Limburgerhof
Ein Gründungsbürger erinnert sich an sein „Ur-Limburgerhof“
Er weiß sofort, wo er hingreifen muss. Heinz Müller steht von seinem Schreibtischstuhl auf, geht ein paar Schritte in seinem kleinen Büro und öffnet den Schrank. „Kirche“ steht auf den Ordnern, die zum Vorschein kommen, „Schwimmbad“ oder „Sozialverband VdK“ auf anderen. „Ich sammle gerne und hebe alles auf“, sagt der Mann aus Limburgerhof und lacht. Müller nimmt die dicke Mappe mit der Aufschrift „Schule 1929“ heraus. 52 Kinder dieses Geburtsjahrgangs sind zusammen in die Schule gekommen, Müller war eines davon. Und immer wieder treffen sich die Erstklässler von damals, das bislang letzte Mal im Jahr 2017. „Oder 2018“, sagt Müller, manchmal verwischen die Erinnerungen im Alter eben doch. Er blättert durch die Jahre, durch die Treffen. Die Menschen auf den Erinnerungsfotos werden immer weniger.
Als Heinz Müller im Juli 1929 geboren wird, gibt es Limburgerhof noch gar nicht. Zwar verlieh Konrad II. dem Kloster Limburg im Jahr 1035 die Gemarkung rund um Schifferstadt, und auch die Rehhütte wurde bereits 1590 erstmals erwähnt. Doch zu einem eigenständigen Ort hat es zu diesem Zeitpunkt bislang nicht gereicht. Die Menschen, die damals den Landstrich bevölkern, gehören zu anderen Gemeinden – zu Schifferstadt, Mutterstadt, Neuhofen und Rheingönheim. Das brachte Probleme mit sich, etwa wenn es um den Schulbesuch geht oder darum, wo die Menschen beerdigt werden, schreibt Limburgerhofs ehemaliger Bürgermeister Peter Kern (SPD) in einem Aufsatz über die Geschichte von Limburgerhof. Aus diesen Problemen, die um 1923 gar zu „separatistischen Umtrieben“ führten, habe der Wunsch einer neuen Raumordnung resultiert.
Die Frage lautete: Eingemeindung oder Selbstständigkeit? „Alle vier Gemeinden kämpften in der Folgezeit für eine Eingemeindung des Limburger Hofes in ihre Gemeinde. Dabei wandten sie sich besonders dagegen, dass sie bei der Bildung einer selbstständigen Gemeinde eigene Gemarkungsteile hätten abgeben müssen“, schreibt Kern. Das Bezirksamt Ludwigshafen kann sich derweil den Anschluss an Mutterstadt am ehesten vorstellen. Dass Limburgerhof eine eigene Gemeinde wird, hält das Amt für „praktisch undurchführbar“.
Vom Krieg gezeichnet
Das Telefon klingelt. „Isolde, ich habe gerade Besuch“, sagt Heinz Müller zu seiner Lebensgefährtin und kündigt an, sich später zu melden. Dann taucht er wieder ein in die Erinnerung. „Als Kinder haben wir es nicht so wirklich wahrgenommen, dass hier gerade ein Dorf entsteht“, sagt er – doch letztlich gehört er zu denen, die die gesamte Entwicklung Limburgerhofs miterlebt haben. Als Protestant ging er in einen katholischen Kindergarten, einen anderen gab es damals nicht – heute ist an dieser Stelle die Sozialstation. „Da wurde gesungen und gebetet“, sagt er. Er erzählt von Fußballplätzen und erinnert sich gerne an den Bahnweiher. „Da sind wir früher Schlittschuh gelaufen“, sagt Müller. Und als er in der siebten Klasse war, haben er und seine Mitschüler dort Maulbeerbäume gepflanzt und gepflegt. „Als Futter für die Seidenraupen. Für uns war das eine Ablenkung von den vielen Fliegeralarmen“, sagt Müller. Denn eine unbeschwerte Zeit hatte damals so gut wie niemand.
