Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Ein Drittel spricht kein Deutsch“: Lagebericht der Mutterstadter Grundschulleiter

In der Kita bleiben Kinder mit Migrationshintergrund oft mit Altersgenossen aus demselben Kulturkreis unter sich – in der Schule
In der Kita bleiben Kinder mit Migrationshintergrund oft mit Altersgenossen aus demselben Kulturkreis unter sich – in der Schule macht sich das bemerkbar, die Deutschkentnisse sind schlecht.

Die Lageberichte der Schulleiter und der Schulsozialarbeiterin im Schulträgerausschuss klingen wie verzweifelte Hilferufe. Sie klagen über mangelnde Deutschkenntnisse der Schüler und Verhaltensauffälligkeiten.

Viele Schüler sprechen kein Wort Deutsch, etliche sind vom Krieg oder der Corona-Pandemie traumatisiert, der Platz reicht hinten und vorne nicht, es wäre noch mehr Schulsozialarbeit nötig, auf den Schulhöfen besteht Handlungsbedarf, und es fehlt an Fachkräften, Sprachförderung und Verständnis für äußerst schwierige Situationen: Darin sind sich die Schulleiter Christian Schuster (Grundschule im Mandelgraben) und Jutta Ziegler (Pestalozzischule) sowie Schulsozialarbeiterin Nicole Kruse einig. Das geht aus ihren Berichten über die Situation in den beiden Lehranstalten hervor, die sie nun Mutterstadter Politikern und der Verwaltung vorstellten.

Grundschule im Mandelgraben: Mit 232 Kindern besuchen laut Schulleiter Schuster derzeit so viele Schüler wie nie zuvor die Schule. Personell sei die Einrichtung ausnehmend gut aufgestellt – bis auf die Tage, an denen jemand krank werde. „Wenn alle da sind, sind wir gut versorgt“, sagte er. So seien alle Klassen mit qualifizierten Lehrkräften besetzt, was in Rheinland-Pfalz nicht selbstverständlich sei.

„Was uns fehlt, sind FSJ-Kräfte, um die herum wir unser Ganztagsangebot aufgebaut haben“, teilte er mit. Diese Abkürzung steht für Freiwilliges Soziales Jahr. Nicht zuletzt da mehr als 180 Schüler das Ganztagsangebot nutzen, sei die Schule räumlich an ihre Grenzen gelangt. „Die Ganztagsschule wird gerne angenommen, weil sie kostenlos ist, die Kinder etwas zu essen bekommen, sie bei uns schon die Hausaufgaben gemacht haben, wenn sie nach Hause kommen, und wir schöne AGs haben; ein bisschen Sport, Kunst, Musik, wofür Eltern die Kinder sonst in der Gegend rumfahren müssen“, erklärte Schuster und betonte: „Einen weiteren Anstieg können wir nicht verkraften.“ Dennoch müsse nächstes Schuljahr wohl eine vierte erste Klasse gebildet werden. „Für die brauchen wir einen Klassenraum. Da sind wir mit der Gemeinde im Gespräch, wie wir das am besten lösen können.“

Nach Corona gebe es unter den 121 Jungen und 109 Mädchen noch mehr problematische Fälle zu versorgen, berichtete Schuster. „Obwohl wir schon immer mehr als genug Kinder mit entsprechendem Bedarf hatten.“

Kinder manchmal schon psychotisch

Die Zeit der Lockdowns und anderen Einschränkungen mache sich noch immer bemerkbar, gerade bei den Erstklässlern. Sehr viele Kinder seien sozial auffällig, sehr viele überängstlich, manchmal schon psychotisch. „Es ist sehr schwer, diese Kinder in einen regulären Schulbetrieb zu integrieren“, beschrieb er die Lage. So viele Stunden, wie allein für das Aufarbeiten dieser Traumata nötig wären, könne die Schulsozialarbeiterin gar nicht leisten.

Dazu komme eine große Unsicherheit bei den neuen Flüchtlingskindern aus der Ukraine, die vorher teilweise bis zu zwei Jahre in Polen gelebt haben. „Das heißt, sie sprechen Ukrainisch, ein bisschen Polnisch, null Deutsch“, erläuterte er. Diese Kinder schrieben teils in kyrillischen, teils in lateinischen Buchstaben, teils Ukrainisch und Polnisch gemischt. „Wir sind sehr froh, dass die Gemeinde die Dolmetscherin unter ihre Fittiche genommen hat. Sie ist oft bei uns, fast schon zu Hause“, informierte Schuster. Doch was die Deutsch-Förderung angehe, stoße die Schule mit ihren Förderstunden an Grenzen. Sie könne nur Gruppen unterrichten, habe aber zum Glück über die Bürgerstiftung neue Lernpaten rekrutieren können.

