Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel „Motion Design“: Tatjana Theuer ist da, wo viele hin wollen

Der 13-minütige Film „Reef Radio“ war für Tatjana Theuer und ihre Kollegin Chantale Eglin die Eintrittskarte zum Aufbaustudium a
Der 13-minütige Film »Reef Radio« war für Tatjana Theuer und ihre Kollegin Chantale Eglin die Eintrittskarte zum Aufbaustudium an der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg.

Ein aufwühlender Kurzfilm über die Bedrohung der Korallenriffe ebnete der jungen Haßlocherin Tatjana Theuer den Weg ins Diplom-Aufbaustudium „Motion Design“ in Ludwigsburg. Dort lernt man, wie sich mit einer kreativen Kombi aus Realbildern, Animation, Grafik und Klang zum Beispiel Titelsequenzen wie das berühmte „Game of Thrones“-Intro bewerkstelligen lassen.

Die Unterwasserwelt fasziniert Tatjana Theuer schon von jeher mindestens genauso wie die animierte, virtuelle, die sie am Computer kreiert. Das Interesse für Malerei und figürliches Zeichnen hat sie von ihrer Mutter. Kein Wunder, dass die 26-jährige Haßlocherin in ihrem Studium eine Verbindung dieser Komponenten suchte: „Motion Design“ heißt der Diplom-Aufbaustudiengang an der Filmakademie Baden-Württemberg, den sie für sich gewählt hat. Die Absolventen erstellen später oft, aber nicht nur Animationen und Titelsequenzen für Filme oder Serien.

Wie der Traumberuf im Detail aussieht, könne wohl kein „Motion Design“-Student in nur zwei Sätzen beschreiben, ist Tatjana Theuer sicher. Zu vielfältig ist das Spektrum: Bilder, Formen, Klänge, Grafiken, Bewegtbilder, animierte Charaktere – das alles zusammen fließt in die Komposition des Endprodukts ein. Wenn Theuer das aufzählt, hinterlässt das oft große Fragenzeichen in den Augen ihrer Gesprächspartner: Wird sie irgendwann in einem Animationsfilmstudio bunte Fische durch die Kino-Trickwelt tauchen lassen, ganz im Stil von „Findet Nemo“? Theuer kennt solche Fragen: „Das ist tatsächlich gar nicht mal so einfach zu unterscheiden. Die Grenzen sind fließend geworden.“

„James Bond“ vermittelt eine gute Vorstellung vom Job

Inzwischen hat die sympathische Haßlocherin sich aber eine gute Standardantwort zurechtgelegt: „Ich sage meist, dass ich mir quasi James-Bond-Titelsequenzen ausdenke“, berichtet sie lachend, „denn davon hat fast jeder eine konkrete Vorstellung“. Statt nur Namen im Vorspann zu zeigen, gibt es im Kino schließlich schon lange die Verbindung von Film, Grafik, Farbe, Soundtrack – so wie bei dem berühmten 007-Intro eben. „Motion Design“ ist sozusagen bewegt und bewegend zugleich: Informationen und Gefühl werden verknüpft. Zu einer eigenen Welt, und meist auch einer in sich selbst geschlossenen Geschichte.

Die schlagfertige James-Bond-Antwort drückt freilich auch Tatjana Theuers Bescheidenheit aus. Dabei hat sie nicht nur als angehende Spezialistin für „Motion Design“ einiges vorzuweisen. Nach dem Abitur 2015 am Hannah-Arendt-Gymnasium in Haßloch – damals war neben Biologie und Englisch bereits Kunst ihr Leistungsfach – wurde sie Bachelor of Arts an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Seit 2020 darf Theuer sich Kommunikationsdesignerin nennen und verfolgte zeitgleich in einer Kreativagentur ihren Traum vom „Motion Design“: „Unser Werkstudentengehalt ging für die Abschlussarbeit drauf.“ Wasserfeste Kamera, Tauchen, Flugtickets waren nötig: Bekannte und Freunde hätten sie und ihre Kommilitonin Chantale Eglin dabei per Fundraising unterstützt.

