Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Realschule: Warum Architekt Löhle so gerne Schulen baut

So soll das neue Schulgebäude aussehen (vorne rechts), daneben sind ergänzende Gebäude vorgsehen. Im Hintergrund ist das Kurfürs
So soll das neue Schulgebäude aussehen (vorne rechts), daneben sind ergänzende Gebäude vorgsehen. Im Hintergrund ist das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium.

Ein Augsburger Architekturbüro soll die neue Realschule plus planen. Architekt Rainer Löhle erklärt Redakteur Axel Nickel, wie er in Neustadt vorgehen möchte und was seiner Meinung nach eine moderne Schule ausmacht.

Herr Löhle, Glückwunsch zum Gewinn des Architektenwettbewerbs.
Danke.

Wie muss man sich denn einen solchen Wettbewerb vorstellen?
Eine Verwaltung lobt einen Wettbewerb schriftlich aus und formuliert die Anforderungen für das Raumprogramm und das Gebäude. Auf diese Ausschreibung können sich dann, meist europaweit, Architekturbüros bewerben. Ein Gremium wählt aus den Bewerbungen beispielsweise 20 bis 30 Teilnehmer aus. Diese bekommen Unterlagen, im Fall Neustadt ging es um die Anforderungen an die Schule, und dann bekommt man circa sechs bis acht Wochen Zeit, um eine Lösung zu erarbeiten. Jeder Teilnehmer reicht sein Planungskonzept und das Modell anonymisiert ein. Dann tritt eine Fachjury zusammen, bewertet alles und kürt die Sieger. Erst dann werden die jeweiligen anonymisierten Umschläge geöffnet, und es wird klar, welche Architekturbüros hinter den Entwürfen stehen. Für den Auslober beziehungsweise den Bauherrn ist das meiner Meinung nach ein hervorragendes Instrument, um die bestmögliche Lösung für eine Aufgabe zu bekommen. Schließlich erarbeiten 20 bis 30 hochqualifizierte Büros die in ihren Augen optimale Lösung, und der Bauherr wählt mit Unterstützung der Fachjury das beste Projekt aus.

Bei Ihnen hat sich ja dann gleich Oberbürgermeister Marc Weigel gemeldet.
Ja, das war eine sehr freudige Nachricht. Neustadt war übrigens unser 150. Wettbewerbserfolg, 44 davon waren erste Preise. Wir freuen uns sehr, denn wir bauen sehr gerne Schulen. Das sind schöne Aufgaben.

Was ist denn daran schön?
Man kann für junge Menschen bauen und ist frei im Entwerfen und Entwickeln. Schön ist es auch, bei der Einweihung einer Schule in die leuchtenden Augen der Kinder zu sehen. Die jungen Menschen erkennen durchaus die Qualitäten unserer Gebäude. Das ist eine schöne Bestätigung unserer Arbeit.

Und planen Sie einfach drauf los?
Nein, wir setzen uns zunächst einmal mit dem Ort auseinander. Da geht es dann zunächst weniger ums gewünschte Gebäude als die städtebauliche Perspektive. Wir betrachten die Umgebung, schauen, wie groß die Gebäude in der Nähe sind, wie die Höhenentwicklung ist. Das war in diesem Fall doppelt wichtig, da es ja auch um einen Ideenwettbewerb für weitere Umgebung ging. Weiter ging es um einen Entwurf für ein Schulgebäude, das sich gut in den Landschaftsraum einfügt. Anschließend plant man dann das Gebäude im konkreten, etwa wo Mensa und Cafeteria hinkommen, wo liegen die Lerncluster, was mit dem Bachlauf und Grünzug wird. Die Verknüpfung zwischen Innen- und Außenraum ist uns hier immer sehr wichtig und von besonderer Qualität.

Und für all diese Informationen sind Sie dann auch vor Ort?
Zum Teil ja, zum Teil nutzen wir Daten wie von Google. In diesem Fall waren außerdem die Unterlagen der Stadt Neustadt beziehungsweise die Auslobung allgemein sehr gut.

