Pirmasens / Cambridge
Mathematiker Markus Kraft steht vor einer großen Aufgabe
Obwohl er schon Ende der 1980er Jahre zum Studium die Stadt verließ, ist Markus Kraft aus Pirmasens nie verschwunden. Recht oft besucht er die Familie und verabredet sich dann auch immer mit Freunden. Der Corona-Lockdown im vergangenen Jahr erzwang eine längere Pirmasens-Phase, die er für das Projekt mit den Stadtwerken nutzte. „Pirmasens ist einfach gut, der Wald, die Leute.“ Markus Kraft ist kein enthusiastischer Pirmasens-Fan, mag aber seine Heimatstadt sehr. Insbesondere ist er beeindruckt von der Innovationsbereitschaft in Pirmasens und der Unterstützung durch die Stadtspitze, wenn es um neue Ideen gehe.
Cambridge war nicht das ursprüngliche Ziel
Technische Mathematik studierte er in Kaiserslautern, machte dort seinen Doktor und kam durch einen Zufall nach Cambridge, wie er bei einem alkoholfreien Bier in einer Pirmasenser Kneipe erzählt. Trotz der Arbeit mit weltweit geschätzten Wissenschaftlern wirkt er nicht abgehoben, plaudert unterhaltsam und hat immer noch mit vielen Schulkollegen in seiner Heimatstadt Kontakt. Nach Cambrigde zu gehen, sei gar nicht sein ursprüngliches Ziel gewesen. Ein wissenschaftlicher Austausch in Irland brachte den Pirmasenser zum ersten Mal ins englischsprachige Ausland.
Ein Jahr später lernte er bei einem Workshop in Oxford England kennen und lieben. Nach der Promotion in Kaiserslautern im Fachbereich Chemie und zwei Jahren in Berlin als Forscher am Weierstraß-Institut wurde er durch Zufall auf eine Stellenausschreibung für eine „Lecturer position“, also eine Dozentenstelle, in Cambridge aufmerksam und bewarb sich.
Das ganze Jahr über 28 Grad
Seit 1999 hat er die Stelle. Zehn Jahre später kam es zu der Professur in Cambrigde. Seit 2013 leitet er zudem ein Forschungsinstitut in Singapur. „In Singapur hat es immer 28 Grad, das ganze Jahr“, berichtet Markus Kraft. Und Cambrigde habe den Harry-Potter-Faktor, die intellektuelle Umgebung. „Teil davon zu sein, ist schon klasse“, schwärmt Kraft von den Engländern und ihrer akademischen Tradition. „Ein Tweed-Jacket habe ich auch.“
Der Weg dahin begann in der Grundschule Ruhbank und führte weiter ins Immanuel-Kant-Gymnasium. Sein dortiger Mathematiklehrer Heinrich Leis mag nicht direkt erkannt haben, dass vor ihm ein künftiger Cambrigde-Professor sitzt. Kraft ist über ihn aber voll des Lobes: „Das war ein toller Lehrer.“ Überhaupt habe ihn die Schulzeit sehr positiv geprägt obwohl, wie er zugibt, in der Lateinvokabeln für ihn nicht immer an erster Stelle standen.
Seit Jahren nun beschäftigt er sich mit Verbrennungsprozessen und anderen chemischen Reaktionen, mit deren Optimierung und genauen Berechnung sowie der Verminderung von Umweltbelastungen. Der große Chemiepark in Singapur bietet da genug Anschauungsmaterial. Sein Lebenslauf umfasst auch eine längere Liste mit Preisen, die er für seine Forschung gewinnen konnte. Darunter den unter Wissenschaftlern sehr geschätzten Wilhelm-Bessel-Preis der Humboldt-Stiftung, der ihm 2016 ermöglichte, an der Universität Duisburg-Essen über Nanoteilchen zu forschen, um den Schadstoffausstoß von Motoren zu senken oder Farben preiswerter zu produzieren.
Ein digitaler Zwilling der Welt
Die technische Mathematik ist sehr vielseitig einsetzbar – und aktuell strebt Markus Kraft ein viel größeres Projekt an: die Entwicklung eines universalen, digitalen Zwillings der Welt, den Worldavatar. „Das ist spannend und unterhaltsam“, meint er in der für ihn typischen Art zu einer Aufgabe, deren Dimension den gedanklichen Horizont vieler Menschen sprengen dürfte.
Der Worldavatar soll ermöglichen, Prozesse wie den Klimaschutz besser zu verstehen, sogar vorhersagen zu können, um irgendwann dann tatsächlich die Kohlenstoffdioxid-Neutralität zu erreichen. Kraft hat natürlich nicht die Vermessenheit, zu behaupten, mit den Rechenmodellen des digitalen Zwillings die Menschheitsprobleme fehlerfrei in den Griff zu bekommen. „Der Worldavatar ist nicht perfekt, kommt aber mit dem Chaos zurecht“, sagt er. Das Imperfekte gehöre dazu. „Wir kriegen das in den Griff“, blickt der Pirmasenser zuversichtlich auf die buchstäblich unendliche Aufgabe und räumt gleich ein: „Das wird nie fertig werden.“
An einem Fachbuch dazu ist er als Autor und Herausgeber beteiligt. „Intelligente Decarbonisierung“ nennt sich das auf Englisch erschienene Werk, in dem erklärt wird, wie Künstliche Intelligenz dabei helfen kann, den Klimawandel zu beenden. Keine kleine Aufgabe. Markus Kraft ist aber jemand, der ganz groß denken will, sich aber auch nicht zu schade ist, überschaubarere Aufgaben wie die Optimierung der Pirmasenser Fernwärme anzugehen.