Interview
Sängerin Jessica Gall über ihre Musik und den Auftritt in Dahn
Wie beschreiben Sie Ihren Stil?
Eigentlich bin ich seit dem Beginn meiner Karriere im Crossover-Bereich zwischen Jazz und Pop und Singer-Songwriter unterwegs. Manchmal ist es bei uns sogar folkig geworden, weswegen ich gleich den Stempel als „Cowgirl“ bekommen habe. Danach war es wieder poppiger, und aktuell arbeiten wir ein einem ganz neuen Sound.
Wie klingt der?
Deutsch und sehr Chansonnette – aber der Jazz bleibt immer die Basis. Jazz ist das Fundament, woher alles kommt, und er bestimmt die Harmonie. Aber meine Melodien und Phrasings sowie auch meine Liebe zur Soul- und Pop- und Folkmusik spielen nach wie vor mit rein.
Was bedeuten Jazz und Popmusik für Sie?
Der Unterschied zwischen Jazz und Popmusik ist, dass letztere nur aus vier Akkorden besteht. Ich finde sie trotzdem großartig. Pop ist eine eigene, ganz besondere Kunst. Doch während sich ein Popsong innerhalb von wenigen Minuten komplett strukturieren muss, lässt sich der Jazz Zeit und schweift gern aus. Pop muss mit allen Ebenen, dem Text und den Spannungsbögen innerhalb kürzester Zeit auf den Punkt kommen. Jazz hat eben andere Schwerpunkte.
Welche?
Dass man sich viel freier fühlen kann. Beat, Basslauf und Melodie entfalten sich frei. Im Jazz darf es auch mal sieben oder acht Minuten dauern, bis die Musik auserzählt ist. Außerdem geht es viel um Improvisation und darum, dass man miteinander musiziert. Improvisation, Inspiration und Kommunikation zwischen den Musikern stehen im Mittelpunkt. Dafür liebe ich den Jazz, aber eben auch eine Mischung, bei der sich unterschiedliche Klänge übereinanderlegen.
Sie haben mit dem Saxofon angefangen. Warum war das Instrument Ihr Favorit?
Als ich elf war, habe ich mit meinen Eltern „Wetten, dass…“ geguckt, und da spielte Candy Dulfer. Die hat mich komplett umgehauen. Ich fand sie toll, das Instrument toll, den Song toll. Wahrscheinlich hat sie „Lily was here“ gespielt. Auf jeden Fall habe ich meinem Vater sofort kommuniziert, dass ich genau das auch will. Kurze Zeit später hatte ich ein Saxophon unter dem Weihnachtsbaum. Das war fantastisch. Ich hatte Talent, relativ schnell gute Töne rauszukriegen, und das ist bei Blasinstrumenten ja nicht ganz einfach.
Aber auf der Bühne ist es inzwischen die Stimme.
Genau. Ich hatte die Wahl zwischen Saxophon und Gesang. Tatsächlich hatte ich erst vor Saxophon zu studieren. Nicht zuletzt, weil ich dem Posaunisten Jiggs Whigham vorgestellt wurde, der damals die Rias-Bigband leitete. Dort habe ich als Nachwuchstalent an Workshops teilgenommen. Jiggs war damals als Professor an der Musikhochschule Hanns Eisler. „Wenn du dein Abi gemacht hast, kommst du zu uns und spielst Saxophon“, hat er gesagt.
Doch dann kam die Stimme dazwischen?
Ja, tatsächlich. Ich habe irgendwann entdeckt, dass Gesang noch viel persönlicher ist als Saxophon. Saxophon geht einem seelisch und körperlich schon nahe, auf jeden Fall mehr als ein Klavier, zu dem man Abstand hat…
Aber was hat es mit der Stimme auf sich?
Von ihr geht nochmal ein ganz anderer Zauber aus – eine Magie, die ich kaum beschreiben kann.
Versuchen Sie es trotzdem?
Einmal habe ich als Sängerin einen Workshop in Berlin gemacht, bei dem ich Bene Aperdannier kennengelernt habe, meinen späteren Pianisten. Wir haben einen Song gesungen, den ich so intensiv gefühlt habe, dass ich ein Leben lang nie wieder etwas anderes machen wollte. Das war das Schönste, das ich je erlebt habe. Seit diesem Moment gibt es für mich keine Frage mehr. Das Saxophon ist auf den zweiten Platz gerutscht.
Die Stimme ist auch ein Instrument?