Schwierige Sprachbarriere, zu wenig Förderung

Wie hoch der Anteil der Schüler sei, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wollte Barbara Rödel (SPD) wissen. „Etwa ein Drittel mit Migrationshintergrund“, antwortete er. Dieser sei aber qualitativ sehr unterschiedlich. Manche Familien seien bereits in zweiter Generation hier, andere erst seit zwei Wochen. „Wir haben auch Familien aus dem arabisch-türkischen Raum, deren Eltern schon in Deutschland Deutsch gelernt haben, die Kinder aber trotzdem kein Deutsch können“, ergänzte der Schulleiter. In der Kita blieben diese Kinder oft mit Altersgenossen aus demselben Kulturkreis unter sich und würden auch zu Hause nur Arabisch oder Türkisch sprechen. „Bei der Einschulung steht dann die Mutter da und verlangt, dass ich den und den in eine Klasse stecke. Das machen wir natürlich nicht, weil sie endlich Deutsch lernen müssen“, schilderte er ein spezielles Problem.

Eine entsprechende Statistik über Schüler mit Migrationshintergrund, deren Deutsch-Kenntnisse und so weiter schicke er regelmäßig an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion – so heißt die Schulaufsicht –, die auf dieser Grundlage den (Förder-)Bedarf errechne. Doch dieser könne personell nicht abgedeckt werden, „da es die Lehrkräfte dafür gar nicht gibt“. Folglich werde Unterstützung nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt. Mehr als die acht Basis-Förderstunden – zwei je Klassenstufe pro Woche – würden der Schule nicht zugestanden. „Fordere ich 16, bekomme ich acht. Fordere ich 30, bekomme ich acht. Fordere ich 50, bekomme ich acht“, verdeutlichte Schuster die Misere. Vielen Menschen seien die enormen Leistungen nicht bewusst, die Kitas und Grundschulen erbringen, um den Betrieb am Laufen zu halten, merkte Christa Scheid (Grüne) an. Wobei zusätzlich vieles die Familien selbst und die ehrenamtlichen Helfern kompensierten.

Stefan Heller (Fraktion Heller) wies darauf hin, dass selbst bei deutschsprachigen Kindern das abnehmende Beherrschen ihrer Muttersprache zu beobachten sei. Haben die Experten eine Ahnung, woher das kommt? Die Antwort: „Es gibt keine Sprachförderung in den Kitas mehr, da geht es schon los.“

Zur sich abzeichnenden Vierzügigkeit an der Mandelgraben-Schule sagte Bürgermeister Thorsten Leva (SPD), diese werde kurzfristig mit Containern gelöst. Sobald der geplante Kindercampus in drei oder vier Jahren fertig sei, werde sich auch die Raumnot in der Pestalozzischule entspannen.

Karger Schulhof, ständiges Pendeln

Pestalozzischule: Schulleiterin Ziegler pflichtete ihrem Kollegen bei. Die Lage an der Pestalozzischule ähnele der in der Mandelgrabenschule. So habe auch hier etwa ein Drittel der 275 Schüler einen Migrationshintergrund und sei der deutschen Sprache nicht mächtig. „Um unsere Räume schlägt sich jeder“, sagte sie und bat die Gemeinde um Unterstützung, da sie hier mitunter massiv angegangen werde. „Die Leute glauben, ich möchte Räume nicht hergeben, die ich gar nicht habe. Das ist sehr anstrengend“, berichtete sie unter anderem von wiederholten, beharrlichen Anfragen Dritter – trotz bereits erfolgter Absage. Zusätzlich belastend sei, dass drei Klassen ins Haus der Vereine ausgelagert wurden und der Sport-Unterricht weiter in der TSG-Halle stattfinden müsse, weil die Sanierung der Schulturnhalle immer noch nicht abgeschlossen sei. So müssten viele Kollegen ständig durchs Dorf pendeln – sie selbst eingeschlossen. Darüber hinaus sei es für die Kinder sehr schade, dass es im Schulhof keine Spielgeräte und keine Schattenspender mehr gebe. Ziegler bemängelte auch die bisweilen schlechte Kommunikation seitens der Gemeindeverwaltung im Vorfeld geplanter Arbeiten, zum Beispiel als die letzten Spielgeräte entfernt wurden.

Bürgermeister Leva erklärte dazu, er werde sich mit den Schulleitern abstimmen, damit ein regelmäßiger Austausch und ein besserer Informationsfluss gelinge.

Schulsozialarbeiterin Kruse bestätigte die Berichte, wobei sie die tollen Lehrkräfte an beiden Schulen lobte. Das erste Schuljahr nach Corona habe speziell bei den neuen Erstklässlern eingeschlagen wie eine Bombe: Sie brauchten so viel Unterstützung wie noch nie. „Hier ernten wir, was 2020/2021 für die Kinder alles schiefgelaufen ist“, sagte sie. Anstelle von Gruppenstunden in den Klassen habe sie fast nur Einzelgespräche geführt. „Ich liebe meinen Beruf, aber ich wusste oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht“, schilderte sie ihre Erfahrungen. Zum Riesenthema „Sprachbarriere“ erklärte sie, es wäre gut und dringend nötig, dass zum Beispiel die ukrainischen Kinder gemeinsam Deutsch lernen, ehe sie in die Schule kommen. Dann laufe die Integration ganz anders, und viele Probleme entstünden erst gar nicht. Zudem begrüßte sie, dass es jetzt endlich auch Kita-Sozialarbeit geben wird – auch wenn es lange gedauert habe.

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