Neustadt / Bad Dürkheim / Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Putin, die Ukraine und ein Tabuthema – die regionalen Bestseller im März

 Der Entertainer und Komiker Kurt Krömer hat jahrelang an Depressionen gelitten. In seinem Buch „Du darfst nicht alles glauben,
Der Entertainer und Komiker Kurt Krömer hat jahrelang an Depressionen gelitten. In seinem Buch »Du darfst nicht alles glauben, was du denkst« verarbeitet er diese Erfahrungen mit einer guten Portion Humor.

Ein sehr breites Spektrum spiegeln die Bestsellerlisten der neun regionalen Buchhandlungen zwischen Neustadt und Eisenberg im Monat März. Topseller in vier Läden war die Autobiografie des Berliner Komikers Kurt Krömer. Jeweils drei Plätze eroberten sich Catherine Beltons Sachbuch „Putins Netz“ sowie der als Taschenbuch erschienene Roman „Die verschwundene Schwester“ von Lucinda Riley, der letzte Band ihrer „Schwestern“-Reihe, den die 2021 verstorbene Irin noch selbst fertigstellen konnte.

Nicht eben überschwänglich reagieren die Buchhändler auf die Frage, wie sie mit dem Verkauf im März zufrieden waren. Hermann Speckert von der Neustadter Bücherstube: „Im Handel habe ich bisher noch nie so ruhige Tage erlebt. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen nur noch auf die Pandemie und den Krieg in der Ukraine schauen.“ Etwas optimistischer äußerst sich Werner Libor vom „Buchmarkt“ in Bad Dürkheim: „Mittlerweile belebt sich das Geschäft wieder und läuft ganz vernünftig. Erfreulich war der verkaufsoffene Sonntag. Aber alles könnte natürlich noch besser werden.“ Monika Strefler von der Buchhandlung Frank in Grünstadt bilanziert: „Es lief ruhiger als sonst. Man spürt die Verunsicherung der Menschen wegen der Pandemie und des Krieges. Was auffiel, es kamen viele Familien, und manche Kunden kauften anders als sonst einen ganzen Stapel von Büchern.“

Offener Umgang mit dem Tabuthema Depression

Hier sei der Blick auf die eingangserwähnte Autobiografie des beliebten Komikers Kurt Krömer „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ gelenkt, ein bemerkenswertes Buch. In seiner Sendung „Chez Krömer“ hatte Krömer im März 2021 erstmals offen über seine schwere Depression und den Aufenthalt in einer Tagesklinik gesprochen. Er wollte seine Probleme nicht länger verschweigen, sondern darüber sprechen und schreiben, nicht zuletzt, um anderen Betroffenen zu helfen. In seinem Buch knüpft er nun daran an und plädiert er für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen. „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ ist aber keineswegs ein Leidensbericht, sondern eher eine humorige Liebeserklärung an das Leben und die Kunst.

Das Pseudonym Kurt Krömer legte sich Alexander Bojcan nach dem Namen seines ehemaligen Deutschlehrers zu. 1974 in Berlin geboren, erlebte er seinen Durchbruch als Komiker 1992 in der Berliner „Scheinbar“. Ab 2003 moderierte er „Die Kurt Krömer Show“ im RBB-Fernsehen. Bekannt wurde er ab 2011 durch sein Kabarettprogramm „Der nackte Wahnsinn“. Krömer, der sich als „Neoclown“ bezeichnet, engagiert sich für soziale Projekte und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2011 und 2020 den Grimme-Preis für „Beste Unterhaltung“ und die Talkshow „Chez Krömer“. Er lebt als alleinerziehende Vater in Berlin.

Putin und sein mafiöses Geflecht

Hervorgehoben sei hier auch Catherine Beltons Sachbuch „Putins Netz“. Darin wirft die Autorin, die von 2007 bis 2013 Korrespondentin der „Financial Times“ in Moskau war, einen kritischen Blick auf das mafiöse Geflecht aus Kontrolle, Korruption und Machtbesessenheit im Kreml. Nach ihren Gesprächen mit zahlreichen Kreml-Insidern deckte sie die Geschichte von Putins Aufstieg vom KGB-Agenten zum Präsidenten auf. Sie enthüllte die Geheimdienstnetzwerke und den Abbau von demokratischen Strukturen bis zur „imperialen Mission“ dieses Machthabers. Beltons genau recherchiertes Sachbuch legt außerdem die globalen wirtschaftlichen Verbindungen des Kreml-Chefs und seine Großreichsphantasien offen.

Ein Roman zum Krieg im Donbass

Aus aktuellem Anlass und um eine bessere Kenntnis über die Ukraine zu vermitteln, soll hier auch noch auf den Roman „Internat“ von Serhij Zhadan eingegangen werden, der es in der Buchhandlung Hofmann in Neustadt unter die Top 3 schaffte. 2018 wurde er, übersetzt von Sabine Stöhr und Juri Durkot, mit dem Preis der „Leipziger Buchmesse“ in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet. Der 1974 im Gebiet Luhansk in der Ostukraine geborene Autor setzt sich darin mit dem Krieg im Donbass von 2014 an auseinander. Ein junger Lehrer versucht, seinen 13-jährigen Neffen aus der unter Beschuss stehenden Schule zu retten. Auf der Flucht aus dem Ort, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, geraten sie in unmittelbare Nähe der Kampfhandlungen und müssen erleben, wie sich die vertraute Umgebung in ein Territorium des Schreckens verwandelt. Der im umkämpften Charkiw lebende Autor publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ kürte die BBC zum „Buch des Jahrzehnts“.