Das Leben von Heinz Müller ändert sich rund 100 Kilometer entfernt von Limburgerhof, in einem Lazarett in Homburg an der Saar. Dort liegt er, schwer verwundet, eine Blut-Direktübertragung seines Vaters hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Mit dem Motorrad war er sofort losgefahren, als er von der Verwundung seines Sohnes erfahren hatte. Doch zunächst erlebt Müller den Zweiten Weltkrieg in der Lehrwerkstatt der BASF, bei der er 1944 eine Lehre als technischer Zeichner beginnt. Als der Krieg im Herbst bereits verloren ist, wird Müller als Mitglied der Hitlerjugend zur Wehrmacht einberufen. Er kommt ins Saarland, zum sogenannten Schanzen, zum Festungsbau. Über Weihnachten darf er nach Hause, danach geht es wieder an die Front, diesmal nach Jägersburg. Wieder heben die jungen Männer Gräben aus, stellen Panzerfallen. „Ich war 15 Jahre alt“, sagt Müller heute – und irgendwann zählt er zur Panzervernichtungsbrigade.
„Die Fronten wurden härter“
Doch es passiert nicht einmal im Kampf. Als er seinem Hausherren hilft, eine Kohlenration vom Bahnhof Waldmohr nach Hause zu transportieren, kommt es zu einem feindlichen Jagdbomber-Angriff. Müller erleidet eine Bauchverletzung, sein Dickdarm wird von Splittern zerfetzt. Zurück in Limburgerhof, hängt das Schild des „Kriegsbeschädigten“ fortan um seinen Hals. „Ich war schwach und konnte die ganzen Jugendstreiche kaum mitmachen“, sagt Müller. Limburgerhof erfährt da gerade die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Ein Jahr zuvor soll eine Bürgerversammlung zeigen, wie die Menschen vor Ort denken – Eingemeindung oder Eigenständigkeit? Das Gasthaus Limburgerhof ist im März 1927 bis auf den letzten Platz gefüllt, schreibt Altbürgermeister Peter Kern. Eine „einheitliche Willensrichtung“ habe sich in des nicht erkennen lassen. Zwar habe sich bereits zuvor der Wunsch nach einer selbstständigen Gemeinde abgezeichnet, „die Fronten wurden aber härter“, schreibt Kern. Also musste die Verwaltung entscheiden. In einem Schiedsspruch erkennt das Bezirksamt Neustadt das „dringende öffentliche Bedürfnis“, das Gebiet von den bisherigen Muttergemeinden abzutrennen. Doch kann nach diesen Querelen aus einer jungen Gemeinde eine Einheit entstehen?
„Es ist ein zusammengewürfeltes Etwas“, sagt Heinz Müller und lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, „jeder Dorfteil war lange ziemlich für sich.“ Hier die Heimatvertriebenen, dort das badische Viertel auf ehemaligen Neuhofener Äckern mit Mannheimer, Schwetzinger oder Heidelberger Straße. Das „rote Dorf“ bezeichnet Müller als Akademikerviertel, in dem die Führungskräfte der BASF wohnten. „Die hat es inzwischen in alle Welt verstreut“, sagt er. Die Bahn hat für ihre Mitarbeiter am Weiher Wohnungen gebaut, später hat sich das Domholzviertel entwickelt. Und natürlich die alte und neue Kolonie. „Die gab es schon immer“, sagt Müller, der über sich selbst sagt: „Ich fühle mich einfach als echter Limburger und sauwohl.“
Früher kannte jeder jeden
Und damit ist er nicht allein. Müller hat vor Kurzem Gerhard Huy zu sich eingeladen, gleicher Jahrgang, ähnliche Geschichte. Zwar wohnt Huy inzwischen in Lambsheim, aber in seine Heimat kommt er gerne zurück. „Das war Ur-Limburgerhof“, sagt Müller, „jeder kannte jeden.“ Gemeinsam haben sie in Erinnerungen geschwelgt, an den Lehrer Fromm zum Beispiel, „den aktivsten in Limburgerhof“. Oder an die vielen Gaststätten im Ort. Daran, dass es allein in der Speyerer Straße mal vier Metzgereien gab. Oder daran, wie sehr Limburgerhof mit der BASF verbunden ist. Nach dem Krieg hat Müller dort als Tischlerlehrling weitergemacht. Er erlebte 1948 die Kesselwagenexplosion und ging 1998 als Aniliner in Rente. Eine klassische Berufslaufbahn eines Limburgerhofers.
