Neustadt Narreteien einst und heute
«Neustadt». 500 Jahre vergangen, aber kein Fortschritt zu verzeichnen – das ist die Botschaft des „Narrenschiff“-Poetry-Jam mit Michael Landgraf und Katharina Dück, einem der Höhepunkte des „Familientags“, mit dem am Sonntag die Abschluss-Präsentation des vierten Neustadter Künstlersymposiums in der Villa Böhm umrahmt war. Ansonsten warteten Musik und Kinder-Kunstworkshops auf die zahlreich erschienenen Zuschauer.
Hände in schwarzen Skeletthandschuhen bewegen mit spitzen Fingern eine riesige, blaue Ohrmuschel auf einem Ständer, die auf der Wiese vor der Villa Böhm steht. Daneben liefern sich Michael Landgraf im Gewand eines frühneuzeitlichen Druckermeisters und Katharina Dück im coolen und damit ganz gegenwärtigen Zebra-Muster ein Vortragsduell. Thema ist Sebastian Brants „Narrenschiff“, 1494 erschienenen, eine Moralsatire, die Verfehlungen wie Dummheit, Eitelkeit, Gier und Intrigenwirtschaft geißelte. Dück liefert dazu aus eigener Feder die modernen Gegenstücke und zeigt dabei, dass sich die Menschen über die Jahrhunderte nicht wesentlich verändert haben. Höchste Zeit für Weisheit und Erkenntnis also. Doch woher sollen die kommen, wenn alle Informationen im Netz zwar schnell, aber nicht immer sachlich richtig zur Verfügung stehen und inhaltlich ohnehin kaum überdacht werden? Im Stundentakt servieren Dück und Landgraf die unterhaltsamen Vorträge, und es wird „an Narren nicht gespart“. Ihnen, die „damals mit Verstand nichts am Hut“ hatten und heute in der modernen Version von Dück „voll die Loser und Opfer sind“, wird der Spiegel vorgehalten. Dafür sorgt auch Tine Duffing mit ihrer Performance – etwa, wenn sie mit rot gelacktem Schuhturm auf dem Kopf schicke, überhebliche Oberflächlichkeit ins Bild setzt. Zwei weitere Narrenschiffe „schwimmen“ auf der Seitenterrasse der Villa, wo die Künstlerin den Gästen Anleitung gibt zum „Fools Garden“ (Narrengarten), einer Installation mit Gewinnspiel. In den bootartigen Zinnwannen stecken Stäbe mit Gipsmasken bekannter Neustadter, die richtig zugeordnet werden müssen. Die Aktion, bei der die Gesichter der Betroffenen jeweils in Duffings Atelier in Gips abgeformt wurden, ist übrigens noch längst nicht zu Ende. „Es sollen weitere Masken dazu kommen und dann alle verziert oder bemalt werden“, erklärt Duffing begeistert. Ob aber allen der Zusammenhang mit der Narrenschiff-Performance klar war? Kreativ sind an diesem Tag auch die meist jungen Teilnehmer an den Stationen der drei Neustadter Kunstschulen im Park. Bei Emil Walker, dem Leiter der „Neustadter Kunstschule“, werden Bilder in Holz gebrannt. Vlada Hauser lässt ihre Teilnehmer kleine Tonfiguren kreieren, und hat ein Plätzchen vorbereitet, wo sich langhalsige Giraffen, kleine Hunde, Pferde, Körbchen und mehr in der warmen Sonne gegenseitig stützen, bis sie ausgetrocknet von den Kindern mit nach Hause genommen werden können. Alena Steinlechner ermutigt ihre Teilnehmer zum Portrait. Die Aufgabe wird mal bunt abstrakt, mal realistisch angegangen. Wer professionelle Kunst möchte, ist an diesem Tag in der Villa selbst gut aufgehoben, wo die zehn Teilnehmer des diesjährigen Künstlersymposiums ihre Bilder, Skizzen, Skulpturen und Installationen vorstellen. Etliche davon werden sicher auch in der Best-of-Ausstellung zu sehen sein, bei der ab Mittwoch erstmals Arbeiten aller vier bisherigen Symposien seit 2008 präsentiert werden. Während man im Obergeschoss der Villa zwischen der Kunst umherwandelt, dringen die Klänge der musikalischen Darbietungen nach oben, die sich den ganzen Tag über auf der Open-Air-Bühne im Park abwechseln. Die „Gitarrenhelden“ und die „Allstar Bigband“ sind die Topacts, aber auch die Kindertanzschule Haardt und Kinderlieder-Sänger „Basti“ kommen zum Einsatz. Und zwischendurch kann sich, wer hungrig oder durstig geworden ist, bei den „Feucht-Fröhlichen Neustadtern“ stärken oder am nostalgischen Fahrradwagen mit Rosenschmuck ein süßes Rosenküchlein nach altem Traditionsrezept ausbacken lassen.