Klar, logisch. Es ist das menschlichste Instrument und das erste, was der Mensch je hatte. Vielleicht noch vor dem Trommeln. Man muss die Stimme gut pflegen, weil man mit ihr das Privileg hat, mit Texten zu musizieren.
Sprechen wir über Ihre Vorbilder in der Musik.
Ich höre alles querbeet. Zwischen Jazz und dem, was in der Popmusik gerade aktuell ist. Allerdings muss ich aber gestehen, dass ich die Ruhe liebe, weil ich Musik oft analytisch wahrnehme. Manchmal hören mein Mann und ich aber auch alte Platten aus den 70er Jahren, Sergio Mendes zum Beispiel, oder Toto und Stevie Wonder.
Und Jazzstandards?
Ja, meine ganzen Must-have-CDs sind unter anderem von Miles Davis, Bill Evans oder Ella Fitzgerald. Es gibt so viele unfassbar gute Musiker. Ein Klangideal habe ich aber nicht. Ich höre auch gern heutige Stars wie John Legend. Auf dem aktuellen Stand muss ich natürlich schon sein, weil ich auch unterrichte.
Ein Lied komponieren, wie geht das für Sie?
Bei dem Song „Rain“ hat sich das ganz wunderbar gefügt. Robert, mein Mann, Produzent und Pianist, hat genau die Harmonien gespielt, die ich gebraucht habe, um eine Melodie dazu zu singen. Als ob ein Engel im Spiel gewesen sei. Wir haben genau die gleich Melodie gespürt. Das war eins zu eins, als hätten wir schon immer diesen Song gehabt. Seitdem finde ich es besser, wenn der Text zuerst da ist und die Melodie ihn dann ummantelt. Ich muss wissen, welche Energie und welchen Klang diese Worte für mich haben. Je nachdem bilde ich intuitiv die Töne dazu. Andersrum ist es wie ein Puzzle. Da ist es viel schwieriger einen Text einzufügen, weil er nie genau passt.
Was inspiriert Sie, wenn Sie Songs schreiben?
Eigentlich alltägliche Dinge. Ein Song, der noch nicht veröffentlicht ist, erzählt von einer Highsociety-Szene. Dort wird so viel Champagner verschüttet, dass alleine davon ein ganzes Dorf in Afrika überleben könnte. Das versuche ich mit einem Augenzwinkern zu vertonen. Eine meiner Chansonballaden erzählt aber auch, wie sehr ich mich nach der Natur sehe, und andere Lieder handeln von der Liebe.
Wenn Sie die Natur lieben, gefällt Ihnen bestimmt auch die Südwestpfalz gut.
Auf jeden Fall. Ich bin gerne da und kenne mich inzwischen auch ganz gut in der Gegend aus.
Info
Am Freitag, 21. November, gastiert das Jessica Gall Trio bei den Dahner Jazz-Freunden. Das Konzert im Alten E-Werk beginnt um 20 Uhr. Karten gibt es nur an der Abendkasse und kosten 16 Euro.
Zur Person
Jessica Gall ist die Musik in die Wiege gelegt. Sie wird in einer Berliner Musikerfamilie geboren und bekommt schon in jungen Jahren von ihrer Großmutter Klavierunterricht. Als Teenager entdeckt sie das Saxophon, findet ihre tiefe Liebe zur Musik und entscheidet sich schließlich, Jazzgesang an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ zu studieren.
Mit ihrem Ehemann Robert Matt schreibt sie die gemeinsamen Songs für das Jessica Gall Trio, die stilistisch eine Mischung aus Jazz, Folk und Soul darstellen. 2006 unterzeichnet die Sängerin ihren ersten Plattenvertrag bei Sony/BMG. Ihr Debütalbum „Just Like You“ wird von Musikkritikern und Publikum gleichermaßen gefeiert, ebenso die zweite CD „Little Big Soul“, die sich prompt in den Top Ten der deutschen Jazzcharts platziert. Es folgten drei weitere Alben und europaweite Konzerte sowie Songbeiträge in TV- und Kinoproduktionen.
Jessica Gall ist auch als Gesangsdozentin tätig und lehrt unter anderem an der Universität der Künste (UdK) in Berlin. Zusammen mit Robert Matt und ihren beiden gemeinsamen Töchtern lebt sie nahe dem Spreewald. Bei den Jazz-Freunden Dahn spielt sie zum zweiten Mal, nachdem die Premiere im Dahner Alten E-Werk ein furioser Erfolg gewesen ist.