Als der Ort 2005 seinen 75. Geburtstag feiert, sind fast 140 Menschen genauso jung wie der Ort selbst. Acht davon sind sogar hier geboren. Heute sind es noch vier Frauen und sechs Männer, die sich Gründungsbürger nennen können, sagt Müller. Fit sind freilich nicht mehr alle. Gefeiert wird das Jubiläum wegen der Corona-Pandemie allerdings nicht, die Gemeinde hat den Festakt abgesagt. Genauso wie das über die Ortsgrenzen hinaus bekannte Straßenfest, das in den 70er-Jahren aus einer Bürgerinitiative heraus entstanden ist. Die Menschen freuten sich über den Bau der Ortsumgehung, die heute die B9 ist, und stellten spontan Tische und Bänke auf die Speyerer Straße, die fortan vom Verkehr entlasten werden sollte.
Ein hartes Ringen
Eine Keimzelle Limburgerhofs könnte man gegenüber des Burgunder Platzes verorten. Dort steht der Grenzstein, an dem die Gemarkungen der vier Muttergemeinden aufeinanderstießen, wo sich die Alte Speyerer Landstraße und der Böhlgraben kreuzten. Zwar legten die Muttergemeinden gegen die Entscheidung des Neustadter Schiedsamts Berufung ein, doch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München lehnte sie Ende März 1928 ab. Da sich die beteiligten Gemeinden weiterhin nicht einigen konnten, verfügte das Bayerische Staatsministerium des Innern die Gründung Limburgerhofs. Schifferstadt musste dafür 345 Hektar seiner Gemarkung abtreten, Mutterstadt 255 Hektar, Neuhofen 238 Hektar und Rheingönheim 63 Hektar. Nach Liebe klingt das alles nicht. „Das Ringen um die beste Lösung hatte nach zehn Jahren zum Ziel geführt“, schreibt Altbürgermeister Kern. Am 8. Dezember 1929 waren die ersten Gemeinderatswahlen. Wenige Monate zuvor kommt Heinz Müller auf die Welt.
1952 heiratet er und macht quasi nebenbei Karriere beim Sozialverband VdK, in dem er als Kriegsversehrter 1954 aufgenommen wird. Zwei Jahre später wird er Kassierer und engagiert sich jahrzehntelang im Ortsverband. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen die Urkunden: Ehrenmitglied, Verdienstmedaille, Ehren-Vorsitzender. 1959 baut Müller im Dornenweg ein Haus für seine Familie, in dem er noch heute lebt. Im Garten steht ein imposanter Ginkgo-Baum, den er mit seiner verstorbenen Frau beim Einzug pflanzte. Weggehen aus Limburgerhof, das kam Müller nie in den Sinn.
Denn seine Familie war schon hier, als noch niemand an eine eigenständige Gemeinde dachte. Müllers Vater war erst wenige Monate alt, als dessen Eltern 1905 in die Sieglestraße gezogen sind. Er starb 1968, die Mutter lebte bis zu ihrem Tod 1975 in jenem Haus. Früher sah er die vielen verschiedenen und so unterschiedlichen Ortsteile kritisch, heute findet er es charakteristisch für den Ort. „Sonst wären wir nicht der Limburger Hof“, sagt Müller, „und ich bin doch ein Limburger Bub.“ Er blättert wieder durch den Ordner mit der Aufschrift „Schule 1929“ und betrachtet die Fotos der Klassentreffen. Auch Todesanzeigen seiner einstigen Mitschüler bewahrt in dem dicken Hefter sorgfältig auf. In den vergangenen Jahren wurden es mehr.