Rhein-Pfalz-Kreis
Gewalt gegen Frauen: „Männer haben das nicht auf der Stirn geschrieben“
Karen Lehmann und Beate Guttenbacher haben viel Lob übrig. Für die Polizei etwa oder auch für das Land Rheinland-Pfalz. Die von der Mainzer Regierung im Jahr 2005 eingerichtete Interventionsstelle (IST) bei Gewalt in engen sozialen Beziehungen und Stalking – so der offizielle Name – „lief ziemlich schnell gut an, weil das auch von allen Seiten gewollt war“, stellt Guttenbacher fest. Die Sozialpädagogin ist seit 2006 dabei und lobt etwa die Polizeibehörde, weil diese sich angepasst habe. „Das fing damit an, dass die Polizei in ihren Mitteilungen nicht mehr von Familienstreitigkeiten gesprochen hat“, erinnert sie sich.
„Unsere Fallzahlen gingen relativ schnell auf um die 400 im Jahr“, berichtet Guttenbacher aus den Anfängen der Beratungsstelle. Das Konzept sieht vor, dass Polizisten jene Frauen, die sich an die Beamten gewendet haben, über das Angebot der IST informieren.
Sind die Opfer mit einer Kontaktaufnahme einverstanden, werden Lehmann und Guttenbacher eingeschaltet. Die zum Großteil vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration finanzierte Beratung ist mit einer Vollzeitstelle an die Diakonie Pfalz in Ludwigshafen angeschlossen. Dort findet auch die Beratung durch Guttenbacher und Lehmann statt. Ein Kontakt per Telefon oder E-Mail sei aber auch möglich.
„Das spielt sich auch auf dem Dorf ab“
Akzeptiert eine Betroffene die Hilfe, kann die IST in der akuten Situation erste Schritte einleiten, um die Frau bestmöglich zu schützen – etwa indem versucht wird, schnellstmöglich einen Gewaltschutzantrag beim Gericht zu beantragen. Innerhalb von wenigen Tagen ginge so ein Antrag üblicherweise durch. Ist dieser genehmigt, darf sich der Täter erst einmal für einen bestimmten Zeitraum nicht mehr dem Opfer nähern. Hat ein Täter bereits von der Polizei kurz nach der Tat einen Platzverweis und damit ein kurzfristiges Näherungsverbot erhalten, kann so ein übergangsloser rechtlicher Schutz gewährleistet werden. Hält sich der Täter nicht an die Auflagen, drohen ihm weitere Konsequenzen. „Der Gewaltschutz ist ein Instrument. Das heißt nicht, dass sich jeder daran hält. In dem Fall ist es wichtig, erneut die Polizei einzuschalten“, erklärt Guttenbacher die Vorgehensweise. In manchen Fällen empfehlen die Diakonie-Mitarbeiterinnen den Frauen auch direkt einen Anwalt einzuschalten.
Lehmann und Guttenbacher betreuen auch Betroffene aus Frankenthal sowie dem mittleren und nördlichen Rhein-Pfalz-Kreis. „Wir haben auch Fälle von häuslicher Gewalt, die sich auf dem Dorf abspielen“, sagt Lehmann. Nur bleibe das dort eher unbemerkt, weil sich die Gewalt innerhalb des Einfamilienhauses zutragen könne, nicht in einem von vielen Parteien bewohnten Mehrfamilienhaus. Der Erfahrung der Sozialpädagoginnen nach gebe es derartige Übergriffe gegen Frauen – 98 Prozent ihrer Klientinnen sind weiblich – in allen Alters- und Bildungsgruppen. „Das geht durch alle Schichten“, sagt Lehmann. Ärztinnen oder Lehrerinnen können genauso davon betroffen sein. Auch in den Fallzahlen spiegele sich die Struktur der Gesellschaft wieder. „Das trifft entsprechend auch auf die Täter zu“, sagt Lehmann und stellt klar: „Männer haben das nicht auf der Stirn geschrieben.“
Ein Drittel der Fälle aus Frankenthal und Landkreis
Der Kreis habe weder eine eigene Frauenberatungsstelle noch ein eigenes Frauenhaus. Frauen aus dem Rhein-Pfalz-Kreis, die Opfer von Gewalt geworden sind, müssten sich also an die entsprechenden Stellen in Frankenthal, Ludwigshafen oder Neustadt wenden. In der Anfangszeit zählten außerdem noch die Bereiche Speyer und Neustadt zur IST in Ludwigshafen. Inzwischen ist der Bereich kleiner geworden.