Was waren denn die Vorgaben der Stadt Neustadt?
Ein modernes Schulgebäude mit Essensverpflegung sowie Mensa, Foyer und Fachklassenräumen. Wir sprechen hier von einer Clusterschule, also Klassen- und Differenzierungsräume, die sich um einen „pädagogischen Flur“ gruppieren. Dieser verfügt über Nischen, in denen in kleinen Gruppen gelernt werden kann. Zentral ist die Überlegung, dass wir eine „Wohlfühloase“ für Schüler schaffen wollen, eine Art “Wohnzimmer“, in dem sie sich gern aufhalten und wo sie gerne lernen. Es soll im neuen Gebäude eine warme Atmosphäre herrschen, es soll hell, offen, fröhlich sein.

Und wurden bei all diesen Überlegungen schon Preisgrenzen genannt?
Nein, es gab nur überschlägige Kosten als Orientierungswert. Das müssen wir im weiteren Verfahren nun mit der Politik abklären. Wir müssen also klären, wie hoch das Budget und was genau gewünscht ist. Grundsätzlich ist es unser Bestreben, bereits im Wettbewerb eine wirtschaftliche und kompakte Lösung zu entwickeln. Die Wirtschaftlichkeit unseres Entwurfs wurde ja bereits lobend von der Fachjury erwähnt und ist die Basis für ein kostenoptimiertes Gebäude.

Sie und auch die politisch Verantwortlichen von Neustadt sprechen immer wieder vom Aspekt moderne Schule. Was ist das denn genau?
Nur ein Beispiel: Früher waren Schulfenster oft klein, heute plant man sie eher großzügig, damit es überall hell ist. Die bereits angesprochenen Lerncluster sind wichtig, um individuelles Lernen zu ermöglichen. Außerdem spielt die Verknüpfung der Räume eine große Rolle. Man will Multifunktionsfähigkeit haben, um durch Zusammenlegung von Foyer und Mensa beispielsweise eine große Fläche für eine Veranstaltung zu bekommen. Der Grünraum ist von großer Bedeutung, der Außenbereich wird also in die Planung mit einbezogen und die Digitalisierung der Schule spielt natürlich auch eine wichtige Rolle.

Zum Realschulneubau gehört auch Städtebau mit Neugestaltung der Umgebung.
Genau. Darüber haben wir uns natürlich Gedanken gemacht. Unsere Idee ist ein Bildungscampus. Es gibt ja schon die Sporthalle, die auch stehen bleibt. Darüber hinaus haben wir zum neuen Realschulgebäude eine Kita, ein Jugendhaus und mit Blick auf und in Verbindung mit der Landesgartenschau ein grünes Forum oder Umweltzentrum vorgesehen. Und das alles wiederum öffnet sich zum Speyerbach hin, samt öffentlicher Promenade Richtung Innenstadt.

Mir ist aufgefallen, dass Ihre geplante Schule sehr stark ans Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in der Nähe erinnert.
Ja, genau, das Gymnasium haben wir bewusst eingebunden. Und durch Stege wollen wir auch Verbindungen zwischen den Geländen schaffen. Am Ende soll so ein neu gestaltetes Areal entstehen.

Wie geht’s nun weiter?
Zunächst müssen wir unsere Beauftragung abwarten. In der Planung gibt es dann verschiedene Leistungsstufen. Mit der konkreten Planung verfeinern wir in Abstimmung mit Bauherr/Schule unsere Pläne und unser Modell und legen fest, wie das Gebäude genau aussehen wird und wo welche Räume liegen werden. Dann können die Ausführungspläne und die Ausschreibung der Arbeiten folgen. Danach wird gebaut, ehe nach gut zwei Jahren Bauzeit die neue Schule fertig ist.

