Birkenheide
Juliane Popp verabschiedet sich aus der Lokalpolitik
Das Setting für das Gespräch mit Juliane Popp ist irgendwie anders. Im großen Saal des Dorfgemeinschaftshauses steht nur ein Tisch mit zwei Stühlen. Sonst ist der Saal mit Tischen und Stühlen und Leben gefüllt, etwa bei Ausschuss- oder Ratssitzungen. Auch Vereine nutzen das DGH gerne. Jetzt aber ist alles aufgebaut, wie bei einem Verhör in einem schlechten Film. Es fehlt nur noch der Einwegspiegel an der Wand, durch den man beobachtet wird. Aber ein Verhör soll es selbstverständlich nicht werden. Auch wenn es in der Natur der Sache ist, dass die Presse die Fragen stellt und die Person auf der anderen Seite antwortet.
Es wird, wie immer, ein sehr nettes und offenes Gespräch. Juliane Popp zeichnet sich dadurch aus, dass sie aus ihrem Herzen nur ganz selten eine Mördergrube macht. Ihre bayerische Herkunft kommt sprachlich bisweilen durch, was ihren Ausführungen in Sitzungen oder eben im Gespräch immer noch einen gewissen Charme verleiht. Sie lacht gerne und viel. Das ist auch bei dem Gesprächstermin so. Das ändert sich auch nicht, wenn zu Beginn ein klein wenig Wehmut durchzukommen scheint. „Mir geht’s gut“, betont sie. „Aber mir wird in diesen Tagen bewusst, dass ich als Bürgermeisterin alles zum letzten Mal mache.“ Die letzte Ratssitzung hat sie vor ein paar Tagen geleitet. Und so weiter.
Manche Dinge habe sie gerne gemacht in ihrer Funktion als Ratschefin, sagt sie und grinst. Womit sie wieder den Bogen zu den Sitzungen des Gemeinderats schlägt. „Die habe ich gerne geleitet. In der Regel war die Stimmung gut.“ Und es seien die Momente gewesen, in denen sie gespürt habe, dass etwas vorwärts geht. Gut, das geht eben mal mehr mal weniger schnell. Aber es seien oft neue Ideen eingebracht worden. „Und die Ratsmitglieder haben in der Regel konstruktiv mitgearbeitet.“ Das sei der Kern der Tätigkeit als Bürgermeisterin. „Das ist auch mehr meins, als zum Beispiel Feste eröffnen“, sagt sie ganz offen.
Eingeweiht hat sie vor wenigen Wochen die frisch renovierte evangelische Kindertagesstätte. Das hat sie besonders gefreut. Denn mit dieser hat 2001 quasi ihre lokalpolitische Laufbahn in Birkenheide begonnen. „Ich war damals in der Elterninitiative Nestschutz, weil die Pinguingruppe zugemacht werden sollte. Wir haben für den Erhalt der Gruppe gekämpft. Das hat mir gezeigt: Man kann als Privatperson im Dorf etwas bewegen.“ Es sei richtig gewesen, die Kita zu erhalten. Das sei ihr auch ein persönliches Anliegen gewesen. „Dort wird gute Arbeit gemacht. Ich finde, das muss man honorieren.“ Von daher sei der Tag der Einweihung für sie besonders schön gewesen. Und ja, die Momente, wenn etwas klappt, genieße sie auch. Wie zum Beispiel auch die Einweihung der sanierten Turnhalle der Albertine-Scherer-Grundschule. Auf der Seite der Dinge, die ihr gefallen haben, nennt sie zudem die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des DGH und des Bauhofs – Dagmar Tossmann, Mariviet Adam, Uwe Kunt und Daniel Jonas. „Sie halten Birkenheide am Laufen und verbreiten dabei noch gute Laune.“
Startschuss für Ausbau Eyersheimer Straße
In ihrer Zeit als Beigeordnete ist der Startschuss für den Ausbau der Eyersheimer Straße gefallen. „Da war ich Woche für Woche auf der Baustelle. Es war schön, zu sehen, was vorwärts geht.“ Der zweite Bauabschnitt der Eyersheimer Straße werde sich aber voraussichtlich um ein Jahr verzögern. „Weil ein Antrag noch nicht bearbeitet ist“, hadert sie.
