die Bürgerinitiative: „Der Fluglärm über bewohntem Gebiet wird ausgelöst durch die gewerbliche Nutzung der Platzrunde durch ortsansässige und fremdanfliegende Flugschulen.“ Die mittlerweile erhöhten Gebühren und das Verbot wiederholter Platzrundenflüge an Sonn- und Feiertagen zwischen 13 und 15 Uhr seien „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.
„Entweder oder“ heißt es vonseiten der BI
Unter den vielen Aspekten des Konflikts, in dem auch der LBM wegen seines Umgangs mit Beschwerden kritisiert wird, erscheinen zwei Forderungen der Bürger und der Gemeindevertreter als zentral: Entweder wird die Platzrunde verlegt beziehungsweise so vergrößert, dass Wohngegenden verschont bleiben, oder die Schulungsflüge werden am Wochenende massiv zurückgefahren.
Ersteres habe die Flugplatz GmbH der Stadt Worms beim LBM beantragt, sagt deren Geschäftsführer Michael Baumann, doch das werde wohl nicht genehmigt. Und ein Wochenendverbot für wiederholte Platzrunden sei eine zu große Beschneidung der Flugschulen und Luftsportvereine. „Für die Flugschüler sind der Abend und das Wochenende nun mal die bevorzugte Trainingszeit“, so Baumann. Er bezweifelt außerdem, dass sich die seit langer Zeit geltende Betriebsgenehmigung einfach so zulasten des Flugschulbetriebs ändern lässt.
Christian Baldauf enttäuscht
Der Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Frankenthal und Fraktionsvorsitzende der CDU, Christian Baldauf, ist enttäuscht, dass genau diese entscheidenden Punkte in dem Konflikt von den Behörden noch nicht transparent erklärt und begründet worden seien. „Was genau sind die Rechtsgrundlagen dafür, dass die Platzrunde und die Betriebszeiten nicht verändert werden können?“, fragt Baldauf. Vom LBM nur zu hören, „das geht nicht“, sei für alle unbefriedigend. Laut Ministerium sollen den Konferenzteilnehmern diese Antworten mit dem Protokoll der Konferenz nachgereicht werden.
Abgeordneter Martin Haller (SPD) aus Lambsheim sieht als Kern des Problems ebenfalls die Platzrunde beziehungsweise, dass allzu häufig von ihr abgewichen werde. Die Gründe dafür müssten minimiert werden. Erfreulich findet Haller Bechts Vorschlag, einen Lärmbeirat zu gründen. Das wäre ein Gremium, das dauerhaft den Austausch zwischen den von Lärm betroffenen Anwohnern, der Politik und den Flugplatz-Interessenvertretern pflegt mit dem Ziel, die Lärmbelastung zu mindern. Ein Gremium mit Entscheidungsbefugnissen wäre der Beirat aber wohl nicht.
„Fliegen mit Lärmschutz“ ist für die IG Wormser Flugplatz der entscheidende Teil zur Lösung des Problems. „Wir investieren kontinuierlich in neue leise Flugzeuge und deren Instandhaltung sowie in die Ausbildung unserer Piloten“, heißt es in einer Veröffentlichung der Gruppe zum Stichwort Lärm. Sprecher Andreas Kroemer zählt auf: „Auf die IG entfallen 70 Prozent aller Flugbewegungen am Flugplatz Worms, davon finden 81 Prozent mit erhöhtem Lärmschutz statt, und vier Prozent sind Segelflugzeuge, die gar keinen Lärm machen.“
Grundstücksfrage noch offen
Bleibt noch die Rolle der Gemeinde Bobenheim-Roxheim, die der Stadt Worms den Pachtvertrag für ihre auf dem Fluggelände liegenden Grundstücke gekündigt hat, deren Nutzung aber noch duldet. Im Juli würden sich Hauptausschuss und Gemeinderat damit befassen, ob die Kündigung durchgesetzt oder der Vertrag verlängert wird, sagt Bürgermeister Michael Müller (SPD). Eine Entscheidung sei notwendig, weil Worms den Flugplatzbetrieb verpachten wolle.
Das bestätigt Michael Baumann: Am 1. September soll The Pilot Factory den Betrieb übernehmen. „Wir haben deshalb die Erwartung an die Gemeinde formuliert, dass mit uns ein Pachtvertrag über 30 Jahre geschlossen wird mit der Möglichkeit der Untervermietung“, so Baumann. Auch habe man angeboten, dass Bobenheim-Roxheim wieder an der Flugplatz GmbH beteiligt wird. Der Wegfall der Gemeindegrundstücke würde übrigens nicht das Aus für den Wormser Verkehrslandeplatz bedeuten. Laut Baumann und der IG wäre allerdings der Segelflugbetrieb nicht mehr möglich. Denn die Segelflieger benötigen die Verlängerung der Start- und Landebahn dafür, sich mit der Seilwinde in die Luft ziehen zu lassen.