Die Fallzahlen aber seien im Laufe der Jahre trotz des kleineren Einzugsbereichs nicht weniger geworden: „Wir haben jährlich 400 bis 500 Meldungen“, informiert Karen Lehmann, die seit dem Jahr 2020 in der IST arbeitet. Ein Drittel davon entfielen auf Frankenthal und dem Landkreis. Seit Gründung der IST habe es bei den Zahlen nur einen, in dem Fall negativen, Aufwärtstrend gegeben. Doch mit der Corona-Pandemie hat sich die Arbeit für die Sozialpädagoginnen noch einmal spürbar verändert.
Mehr Hochrisikofälle seit der Pandemie
„Bei uns sind die Fallzahlen während Corona nicht hochgegangen“, sagt Karen Lehmann. Sie habe das Gefühl bekommen, Frauen seien in der Situation eher abwartender geworden und könnten versucht haben, länger in der Situation mit dem Partner auszuharren – solange, bis es gar nicht mehr auszuhalten gewesen sei. „Was wir aber merken ist, dass die Fälle schlimmer werden“, erzählt Guttenbacher. Habe es vor der Pandemie noch häufiger auch kleinere Meldungen, beispielsweise verbale Beleidigungen des Partners, gegeben, gebe es so etwas nun kaum noch. Dagegen seien sogenannte Hochrisikofälle stark angestiegen. Das seien Fälle, in denen die Bedrohung durch Täter massiv oder die Gewaltanwendung schlimm ist. „Wir haben jetzt schon mehr dieser Hochrisikofälle als im gesamten Vorjahr“, berichtet Lehmann. 2022 seien es 35 gewesen.
Bereits auf der Polizeidienststelle können Frauen einen wissenschaftlichen Fragebogen ausfüllen, anhand dessen eingeschätzt werde, ob es sich um einen Hochrisikofall handele. Obwohl ihre Arbeit als Kurzzeitberatung gedacht ist, könne sich die Betreuung eines Hochrisikofalls jedoch über mehrere Monate erstrecken.
Kinderberatung seit Jahresbeginn
Problematisch sei die Situation für Opfer häuslicher Gewalt besonders, wenn Kinder im Haushalt leben würden. Das treffe auf mehr als die Hälfte der IST-Fälle zu. Täter würden die Kinder oft als Druckmittel oder als Botschafter verwenden. In Ludwigshafen gebe es unter anderem deshalb auch seit Anfang des Jahres eine eigene Beratungsstelle für die Kinder von Betroffenen. Landesweit gebe es bisher erst fünf dieser Art. Ziel dort sei eine kindgerechte Beratung für Kinder von null bis 18 Jahren.
Dass Guttenbacher und Lehmann eher zu viel als zu wenig Arbeit haben, machen sie daran deutlich, dass ihre IST von den 18 in ganz Rheinland-Pfalz diejenige ist, die die höchste Quote an von der Polizei gemeldeten Fällen habe. Mehr Personal wäre also wünschenswert. Idealerweise sollte es pro 100.000 Einwohner eine Vollzeitstelle geben, so die Sozialpädagoginnen. „Wir haben das Drei- oder Vierfache bei einer Vollzeitstelle“, sagt Guttenbacher. Dennoch gestalte sich die Situation in Rheinland-Pfalz weitaus besser als in anderen Bundesländern. „In anderen Ländern finanzieren sich solche Stellen nur durch Spenden oder durch die Staatsanwaltschaft“, erzählt Lehmann. Die von der Landesregierung aufgebaute Struktur funktioniere, auch was den fachlichen Austausch auf allen Ebenen betreffe. „Das ist fast schon einmalig“, so Guttenbacher.
Kontakt
Die Interventionsstelle Ludwigshafen ist erreichbar per E-Mail an ist-lu@diakonie-pfalz.de oder telefonisch unter 0621 5292536.