Buchtipp: Tana Frenchs ungewöhnlicher Kriminalroman „Der Sucher“

Begeistert gelesen hat Frank Schwarz von der Neustadter Buchhandlung Quodlibet Tana Frenchs ungewöhnlichen Kriminalroman „Der Sucher“ (Scherz-Verlag, 496 Seiten. 22 Euro), den er deshalb mit genauso große Begeisterung an diese Stelle als Buch des Monats empfiehlt:

„Cal Hooper ist ein ehemaliger Polizist aus Chicago, der nach vielen Jahren als Ermittler und nach einer schmerzhaften Scheidung Ruhe und Erholung im ländlichen Irland sucht. Er renoviert ein Cottage in einem abgelegenen Dorf und beginnt, sein Leben neu zu sortieren. Als er immer wieder ein Kind in der Nähe des Hauses entdeckt, das versucht, auf sich aufmerksam zu machen, beginnt eine abgründige Geschichte.

Der Bruder ist verschwunden, so viel erfährt er von dem verstörten Kind, worauf er eine Ermittlung vorsichtiger Art beginnt, denn er möchte in seiner neuen Heimat keinen Staub aufwirbeln. Und das ist auch gut so, wie ihm von einem fürsorglichen Nachbarn und dessen Kumpels im Pub klar bedeutet wird. Schließlich gebe es in diesem beschaulichen Dorf nicht mehr Probleme mit Drogen, Gewalt und Kriminalität als anderswo. Der Verschwundene sei halt in die weite Welt gegangen, wie so viele vor ihm, heißt es. Cals Instinkte funktionieren noch, und er lässt nicht locker. Eine Reise in die menschlichen Abgründe beginnt, in deren Verlauf er an die Grenzen seiner physischen und psychischen Kraft gehen wird, um einem anderen Menschen zu helfen, seinen Seelenfrieden zu finden.

Dies ist großartige Literatur in der Verkleidung eines Kriminalromans. Wo ein üblicher Krimi auf Action und Suspense setzt, stehen hier die Reflexion und genaue Beobachtung des Menschen. Cal sucht seinen Platz im Leben. Immer wieder ist er gefordert, sein Wertesystem zu hinterfragen, den Preis für Ruhe und Frieden abzuwägen gegen Wahrheit und Ehrlichkeit. Tana French, 1973 in den USA geboren, aber seit 1990 in Irland lebend, ist bekannt geworden mit unkonventionellen Kriminalromanen, die sich sehr viel Zeit für die Psychologie der Personen nehmen. Oftmals wurden ihre Bücher als langweilig abgekanzelt. Mit ,Der Sucher’ hat sie ein anspruchsvolles Buch über männliche Psyche geschrieben, mit dem sie in die erste Reihe der irischen Literatur gehört, und das dennoch perfekte Unterhaltung bietet.“

Die regionalen Bestseller im März

Bahnhofsbuchhandlung (Neustadt)

1. Catherine Belton: Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste

2. Lucinda Riley: Die verschwundene Schwester

3. Thomas Kehl: Das einzige Buch, das du über Finanzen lesen solltest

Buchmarkt (Bad Dürkheim)

1. Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht

2. Klaus Peter Wolf: Ostfriesensturm

3. Catherine Belton: Putins Netz

Frank (Bad Dürkheim)

1. David Garrett / Leo G. Linder: Wenn ihr wüsstet - Die Autobiografie

2. Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst – Meine Depression

3. Richard David Precht: Freiheit für alle

Frank (Eisenberg)

1. David Safier: Miss Merkel. Mord auf dem Friedhof

2. Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst

3. Wolf Haas: Müll

Frank (Grünstadt)

1. Marion Landwehr: Die Pfalz – Wochenend und Wanderschuh

2. Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst

3. Lucinda Riley: Die verschwundene Schwester

Hofmann (Neustadt)

1. Catherine Belton: Putins Netz

2. Serhij Zhadan: Internat

3. Doris Dörrie: Die Heldin reist

Neustadter Bücherstube

1. Anthony Doerr: Wolkenkuckucksland

2. Emmanuel Carrère: Yoga

3. Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen

Osiander (Neustadt)

1. Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst

2. Lucinda Riley: Die verschwundene Schwester

3. Edgar Selge:

Hast du uns endlich gefunden

Quodlibet (Neustadt)

1. Antonia Michaelis: Die Wiederentdeckung des Glücks

2. Jürgen Hammann: Beatkeller und Pastaschuta – Highlife im Jugendwohnheim

3. Sasha Filipenko: Die Jagd

Frank Schwarz von der Neustadter Buchhandlung Quodlibet empfiehlt Tana Frenchs ungewöhnlichen Kriminalroman „Der Sucher“
Frank Schwarz von der Neustadter Buchhandlung Quodlibet empfiehlt Tana Frenchs ungewöhnlichen Kriminalroman »Der Sucher«
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