Neustadt
Hambacher Musikfest sendet ein Lebenszeichen der Kultur
Entgegen dem ursprünglichen Plan wird das beliebte Festival rund um Fronleichnam allerdings mit einem gänzlich anderen Programm und neuen Künstlern durchgeführt werden. Zur Erinnerung: Sämtliche im letzten Jahr verpflichteten Gastinterpreten hatten sich bereit erklärt, sich ein Jahr zu gedulden, um dann 2021 dem Neustadter Publikum das für 2020 versprochene Programm 1:1 zu servieren. Die weitere Entwicklung der Pandemie hat dann aber alle Hoffnungen von einer so schnellen Rückkehr zur Normalität zunichte gemacht. Erst 2023 sollen die fertigen Pläne aus dem letzten Jahr deshalb wieder aus der Schublade werden. Die betroffenen Künstler hätten alle bereits zugesagt, informiert Nanette Schmidt, die zweite Violinistin des veranstaltenden „Mandelring Quartetts“. 2022 gehe nicht, weil da das Brahms-Jubiläumsjahr ansteht (150. Todestag), welches ein anderes Programm und Besetzungsteam erfordere.
Die Gäste müssen diesmal nicht weit anreisen
„Wir wollten von unserer Seite alles dafür tun, um das Hambacher Musikfest in diesem Jahr trotz Corona durchführen zu können, mit dem Ziel, dabei das Risiko für die Künstler und das Publikum größtmöglich zu minimieren“, betont die Geigerin. Dabei spielte bereits bei der Auswahl der Gastinterpreten der Sicherheitsgedanke eine große Rolle. Um eine weite Anreise der normalerweise oftmals aus dem Ausland kommenden musikalischen Mitstreiter zu vermeiden, entschied man sich gemäß des Mottos „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ für die Verpflichtung der aus dem Saarland stammenden, seit vielen Jahren mit dem „Mandelring Quartett“ befreundeten drei Rivinius-Brüdern Benjamin (Viola), Gustav (Cello) und Paul (Klavier). Letztere beiden sind den Klassikfreunden durch Auftritte bei früheren Auftritten beim „Hambacher Musikfest“ gut bekannt, einzig Benjamin Rivinius feiert eine Neustadt-Premiere. Nur am Rande: Diesmal nicht mit von der Partie ist der Geiger Siegfried Rivinius, der mit seinen drei Brüdern seit 1995 das international renommierte „Rivinius Klavierquartett“ bildet.
Sechs Streicher und ein Pianist – das verspricht interessante Besetzungswechsel
Sechs Streicher, ein Pianist, vier Spielorte, fünf, genauer gesagt zehn Konzerte – das sind dabei die Fakten des Musikfests 2021. Um die Platzsituation im Festsaal des Schlosses, der Jakobuskirche, dem Weingut Naegele und – erstmals nach langer Zeit wieder – im Saalbau Neustadt zu entschärfen, findet jedes Konzert jeweils zweimal zeitversetzt um drei Stunden statt. Dennoch ist das Angebot an Karten weitaus geringer wie bei den vorangegangenen Auflagen des Festivals. Dörthe Heber, die seit 1. Januar diesen Jahres als Nachfolgerin der langjährigen guten Seele Erika Busse die Geschäftsstelle des Förderkreises übernommen hat, verweist auf Pandemie-Zwänge: Um die Einhaltung der aus der Zwischen-Lockdown-Zeit im Sommer und Herbst bekannten Abstandsregeln zu gewährleisten, stehen beispielsweise im Schloss 2 x 96, im Weingut Naegele 2 x 60 und in der Jakobuskirche jeweils lediglich 2 x 50 Plätze zur Verfügung.
Ob man nach der Einnahme des Platzes die Maske abnehmen dürfe, entscheide indes die weitere Entwicklung und die zu diesem Zeitpunkt geltenden Hygienevorschriften, so Heber. „Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, sind froh, dass das Festival überhaupt stattfindet“, sagt sie und empfiehlt aufgrund der begrenzten Platzsituation eine frühzeitige Kartenvorbestellung. So haben sich die „privilegierten“ Goldenen Mitglieder und „Konzertpaten“, die bereits vor dem offiziellen Vorverkaufsstart reservieren durften, zum Beispiel schon das komplette Kartenangebot für den 17 Uhr-Auftritt am Freitag, 4. Juni, in der Jakobuskirche gesichert. Für alle anderen Auftritte gebe es noch Karten, so Dörthe Heber.
