Pirmasens Zwischen Tradition und Moderne

Das „Lulu Weiss Ensemble“ ist in seinen verschiedenen Besetzungen seit Jahren ein Garant für seelenvoll gespielten Zigeuner-Jazz in und über unsere Region hinaus. Am Donnerstag spielte das Quartett bei Kuchems Sommermusik im Pirmasenser Neufferpark vor einem großen, sehr aufmerksamen Publikum.
„Das ist völlig egal, schreib’ einfach was du willst.“ Die Cousins Lulu und Nello Weiss, die beiden Gitarristen des Ensembles, machen sich absolut keinen Kopf darüber, ob es Zigeuner-Jazz, Sinti-Jazz, Gypsy-Jazz oder Jazz-Manouche heißen darf. „Es ist dieselbe Musik und in jedem Land hat sie eben einen anderen Namen, fertig“, sagt Nello Weiss. Derart unbelastet von vermeintlichen politischen (Un)-Korrektheiten hat man es gleichwohl beim „Lulu Weiss Ensemble“ mit vier Musikern zu tun, die mit einem tiefen Verständnis für die Tradition von Django Reinhardt einen fein ausbalancierten Zigeuner-Jazz zwischen den Konventionen des Genres und geschmackvollen und stilsicheren Modernisierungen präsentieren. Das „Lulu Weiss Ensemble“ mit Lulu und Nello Weiss an den Gitarren, dem Sopransaxofonisten Sergio Parra (ursprünglich aus Chile) und dem Zweibrücker/Saarbrücker Kontrabassisten Otmar Klein macht in einigen entscheidenden Nuancen so manches anders als vergleichbare Combos, die sich dem traditionellen Django-Reinhardt-Swing verpflichtet fühlen. Zunächst gibt es nicht die strikte Trennung bei den Gitarristen, wer „La Pompe“, also die typische flotte Begleitung im „dub-cek, dub-cek, dub-cek, dub-cek“-Rhythmus spielt und wer die Solo-Gitarre führt. Lulu und Nello Weiss wechseln sich in den Aufgaben ab; Lulu Weiss spielt dabei die typische, allerdings neue, Selmer-Gitarre mit „petit bouche“, mit kleinem Schallloch also nach den ursprünglichen Entwürfen, des italienische Gitarrenbauers Mario Maccaferri aus den 40er Jahren. Der perkussive, leicht mittige Klang ist soundprägend für die Musik. Nello Weiss vertraut auf eine elektrische Semi-Akustik-Gitarre mit kleinem Korpus, wie sie im Manouche seltener, im traditionellen Jazz aber eher Standard ist. Das bringt schon mal bedeutend mehr Farbe ins Spiel. Eingefahrene Wege verlässt man auch mit dem Sopran-Sax von Sergio Parra, der die Parts übernimmt, die sonst von der Violine gespielt würden. Auch das ist mehr als nur eine reizvolle klangliche Variante, sondern bringt substanziell andere musikalische Lösungen und Möglichkeiten zutage. Mehr noch sind die Gesangsbeiträge von Nello Weiss unter streng puristischen Gesichtspunkten eine bedeutende und willkommene Weiterung zum Hergebrachten. Auch Otmar Klein schmuggelt am Kontrabass subtil modernisierte Begleitfiguren in die Arrangements ein, die sehr für eine frische Auffassung der traditionellen Songstrukturen sorgt. Nimmt man dann noch dazu, dass sich neben dem kanonisierten Material wie „Minor Swing“, „It Had To Be You“ „Joseph, Joseph“ (bei dem sich „Via Con Dios“ in „Don’t Cry for Louie“ recht herzhaft bedient haben), auch Valse Musette und Latin-Nummern mit entschieden anderer Harmonik und zusätzlich Eigenkompositionen von Lulu und Nello Weiss im Programm finden, dann hat man alles zusammen, was man für einen spannungsreichen Konzertabend braucht: Schöne Melodien, flotte, ja virtuose Soli, interessante Klangfarben und vier Musiker, die mit unbändiger Freude bei der Sache sind. Nachdenkliches gibt es auch, das von Schnuckenack Reinhardt komponierte „O letzdu gurgu“ (Romanes für „der allerletzte Sonntag“), das den Tod des Bruders im Nazi-KZ zum Thema hat. Erneut ein sehr anregender Konzertabend bei der Sommermusik im Neufferpark.