Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Michael Saengers zweiter Petersburg-Roman ist fertig

Michael Saengers neuer Roman führt mitten hinein in die brodelnde Atmosphäre des späten Zarenreichs und zeichnet ein dichtes Sit
Michael Saengers neuer Roman führt mitten hinein in die brodelnde Atmosphäre des späten Zarenreichs und zeichnet ein dichtes Sittenbild des alten St. Petersburg, wie es sich auf dieser historischen Fotografie vom Newski-Prospekt mit der Admiralität im Hintergrund präsentiert.

Attentate, Verschwörungen, Liebeswirren – auch der frisch erschienene zweite Teil der Romantrilogie „Leben und Sterben in Piter“ des Neustadter Autors Michael B. Saenger präsentiert sich als ein schillerndes Zeitzeugnis des alten St. Petersburg der Zarenzeit. Und sogar ein Pfälzer Auswanderer spielt eine nicht unbedeutende Rolle.

Die Geschichte beginnt mit einem schaurigen Spektakel: Im Mai des Jahres 1879 wird der Delinquent Solowjow auf dem Smolenskischen Feld öffentlich gehenkt. Sein Vergehen: ein (missglücktes) Attentat auf den Zaren. Scharen von Petersburger Bürgern wohnen der Hinrichtung bei. In der Menge befindet sich auch Christian Krieger, der bereits aus Teil 1 des auf drei Bände angelegten Buchprojekts bekannte junge Kaufmann aus Weimar, der in der Stadt an der Newa sein Glück sucht, aber immer noch traumatisiert ist vom Mord an seinem Bruder Waldemar. Ausgerechnet bei dieser schrecklichen Begebenheit trifft er auf die atemberaubend schöne Alina. Noch weiß Christian nicht, dass deren Herrin niemand Geringeres ist als die georgische Fürstin Khatuna – jene geheimnisvolle Frau, die Waldemar in eine unglückliche Liebschaft verwickelt hatte.

Revolutionäre, Schurken und Rächerinnen

Was hat diese Frau zu tun mit den revolutionären Umbrüchen im Land, und welche Rolle spielen all die anderen mysteriösen Charaktere, die im Lauf der Geschichte den Weg kreuzen? So tauchen wie aus dem Nichts ein „russischer Franzose“ auf, der sich als alter Freund der Fürstenfamilie Prokowskij ausgibt und mehr zu wissen scheint, als er preisgibt, sowie ein heißblütiger Glatzkopf, der sich in der Petersburger Gruppe der sozialrevolutionären Narodniki, „Volksfreunde“, seinen Platz erkämpfen muss.

Drahtzieher und Helfershelfer, Schurken und Rächerinnen geben sich in diese Roman genauso ein Stelldichein wie mehr oder weniger brave Bürger, die im heißen Sommer des Jahres 1879 Zerstreuung suchen – in den Datschen auf dem Land oder in der Stadt mit ihren Attraktionen wie dem Circus, dem Zoo oder dem Kaufhaus Passach. Dabei lässt Saenger seine Protagonisten oft ausgelassen feiern und zechen. Der Wodka ist schnell zur Hand, dient als Belohnung und Tröster in der Not. Das Glas wird aber auch erhoben, um die Liebe zu besiegeln oder einen teuflischen Pakt.

Dramatische Ereignisse in einer Zeit voller Umbrüche

In all den Wirrungen zieht sich ein bautechnisches Großprojekt wie ein roter Faden durch die Geschichte: die Vollendung einer neuen Brücke über die Newa. Mit einem imposanten Festakt soll dieses Bauwerk im September eingeweiht werden. Nicht nur Philipp Baumgarten, pfälzischstämmiger Einwanderer und Assistent des Bauherrn, fiebert dem Ereignis entgegen. Auch finstere Gestalten sehnen diesen Tag herbei, doch ihre Absichten sind weniger freundlich. So gerät sogar besagter Pfälzer unfreiwillig, da von der Liebe geblendet, in den Sog revolutionärer Machenschaften.

Michael B. Saenger ist mit dem zweiten Teil seiner Trilogie abermals ein buntes Sittenbild des alten St. Petersburg gelungen. Aber auch Politisches spielt mit hinein. Undurchsichtige Protagonisten, verworrene Liebschaften und die sich zuspitzenden Ereignisse in einer Zeit der Umbrüche im Zarenreich machen den Roman zu einem kurzweiligen Lesevergnügen. Bis in kleinste Detail beschreibt der Autor das Leben in der alten russischen Hauptstadt und macht die Konflikte deutlich, die das Zarenreich schlussendlich in die Katastrophe führten. Auch die ambivalente Stellung der Georgier in diesem Vielvölker-Reich zum Beispiel wird thematisiert. Zur Erinnerung: Auch der spätere Diktator Stalin, der genau in der Zeit, in der die Handlung von „Tod für Tod“ spielt, geboren wurde, war Georgier. „Es macht mir immer wieder große Freude, in eine gar nicht so ferne Zeit einzutauchen und dabei mein Wissen und das Wissen der Leser zu erweitern“, erklärt Saenger dazu.

Eine Hommage an die neue Pfälzer Heimat

Und dass sogar ein Pfälzer Auswanderer diesem Buch einen Platz bekommt, macht die Lektüre für hiesige Leser noch interessanter. „Da ich nunmehr seit einigen Jahren in der Pfalz lebe, war ich neugierig, ob es auch Pfälzer ins Zarenreich getrieben hat“, erzählt der Autor, „und siehe da, meine Recherchen ergaben, dass tatsächlich Pfälzer Anfang des 19. Jahrhunderts aus wirtschaftlicher Not in die heutige Südukraine ausgewandert sind. Es gab sogar eine Familie Baumgarten; mein Philipp Baumgarten ist allerdings meine Erfindung“.

Lesezeichen

Michael B. Saenger: Leben und Sterben in Piter. Band 2. Tod für Tod. Ein historischer Roman in drei Bänden. Gareis-Marketing-Media, Softcover, 244 Seiten, 24 Euro.

Zur Person: Michael Saenger

Michael Saenger wurde 1941 in Bad Kreuznach geboren. Nach Jura-Studium und Promotion in Mainz über Filmzensur und Filmkunst arbeitete er in verschiedenen juristischen Berufen, zuletzt als Richter am Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Er publizierte unter anderem über „Die Rechtsstellung bosnischer Kriegsflüchtlinge“, schrieb Reiseberichte und Kurzgeschichten, von denen drei in der jüngsten Anthologie der Neustadter Autorenvereinigung „Textur“ veröffentlicht wurden. Saengers Russland-Affinität manifestiert sich in seiner Mitglied im Vorstand der Deutschen Dostojewskji-Gesellschaft. Er lebt mit seiner Frau seit 2018 in Neustadt und arbeitet derzeit am dritten und letzten Band seiner Petersburger Historienroman-Trilogie „Leben und Sterben in Piter“, deren erster Teil, „Das Attentat“, Ende 2019 im Neustadter Verlag von Hans Gareis erschien.

Michael Saenger legt den zweiten Band seiner 2019 gestarteten Trilogie „Leben und Sterben in Piter“ vor.
Michael Saenger legt den zweiten Band seiner 2019 gestarteten Trilogie »Leben und Sterben in Piter« vor.
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