Werden Ihre Ideen denn genauso umgesetzt?
Nein, Räume können sich durchaus noch verschieben beziehungsweise verlagern. Das Grundkonzept wird aber beibehalten, dies wurde ja schließlich auch prämiert. Wir sprechen aber natürlich mit dem Bauherren und der Schule, optimieren bei Bedarf die Planung, und verfeinern diese kontinuierlich im weiteren Planungsprozess.

Stehen schon Termine fest?
Nein, die sind noch gemeinsam zu vereinbaren.

Kennen Sie Neustadt schon?
Wir kennen die Region. Aktuell bauen wir in Ladenburg eine Sporthalle, das ist ja nicht allzu weit weg. Aber wir haben schon gehört, dass die Stadt schön ist und es guten Wein gibt.

Planen Sie eigentlich eine Realschule anders als ein Gymnasium?
Vom Grundsatz her ist beides ähnlich. Denn beide Schulen verfügen in der Regel über Fachklassenräume und Lerncluster. Sie unterscheiden sich eher bei der Ausstattung. Generell gilt: Schulen sollten so flexibel geplant werden, dass später auch auf eine mögliche Änderung der Schulform und Veränderungen der Lernsysteme reagiert werden könnte.

Und was sollten vor dem Hintergrund Architekten in 50 Jahren sagen, wenn Sie sich Ihre Neustadter Realschule betrachten?
Da verfolgen wir in unserem Büro eine eigene Philosophie: Ein Haus soll nicht modisch sein, sondern zeitlos und zeitgemäß. Wenn wir unterwegs ein 50 Jahre altes Gebäude sehen, das noch gut in Schuss ist und seine Eleganz weiterhin ausstrahlt, sagen wir: Wow, genau so soll es sein. Wichtig ist, dass Gebäude alle ihre Funktionen erfüllen, sich nicht aufdrängen sowie hell und freundlich sind.

Zur Person

Rainer Löhle (60) hat nach dem ersten Wettbewerbserfolg 1998 zusammen mit Regine Neubauer das Büro Löhle Neubauer Architekten BDA in Augsburg gegründet. Martin Obst und Andreas Zimmerer sind seit 2023 Partner. Das Büro akquiriert nur über Wettbewerbe und ist auf Aufträge der öffentlichen Hand spezialisiert. Im bundesweit tätigen Büro sind 16 Architekten in der Planung tätig, weitere externe Architekten sind mit der Objektüberwachung und Bauausführung beschäftigt. Schwerpunkte sind Schulen, aber auch Bürogebäude, Turnhallen, Schwimmbäder und Museen.

Zur Sache

Aus Brandschutzgründen muss die bestehende Georg-von-Neumayer-Realschule plus im Böbig abgerissen werden. Die Entscheidung dazu hat der Stadtrat im Dezember 2020 getroffen. Die Investitionskosten liegen bei 27 Millionen Euro. Die neue Schule ist auf Vierzügigkeit ausgelegt. Läuft alles nach Plan, könnte Anfang 2025 der erste Spatenstich sein. Für die Bauzeit wird mit zwei Jahren kalkuliert. Damit die bestehende Schule solange noch genutzt werden kann, muss beim Brandschutz noch für 1,8 Millionen Euro nachgebessert werden. Für die Planung des Neubaus hatte sich die Stadt für einen Architektenwettbewerb entschieden. Am 20. Juni kürte die Jury im Saalbau nach zweitägiger Beratung das Augsburger Büro Löhle Neubauer Architekten zum Sieger.

Auch das gehört zum Konzept: eine Promenade vom Böbig bis hoch an die Martin-Luther-Kirche.
Auch das gehört zum Konzept: eine Promenade vom Böbig bis hoch an die Martin-Luther-Kirche.
Regine Neubauer und Rainer Löhle haben 1998 ihr Büro in Augsburg gegründet.
Regine Neubauer und Rainer Löhle haben 1998 ihr Büro in Augsburg gegründet.
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