Der Schwerpunkt liegt bei Romantik und Spätromantik
Erstmals kommt ein „Hambacher Musikfest“ in diesem Jahr ganz ohne Bläser aus. Nichtsdestotrotz ermöglichen die drei Musizierpartner des „Mandelring Quartetts“ interessante und beliebte klassische Besetzungskombinationen, die vom Streich- und Klavierquartett bis zum Klavierquintett, Streichquintett und Sextett reichen. „Entsprechend unseren Besetzungen liegt der Repertoireschwerpunkt dieses Jahr im Bereich der Romantik und Spätromantik“, erläutert Nanette Schmidt mit Verweis auf ihren Bruder Sebastian, der das Programm federführend ausgetüftelt habe, „darunter Klassik-Hits wie die Klavierquartette von Brahms und Dvorak, aber auch eher unbekannte Stücke aus der Feder von Anton Arensky, Reinhold Glière oder Ernö Dohnányi.“
Zwischen 65 und 75 Minuten dauern die ohne Pause durchgeführten Konzerte, auf eine Ausgabe von Getränken müssen die Konzertbesucher – zumindest nach dem derzeitigen Stand – komplett verzichten. So werden auch vor dem Auftaktkonzert am Mittwoch, 2. Juni, 17 Uhr, diesmal nicht wie üblich zur Begrüßung die Sektkorken knallen, bevor sich die Mitglieder des „Mandelring Quartetts“ gemeinsam mit dem Bratschisten Benjamin Rivinius und dem Cellisten Gustav Rivinius mit Ernö Dohnanyis Streichsextett in die aufregenden Klangwelten der Spätromantik stürzen. Im weiteren Verlauf des Abends wird Festivalpianist Paul Rivinius, der den Klassikfans durch seine grandiosen Auftritte beim Musikfest 2014 in bester Erinnerung ist, die Streicher im Klavierquartettsatz von Gustav Mahler und im Klavierquintett von Robert Schumann, das zu den bekanntesten kammermusikalischen Repertoirestücken des 19. Jahrhunderts zählt, unterstützen.
Sämtliche Konzerte werden zweimal gespielt
In normalen Jahren endet das samstägliche Festkonzert mit dem traditionellen Surprisekonzert. Wer sich in diesem Jahr überraschen lassen möchte, sollte stattdessen das für Donnerstag, 3. Juni, 15 Uhr, anberaumte Nachmittagskonzert im Weingut Naegele besuchen. Vage Programmhinweise entnehmen wir dem frisch gedruckten Programmflyer: „Es könnten Werke von Leroy Anderson, Ludwig van Beethoven, Fritz Kreisler, Wolfgang Amadeus Mozart und Daniel Schnyder erklingen. Lassen Sie sich überraschen.“
Weniger Überraschungen, dafür hochkarätigsten Musikgenuss verspricht das Konzert in der Jakobuskirche am Freitag, 4. Juni, 17 Uhr, das sich ganz dem wichtigsten Vertreter des tschechischen Nationalstils Antonin Dvorak und zwei seiner bekanntesten Kammermusikwerke in Gestalt seines Streichsextetts und seines Klavierquintetts widmet. Bekanntes und Unbekanntes steht am Samstag, 5. Juni, 17 Uhr, beim Festkonzert im Saalbau auf dem Programm: Neben dem legendären Klavierquartett von Johannes Brahms wird unter anderem ein Quartett des russischen Komponisten Anton Arensky (1861-1906) in der seltenen Besetzung für Violine, Bratsche und zwei Celli vorgestellt. Der Rimski-Korsakow-Schüler und Rachmaninov-Lehrer litt seit den 1880er Jahren nicht zuletzt aufgrund seiner unglücklichen Ehe unter einer psychischen Erkrankung. Seine letzten Jahren waren von Trunk- und Spielsucht überschattet. Ihm zu Ehren ist übrigens der Arensky-Gletscher in der Antarktis benannt. Russische Töne schlägt das Festival schließlich auch zum Abschied beim Festlichen Finale am Sonntag, 6. Juni, 15 Uhr, mit Reinhold Glières (1875-1956) Streichsextett C-Dur op. 11 und Tschaikowskys Streichsextett d-Moll op. 70 „Souvenir de Florence“ an.
Sämtliche Konzerte werden wie gesagt jeweils drei Stunden später wiederholt. Bedenken bezüglich des Stressfaktors für die Musiker begegnet Nanette Schmidt mit den Worten: „Wir haben dieses Konzept schon im letzten Jahr ausprobiert, und es hat sich gut angefühlt.“
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