Eine Einweihungsfeier habe es damals nicht gegeben. Wegen Corona. „Die Pandemie hat die Art der Zusammenarbeit verändert“, sagt sie. Auch in Birkenheide ist zwangsweise vieles digitaler geworden. Einmal pro Woche habe sie ein Corona-Update mit neuen Vorschriften herumgeschickt. „Da wollten dann immer mehr in den Verteiler – Kita, Elternbeiräte, Schule. Da hatte ich das Gefühl, dass ich etwas machen kann. Das hat mir gutgetan in einer Zeit großer Verunsicherung.“
Regulierungswut als Folge der Pandemie
Was von der Pandemie geblieben ist, das findet Juliane Popp nicht gut. Und das hat ihr auch die Lust auf eine weitere Amtszeit madig gemacht, wie sie sagt. „Geblieben ist eine unglaubliche Regulierungswut. Die Leute schauen erstmal, ob es bei Projekten Vorschriften gibt, die dagegen sprechen. Das lähmt die Verwaltung. Und ja, das ist DER Grund für mich aufzuhören.“ Der Entscheidungsspielraum sei immer geringer geworden. „Der gesunde Menschenverstand wird zunehmend eingeschränkt.“
Den ersten Spatenstich der neuen Kindertagesstätte hätte sie wohl gerne noch gemacht. Aber das wird noch ein bisschen dauern. Was sie trotzdem beruhigt: „Es sind alle Kinder unter. Von daher ist das keine Katastrophe.“ Was sie nicht zufrieden stellt: Der Ausbau der Grundschule zur Ganztagsschule hängt. Da entfährt der Ortschefin doch noch ein tiefer Seufzer. Was sie da bisweilen ärgert: „Die Ganztagsschule ist sinnvoll und gut für den Ort. Dass es jetzt nicht vorwärts geht, ist Mist für den Ort.“ Überhaupt klagt sie bei übergeordneten Verwaltungsstellen über eine gewisse Emotionslosigkeit, wenn es um die Geschwindigkeit bei der Bearbeitung von Anträgen oder ähnlichem geht. „Da bewegt man sich manchmal wie durch Sirup.“
Diskussion über Flüchtlinge belastend
Die Diskussion über die Unterbringung von Flüchtlingen habe sie sehr belastet. Nach der letzten Sitzung des Verbandsgemeinderats 2023, kurz vor Weihnachten, sei sie auch eine Zeit lang krank gewesen. „Die Leute, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben einfach keine Kapazitäten mehr“, stellt sie noch mal klar. Trotzdem werden in absehbarer Zeit fünf Doppelcontainer auf eine Freifläche beim Feuerwehrgerätehaus gestellt werden.
Sie übergebe den Ort mit gutem Gewissen. „So nach dem Motto ,Nach mir die Sintflut’, das hätte ich blöd gefunden“, sagt sie ganz offen. Gary Kuhn (CDU) war der einzige Bewerber um ihre Nachfolge und hat mit 86,1 Prozent ein tolles Ergebnis eingefahren. Es ist nicht so, dass er komplett ins kalte Wasser springen muss. „Wir haben die Übergabe ja quasi zweieinhalb Jahre vorbereitet“, sagt sie und lächelt wieder. Kuhn sei als Beigeordneter schon gut eingearbeitet, kenne alle Prozesse.
Sie gehe dann in ihr altes Leben zurück. Nicht in Rente. „Als Hausfrau und Mutter geht man nicht in Rente“, betont sie, grinst, und schiebt hinterher: „Mir wird nicht langweilig.“ Sie wolle wieder mehr lesen, Ausstellungen besuchen, sich dem Garten widmen und vor allem mit ihrem Mann reisen. Aufs Filmfestival in Ludwigshafen freue sie sich schon. „Sie sehen, es ist genügend anderes da, auf das ich mich freuen kann“, sagt sie. Und lacht zum Abschied.