Zusammen mit Eglin entwarf Theuer in Wiesbaden so die Welt von „Reef Radio“. Das Zusammenspiel aus Film, Animation und Storytelling zeigt das bedrohte Ökosystem Korallenriff und warnt vor dessen Untergang. „Die Idee hatte ich bei meinem Auslandssemester in Malaysia, Chantale in Jordanien aber auch.“ Für ihr Projekt reisten beide 2020 zu dem ebenfalls aus Haßloch stammenden Tauchlehrer Marcus Hauck. Denn der gelernte Metzgermeister lebt mit seiner Frau Anna auf den Malediven und betreibt dort „Divepoints“ und Tauchbasen. Auf dem Süd-Malé-Atoll filmten Theuer und Eglin, von der Insel-Tauchbasis Rannalhi ausgehend, Korallenriffe und zeigen in der Animation, wie diese aufgrund schädlicher Umwelteinflüsse ihre Farbe verlieren – verheerend für die Symbiose in diesem empfindlichen Ökosystem

„Eigentlich hätten wir den Film beim Kunstverein Wiesbaden auf drei Leinwänden gezeigt“, erzählt Theuer. Da aber direkt nach der Rückkehr im März 2020 die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm, musste Theuer die dreidimensionale Rauminstallation rein am Computer erzeugen „und so tun, als ob“. Fast schon ein Vorgriff also, was später in ihrem Job gefragt ist.

Eine Stimme aus dem Off spricht in dem 13-minütigen Film im Stil eines Radiomoderators die erst schönen, dann immer düsterer werdenden „Nachrichten von Unterwasser“. Dumpfe Klänge vertonen die schockierende Korallenbleiche: Die Hauptschuld trägt mal wieder der Mensch. „Für die Grafiken haben wir von der Corona-Aufbereitung in den Medien gelernt“, verrät Theuer. Für ihre „Unterwasser-Nachrichten“ gewannen die Designerinnen 2021 Bronze beim „ Talent Award“ des Art-Directors-Club, des Berufsverbands der deutschen Artdirectoren.

Aufklärungsarbeit mit singenden Wertstoffbehältern

An der Filmakademie Baden-Württemberg rückt Theuer, jetzt schon im zweiten Jahr, inzwischen ihrem Traum vom Diplom näher. Auch Eglin ist wieder dabei. Vor Ort im Landkreis Ludwigsburg hat die junge Haßlocherin ein einem weitere Projekt animierte Figuren für die lokalen Abfallwerke erarbeitet. Denn die Ludwigsburger hätten kurioserweise bis vor kurzem Verpackungsmüll nach „rund“ und „flach“ sortiert, erzählt sie: „Aber gerade, als ich das nutzen wollte, mussten sie ihr System umstellen.“ So entstanden in Kooperation mit den Werken mehrere „Müllsical“-Werbespots mit traurigen Restmülltonnen und singenden Wertstoffbehältern, die auf Youtube sowie vor Ort im Kino laufen.

Aber auch zu TV-Dokus für die Fernsehsender ZDF und 3Sat durfte Tatjana Theuer bereits beitragen, so etwa mit einer Animation über das Aufflammen einer Entzündung. Wenn sie fertig ist, wird sie eine gefragte Spezialistin sein. In ihrem Diplom-Jahrgang haben nur fünf „Motion Design“-Studenten Platz: „Allein unser Werkplatz kostet viel, und die Dozenten brauchen Zeit für uns.“ Und was plant Theuer selbst? „Viele von uns werden Freelancer“, sagt die Studentin. „Aber ich würde tatsächlich gern Titelsequenzen für große Filme oder Portale wie Netflix machen.“ Die US-Erfolgsserie „Game of Thrones“ biete „den wohl bekanntesten Serienvorspann derzeit“, der „Motion Design“ mit allen Elementen in sich vereine und auch für Laien perfekt erkläre, was man in diesem Job macht.

Im Netz

„Nachrichten aus Unterwasser“ sind in Auszügen auf Instagram unter „reef.radio“ zu sehen. „Das Müllsical“ ist mit mehreren Filmen auf Youtube vertreten.

Kreativität ist gefragt als Motion-Designerin: Das Duett von Glasbox und Glastonne entwarf Tatjana Theuer für „Das Müllsical“, e
Kreativität ist gefragt als Motion-Designerin: Das Duett von Glasbox und Glastonne entwarf Tatjana Theuer für »Das Müllsical«, einen Beitrag für die Abfallverwertungsgesellschaft in Ludwigsburg, wo sie studiert.
Tatjana Theuer bei der Präsentation von „Reef Radio“.
Tatjana Theuer bei der Präsentation von »Reef Radio«.
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