Neustadt Mitreißender Sound
Neustadt. Standing Ovations am Ende eines Konzerts, das allerhöchste Ansprüche erfüllte und über 700 Musikfreunde im Saalbau zu Jubelstürmen animierte: Zum 7. Mal wartete die „Bläserphilharmonie Deutsche Weinstraße“ am Samstag mit einem von der ersten bis zur letzten Minute mitreißenden Sound auf. Die musikalischen Fäden sicher in der Hand hielt wie gewohnt Verbandsdirigent Thomas Kuhn.
Während draußen klirrende Kälte herrschte, läutete drinnen der Musikernachwuchs den Frühling ein. „Hounds of Spring“ von Alfred Reed als festlicher, besser: pompöser Auftakt einer über zweistündigen Demonstration der eigenen musikalischen Stärke und eines geradezu überwältigenden Wir-Gefühls. So klingt das, wenn die Jugend an einem Strang zieht und mit Leidenschaft und Können Aufbruchsstimmung und Lebensfreude signalisiert. Der Frühlingsgefühle nicht genug: Weiter geht’s mit dem Loblied auf den Lenz, und dazu konsultiert das Orchester diesmal nicht Veronika, sondern begibt sich auf die grüne Insel Irland, genießt das wunderbare Erwachen der Natur und machen Bekanntschaft mit dem Euphonium, jenem seltenen, 1843 erfundenen tiefen Blechblasinstrument, mit dessen weichem, geheimnisvoll-sphärischen Sound der amerikanische Komponist David Gillingham die einsame Natur und die verwunschenen Schlösser Irlands heraufbeschwört. Von den britischen Inseln nach Frankreich: Einem Einzug der Matadore glich der Auftritt des Bläserquintetts „LJO-Brass“. Gefeiert wie die Helden wurden die in der klassischen Besetzung zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba auftrumpfenden ehemaligen Mitglieder des Landesjugendorchestern Rheinland-Pfalz. In der ironisch-sarkastischen, herrlich schrägen Darstellung des französischen Nationalfeiertags gibt François Rauber dem Quintett viel Möglichkeiten zur Bravour, und was Felix Schuren, Johannes Leiner, Jared Scott, Bruno Wipfler und Constantin Hartwig da zelebrieren, ist atemberaubende Hochseilartistik, gipfelnd im schwindelerregend rasanten, blitzsauber gebotenen Duell der Trompeten in der fünften Episode der humoristischen Tondichtung. Nach herrlich schrägen Klängen und stolpernden Marschrhythmen hat eine leicht verkaterte Posaune das letzte Wort. Das schreit nach Zugabe, und die fünf flotten Jungs präsentieren als Dankeschön an das regelrecht aus dem Häuschen geratene Publikum einen in jazziger Stimmung befindlichen „Jäger aus Kurpfalz“. Hoppla, hören wir da nicht die Mentoren vom „Rennquintett“ heraus? Gleicher Sound, gleiches Temperament, gleiches Repertoire – nur die Gesichter wirken irgendwie um 30 Jahre verjüngt. Bei einem Gläschen Sekt darf diese Reinkarnation gefeiert werden, bevor sich der Saalbau nach der Pause in eine große Klang-Kathedrale verwandelt. „Was für Hamburg die Elbphilharmonie, ist für Neustadt der Saalbau“, stellen das charmant und gewitzt durchs Programm führende Moderatoren-Duo Lothar Glasmann und Sandra Wippenbeck zwar etwas unbescheiden aber letztlich zu Recht fest. „Surround Sound“ nennt Soren Hyldgaard sein nach dem Prinzip der Rundum-Beschallung konzipiertes Werk, und man traut seinen Ohren kaum: Aus allen möglichen Ecken und Nischen des Saalbaus ertönen die Klänge der Bläserphilharmonie. Ein faszinierendes Hörerlebnis! Aufgrund seiner klanglichen Vielfalt, die alle zur Verfügung stehenden Farben eines Blasorchesters ausschöpft, zählt das Stück „Traveler“ von David Maslanka zu den ganz großen, viel gespielten Klassikern. Vergleiche mit dem Auftritt des Bundeswehrorchesters vor drei Monaten mit dem gleichen Stück am gleichen Ort drängen sich auf, und man höre und staune: Die „Bläserphilharmonie Deutsche Weinstraße“ muss sich keinesfalls hinter den Profis verstecken. Bewundernswert Thomas Kuhn, wie er mit seiner quirligen, hochkonzentrierte und umsichtigen Stabführung kleinste Klangdetails aus der Partitur kitzelt. In den schillerndsten Farben lässt die Bläserphilharmonie da den Lebensweg eines Menschen von der Jugend bis zum Alter Revue passieren und zeichnet dabei ein Tongemälde, so vielfältig wie das Leben selbst, angefangen von der brachialen Gewalt der stürmischen Jugend bis hin zum Zeitpunkt, wo der Vorhang fällt. Jetzt ist es mucksmäuschenstill im Saal, wenn das Orchester die Komposition im Nichts verhauchen lässt. Eine Meisterleistung gibt es zum Abschluss mit der „Hymn to the Sun with the Beat of Mother Earth“ von Satoshi Yagisawa, vielleicht das aufregendste Stück des Abends. Allerlei Special Effects, wie Blätterrascheln oder die Hinzunahme der menschlichen Stimme sorgen für knisternde Spannung und erbringen ganz nebenbei den Beweis, dass die meisten Instrumentalisten auch schön singen können. Zum Abschluss also wärmende Klänge aus Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, bevor das Publikum in die eisige Neustadter Nacht entlassen wird. Aber halt, natürlich kommt die Bläserphilharmonie um eine Zugabe nicht herum. Sie lassen sich nicht lumpen und präsentieren gleich zwei: wieder Frühlingsgefühle mit dem Stück „Irish tune“ von Percy Aldridge und ein irrwitzig schneller Galopp von Alfred Reed. Jetzt gilt es, sich ein Jahr zu gedulden und sich schon mal den nächsten Auftritt der Bläserphilharmonie im Saalbau am 20. Januar 2018 im Kalender vorzumerken.