Neustadt
Kabarett mit Sarah Hakenberg im Herrenhof
„Mut zur Tücke“ heißt passenderweise das aktuelle Programm der Kabarettistin und Liedermacherin Sarah Hakenberg.
Mut zur Lücke kennt man ja, man hat ein Ziel, möchte dies aber mit wenig Aufwand erreichen. So lernt man beispielsweise für eine Prüfung nur das Wesentliche – und hofft, dass die Wissenslücken nicht abgefragt werden.
So ein bisschen geht es darum auch im Programm „Mut zur Tücke“: „Weltverbessern“ ist das Ziel, aber so richtig ernsthaften Aufwand möchte man damit nicht betreiben. Man füllt die Lücke dann eher mit Heim-Tücke. Weltverbessern soll schließlich Spaß machen – deshalb ist es immer einfacher, andere auf Fehlverhalten hinzuweisen, als selbst danach zu leben. Zudem hat echte Nachhaltigkeit ja seine „Tücken“ – da ist die Kakaocreme zwar bio, aber enthält trotzdem Palmöl …
„Urlaub zu Hause“ ist umweltfreundlicher als der Flug nach Rimini. Zugleich hat man eine schöne Ausrede für seinen großen Pool, der größer sein muss als der der Nachbarn. Naja, und wenn man das nicht schafft, kann man immernoch sagen: „Ja, aber meiner verbraucht weniger Wasser, ätsch.“
Das neue Sofa
Andere großzügig zum Schwimmen einladen, auch so eine Art die Welt zu verbessern. Was aber, wenn die Gäste wirklich den Pool bevölkern, die Biomöhrenbeete zertrampeln und der brave Ehemann sich um die „Schnalle im knappen Bikini“ kümmert? Das ist dann eindeutig zu viel, dann füllt die gastfreundliche Laura den Pool mit Beton auf – und macht wieder Urlaub in Rimini – alleine, Mann und Widersacherin sind spurlos verschwunden. Solange man nicht im Beton sucht. Mut zur Lücke!
Nachhaltiger Konsum sei oft eine „kognitive Verzerrung“ so Hakenberg. Man redet den eigenen SUV klein, weil der des Nachbarn größer ist. Man „verkauft“ die Idee, dass ein teures Designsofa aus zertifizierter Bio-Baumwolle besser sei als das Billigteil von Ikea. In Wirklichkeit wäre es aber nachhaltiger gewesen, überhaupt kein neues Sofa zu kaufen, nur weil das alte nicht zum neuen Sessel passt.
Lied mit lustig
Gehässig führt Hakenberg auch Chat GPT vor, die neue technische Errungenschaft, vor der so mancher Autor Angst hat, ersetzt zu werden. Zum Test lässt sie ein Weihnachtslied dichten. „Auf deutsch, lustig und mit Reim“ – so die Anweisung an die K. I. Vier Sekunden später das fertige Lied in vier Strophen. Aber: Statt lustig zu sein, verwendet Chat GPT einfach häufig das Wort „lustig“, die Reime sind zudem unpassend. Diesen Originaltext singt Hakenberg amüsiert vor. Arbeit erspart solche „Intelligenz“ dann wohl doch nicht.
Vielleicht sollte sich Hakenberg, um dem Liedermacherstress zu entgehen, besser einen anderen Job suchen? Wie wäre es in der Stadtverwaltung, „wo sogar der Stempel sein sanftes Kissen hat“? „Wo Du nichts tust, sondern nur bist … im Registerwunderland“. Aus der Idee wird aber nichts. Den Job habe sie nicht bekommen, da sie ihre Bewerbung falsch formuliert habe. Sie habe sich als Künstlerin vorgestellt, die für den Job glühe. Bei so viel Begeisterung solle sie es besser mal bei der Kfz-Versicherung probieren …
Lieder aus ihrem Fundus
Was bleibt? Im Sinne der Nachhaltigkeit- und Arbeitsersparnis: Songs re- und upcyceln, wie den absolut witzigen Klamauk-Zungenbrecher „der Lippa Oppa“, der auch auf youtube zu hören ist.
Als Zugabe durfte sich das Publikum weitere Lieder aus ihrem Fundus wünschen. Auf „Hündchen“, über „Hündchen lynchen in München“, frei nach Kreisler „Tauben vergiften im Park“, „Liebeslied“, über eine Ex-Frau, die gehässig besingt, wie ihr Ex mit der Neuen ein Kind erwartet, und „Ostwestfalen“ fiel die Wahl. Letzteres beschreibt, wie man dem Stress einer Großstadt mit ihren vielen Wahlmöglichkeiten entgeht, indem man nach Ostwestfalen zieht, wo nichts los ist. Entspannungsyoga unnötig.
Da scheint Hakenberg aus Erfahrung zu sprechen. Nach Köln, München, Berlin, Straßburg lebt sie nun in einer Kleinstadt namens Warburg in Westfalen. Gehässiger Hintergedanke im Lied: Wenn alle wieder aufs Land gezogen sind, kann sie wieder zurück in die Stadt und von den nun billigeren Mieten profitieren …
Nur bösartig ist der Abend aber nicht, es gibt auch eine Message: Sie zeigt, dass der Akkord A-F-D absteigend richtig übel klingt, was einem als „Bild“ nachhaltig im Ohr bleibt, außerdem beweist sie, wie wichtig Gendern ist. Nach einer Studie antworten mehr Mädchen auf „möchtest Du einmal Chefin werden?“ mit „Ja“ als auf die Frage: „möchtest Du Chef werden“. Das kann man doch mit wenig Aufwand umsetzen, ein bisschen bewusster sprechen!
Zurecht hat Sarah Hakenberg den deutschen Kabarettpreis gewonnen, lustig, böse, nachhaltig.