Dahn
Betty Beier macht den Klimawandel fassbar
Die 1965 in Baden-Württemberg geborene Künstlerin Betty Beier ist seit 1996 unterwegs, um an den unterschiedlichsten Orten Abdrücke von der Erde zu machen. Genauer gesagt: von der geschundenen Erde. Beier zieht es überall hin, wo mal klar und deutlich oder auch mal weniger offensichtlich der Klimawandel und Umweltzerstörung ihre Spuren hinterlassen haben. Das kann in Brasilien sein oder auf der Zugspitze. „Erdschollenarchiv“ nennt sie ihre Arbeit. 80 dieser genau einen Quadratmeter großen Erdschollen hat sie bereits angefertigt. In der Dahner Kreisgalerie hängen zurzeit zehn davon. Dazu erklärt die Künstlerin die Hintergründe ihrer Projekte, zeigt Fotos, wie sie die Erdschollen vor Ort abgenommen hat und im Atelier dann aufwändig nachbildet. Außerdem finden sich in Dahn noch Aquarelle und Reisezeichnungen. Die können auch gekauft werden. Die Erdschollen sind unverkäuflich.
Die Künstlerin begreift ihre Arbeit als Spurensicherung. In wenigen Jahren schon werden die Zerstörungen verschwunden sein. Im einen Fall findet sich dann Wüste, in anderen Fällen Geröllhalden oder auch eine riesige Wasserfläche eines Staudamms. Die Natur, wie sie davor zu finden war – mit üppig wuchernden Wäldern –, oder Dörfer mit Menschen werden verschwunden sein.
Verbrannte Erde
Betty Beier dokumentiert aber nicht das Davor, sondern die Zerstörung im Moment des Geschehens. Im Grenzgebiet von Brasilien, Paraguay und Bolivien war sie unterwegs, um die riesigen Waldbrände zu dokumentieren, die dort wüten und gigantische Landstriche verwüsten. Verbrannte Erde findet sich auf der Erdscholle. Dazwischen liegen Reste verkohlter Pflanzen und große Schneckenhäuser. Betty Beier übertreibt nicht, um zu veranschaulichen. Sie holt die Realität im fernen Regenwald, der nicht mal in der „Tagesschau“ einen Platz findet, in die Kreisgalerie, praktisch zum Anfassen nahe. Die einen Quadratmeter große Erdscholle muss sich der Betrachter nur noch vieltausendfach multipliziert vorstellen. Eine Mondlandschaft mit toter Materie erstreckt sich vor dem Auge des Betrachters.
Ein ähnliches Bild ergibt sich im Umfeld des Belo-Monte-Staudamms in Brasilien, für den viele Einwohner der Region umgesiedelt wurden. Ihre Behausungen wurden dem Erdboden gleichgemacht – und Betty Beier war kurz danach vor Ort, um einen Gipsabdruck zu nehmen. Bauschutt und Reste des Hausrats liegen im Schlamm. Eine Zahnbürste und ein Haargummi stechen hervor und werden sich später am Grund des Stausees wiederfinden. Ein anderes Bild zeigt eine Fläche mit Wassersalat, der sich auf dem aufgestauten Land ausbreitet.
Die Fassbarkeit macht’s
Betty Beier nennt sich selbst eine Forensikerin. Die Verheerungen, die der Mensch mit seinem Lebensstil auf dem ganzen Planeten hinterlässt, sind ihr künstlerisches Sujet. Hätte sie alles gemalt oder einfach nur fotografiert, es hätte eine weniger deutliche Wirkung als der fassbare Boden, der im Verhältnis eins zu eins von Brasilien nach Dahn gebracht wurde. Wobei: Ganz genau im Original hat sie den Boden nicht mitgebracht. Die Gipsabdrücke und gesammeltes Pflanzen- oder Schuttmaterial wurden mitgenommen und in ihrem Atelier im südpfälzischen Rohrbach zu der konkreten Erdscholle zusammengesetzt. Aber genauso, wie all das vor Ort zu finden war.
Der Haltbarkeit geschuldet ist auch die Verwendung von Kunstharzen und Glasfasern, um den Zustand vor Ort nachzubilden. Es ist also kein echtes Eis, das da auf dem Boden der Kreisgalerie liegt und von der Zugspitze stammen soll. Den Gletscher Nördlicher Schneeferner hat Betty Beier hier nachgebildet. Ein Gletscher, der immer kleiner wird und in wenigen Jahren wohl Geschichte ist. Eine Geröllhalde wird sich danach dort finden. Ob der Berg dann nicht irgendwann ins Tal stürzt, wie derzeit immer öfter in der Schweiz, wird sich dann zeigen.
Die Wertschätzung des Bodens
Ganz konkret vom Verschwinden ihres Lebensraums betroffen sind 400 Ureinwohner Alaskas. Kivalina nennt sich das Gebiet am Meer, das nur zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt. Der Boden wird dort weggespült. Beier hat ein Stück in Ufernähe nachgebildet – mit den vergeblichen Versuchen, mithilfe von Plastiksäcken mit Erde den Boden vor dem Meer zu schützen. Die aufgerissenen Säcke sprechen Bände.
„Es geht mir darum, die Wertschätzung der Natur im Allgemeinen und des Bodens im Besonderen zu erhöhen und in Solidarität mit den Menschen zu stehen, die buchstäblich den Boden unter den Füßen verlieren“, erzählt die Künstlerin, die in Saarbrücken bei Wolfgang Nestler studiert hat, über ihre Arbeit. Der Klimawandel vernichte ganze Völker und bedrohe auch uns. „Unser Landschaftsbild verändert sich gravierend jede Stunde. Staudämme, die Landschaft verschlucken. Hunger nach Rohstoffen, die Landschaft zerstören. Einseitige Nutzung der Böden, die Landschaft monotonisieren. Die irreparablen Folgen: Umsiedlungen durch Vertreibung. Obdachlosigkeit und Hunger“, so Betty Beier. Der geschundene Boden als Sinnbild für eine Zukunft, die keiner so haben will, aber jeder bekommen wird.