Pirmasens Pirmasens: Erzieherinnen fühlen sich überfordert

Für die Integration der Migrantenkinder schon im Kindergarten spreche, dass ansonsten die Probleme umso stärker in der Schule od
Für die Integration der Migrantenkinder schon im Kindergarten spreche, dass ansonsten die Probleme umso stärker in der Schule oder Ausbildung aufträten, sagte Renate Gerlich, pädagogische Gesamtleiterin des Nardinihauses.

Erzieherinnen schildern im Stadtrat die Probleme in den innerstädtischen Kindergärten - Rechtsextreme versuchen, daraus Kapital zu schlagen

Die Stimmung im Stadtrat kippte am Montagabend, als Andreas Burkhardt das Wort ergriff. Der Vorsitzende der Wir-Fraktion (vorher Republikaner) versuchte, aus den Schilderungen von Erzieherinnen über Probleme mit Flüchtlingskindern in den innerstädtischen Kindergärten Kapital zu schlagen für seine ausländerfeindliche Grundhaltung. Seine Tiraden beschrieb Gerhard Hussong als „braune Soße“, woraufhin Burkhardt die Fassung verlor und laut herumschrie. Sein Fraktionskollege Markus Walter (NPD) eilte ihm verbal zu Hilfe und giftete Hussong an: der habe nichts kapiert, „dieser Trottel“. Daraufhin gab es von Bürgermeister Markus Zwick einen Ordnungsruf. Auch die Vertreter der Kindergärten reagierten empört auf die Einwürfe Burkhardts. So sehr sie zuvor die Probleme in den Mittelpunkt gestellt hatten, die sie mit Migranten haben, so sehr wiesen sie nun auch auf die andere Seite ihrer Arbeit hin: auf die Herzlichkeit, die viele dieser Kinder mitbringen (Sieglinde Geßner-Mlinaric, ökumenischer Kindergarten auf dem Kirchberg), oder auf die Dankbarkeit von Familien dafür, dass ihren Kindern im Kindergarten eine Chance gegeben wird (Ingrid Zimmermann, Johanneskindergarten). Mathias Detzen, Leiter des protestantischen Verwaltungsamts Pirmasens, stellte klar: Für ausländerfeindliche Parolen werde man sich nicht hergeben. Dem Eklat vorausgegangen war eine ehrliche und emotionale Bestandsaufnahme der Erzieherinnen über die Probleme mit Migrantenkindern in den innerstädtischen Kindergärten. Gefordert wurde unisono mehr Personal und mehr Geld. Sieglinde Geßner-Mlinaric beschrieb die widrigen Umstände. Dass ständig zwei Erzieherinnen in einer Gruppe sind, funktioniere nicht, weil Elterngespräche geführt werden müssen oder Entwicklungsgespräche mit Ärzten oder Therapeuten; weil die Öffnungszeiten (9,5 Stunden) länger sind als die Arbeitszeiten (7,5 Stunden); weil es durch die Überlastung einen sehr hohen Krankenstand gebe; oder weil Erzieherinnen Urlaub haben, auf Fortbildung sind oder Überstunden abbauen. „Wir können das nicht mehr leisten, wenn das so weitergeht, kippen uns die Erzieherinnen weg“, befürchtet Geßner-Mlinaric. Ingrid Zimmermann verwaltet den Mangel. „Fast täglich stehen geflüchtete Familien bei uns, die einen Platz suchen für ihre Kinder“, erzählt sie. Aber Aufnahmegespräche seien ohne Dolmetscher kaum möglich. Ganz zu schweigen davon, dass bei über 100 Voranmeldungen die Chance, von jetzt auf gleich einen Kindergartenplatz zu bekommen, gering ist. Zu schaffen machten die Sprachprobleme, hinzu kämen kulturelle Dinge wie Pünktlichkeit oder Respekt vor Frauen. Aber auch deutsche Familien erschwerten die Integration, weil sie sich auf Ausländer nicht einlassen wollen, auch das verschwieg Zimmermann nicht. Daniela Kroiß, Leiterin des Lutherkindergartens, sprach ebenfalls die Platzprobleme an: „Wir sind bis unters Dach voll!“. Sie müsse Leute wegschicken, über 90 Kinder stünden auf der Warteliste. Wenn es Aufgabe des Kindergartens sei, die Bausteine zu legen für die schulische Entwicklung, sei dies bei vielen Kindern nicht möglich, weil einfach der Wortschatz fehle. Für Simone Guth, Leiterin des Nardini-Kindergartens, gibt es auch viele schöne Erlebnisse mit Kindern aus Migrantenfamilien. Auch nach ihrer Erfahrung ist die Sprache das größte Problem, es erschwere die Verständigung mit den Kindern wie mit den Eltern. „Wir behelfen uns mit Eltern, die für andere Eltern übersetzen“, denn es fehlten Dolmetscher. Hinzu kämen kulturelle Hindernisse. Ein Vater sei beispielsweise empört gewesen, dass seine Tochter mit offenen Haaren herumgelaufen sei. Für die Integration der Migrantenkinder schon im Kindergarten spreche, dass ansonsten die Probleme umso stärker in der Schule oder Ausbildung aufträten, sagte Renate Gerlich, pädagogische Gesamtleiterin des Nardinihauses. Bettina Walnsch (städtische Jugendpflege) wies darauf hin, dass sich die Probleme mit den Migrantenkindern auf die innerstädtischen Kindergärten konzentrieren. Es habe den Versuch gegeben, diese Kitas zu entlasten, aber das Angebot, Kinder per Bustransfer in den Kindergarten in Niedersimten zu fahren, sei kaum angenommen worden.

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