Bad Dürkheim
Geistliches Konzert in der Ludwigskirche
Wie sehr sich mit Probenfleiß und einem langen Atem wahrlich Großartiges bewirken lässt, bewiesen die Kantorei an der Schlosskirche und der Chor an St. Ludwig – unterstützt von einem Instrumentalensemble und zwei Gesangssolisten – mit einer beeindruckenden Gemeinschaftsleistung, die der Organist und Chorleiter Michael Orth auch darauf zurückführte, dass es bei der Kirchenmusik in der Kurstadt gelinge, konfessionelle Grenzen zu überwinden. Weil dies anderswo in der Welt gegenwärtig nicht der Fall ist, war es der Bezirkskantorin Charlotte Noreiks, der die künstlerische Gesamtleitung oblag, ein besonderes Anliegen, das Konzert all denjenigen zu widmen, die aktuell unter Kriegswirren zu leiden haben.
Nicht zufällig wurde daher die Kantate „Wie liegt die Stadt so wüste“ des norddeutschen Komponisten Matthias Weckmann (1619-1674) ins Programm aufgenommen, beklagt sie doch die Zerstörung Jerusalems vor fast 2000 Jahren – ein Bild voller Symbolkraft und dramatischem Gegenwartsbezug. Von kleiner kammermusikalischer Besetzung mit Basso continuo begleitet, gelang es Isabel Delemarre mit ihrem weichen und glockenhellen Sopran, das Weinen und Wehklagen nachzuempfinden, während Michael Roman mit seinem angenehm timbrierten Bariton markante Akzente zu setzen vermochte.
„Ich halte es dafür“
Die zweite, ebenfalls in der Barockzeit angesiedelte Kantate mit dem Titel „Ich halte es dafür“ stammte von Dieterich Buxtehude, dessen Vertonung auf neutestamentlichen Texten basiert und die frohe Kunde vermittelt, dass die irdischen Leiden nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an den Christenmenschen dereinst offenbar werden soll. Die einleitende Sonata – ruhig und sehr getragen interpretiert – ist charakteristisch für die Kompositionstechnik des dänisch-deutschen Kirchenmusikers und berühmtesten Vertreters der Norddeutschen Orgelschule.
Einen deutlich geringeren Bekanntheitsgrad hat der 1961 in Gütersloh geborene Reinhard Gramm, Landesposaunenwart der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Er komponierte vor drei Jahren eine Suite für Blechbläser und gab ihr den Namen „Die Oste“, womit ein Nebenfluss der Elbe gemeint ist. Blitzsauber in der Intonation und mit satt-voluminösem Klang zeichneten die Instrumentalisten (zwei Trompeten, zwei Hörner und drei Posaunen) ein lebendiges, bisweilen triumphales Bild einer Flusslandschaft, um das Werk mit dem eingängigen Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ ausklingen zu lassen.
Spätromantisches Requiem
Der Boden für den Höhepunkt des Konzerts war bereitet. Im Altarraum bezogen mehr als 50 Sängerinnen und Sänger Position, um ihre volle Konzentration und Stimme dem spätromantischen Requiem von Gabriel Fauré zu widmen. Aufgeführt wurde die Version für kleines Orchester, bei der Sylvia Würtz (Violine und Viola) und Michael Orth als Organist im Dauereinsatz die tragenden Rollen spielten. Sein einziges größeres Werk mit religiösem Text schrieb der 42-jährige Fauré zwischen dem Tod seines Vaters und seiner Mutter. Uraufgeführt wurde es am 16. Januar 1888 in der Église de la Sainte Marie Madeleine in Paris. In mehrfacher Hinsicht weicht das Requiem von der traditionellen Totenmesse ab. Der Franzose nimmt sich nicht nur seine Freiheiten bei den Texten heraus, sondern verzichtet gänzlich auf das Dies irae (Tag des Zornes), beschränkt sich vielmehr auf die Vertonung des letzten Verses, das berühmte Pie Jesu. In dem abschließendem In paradisum transportiert Fauré aus seiner religiösen Überzeugung heraus die Vorstellung, dass das Paradies ein Ort der Erquickung, des Lichtes und des Friedens ist.
Am Pult agierte Charlotte Noreiks souverän und mit klarer, schnörkelloser Körpersprache. Nichts lief aus dem Ruder, die Einsätze kamen punktgenau, die Dynamik war fein abgestimmt, die Choristen, Solisten und Instrumentalisten vereinten sich zu einem homogenen Klangkörper. Auf einem Akkord gesungen und melodiös zunächst von den Tenören, dann von den Sopranen weitergeführt, bildete das Requiem aeternam den Auftakt. Nach der lautstarken Bitte Exaudi orationem meam kehrte der Chor beim Kyrie eleison ins Pianissimo zurück.
Botschaft verstanden
Unendliche Ruhe wurde mit dem von den Bläsern unterstützen Sanctus vermittelt, bevor die Sopranistin mit der lieblichen Melodie Pie Jesu einen Glanzpunkt setzte. Während das Werk im Libera me mit dem eindringlichen Baritonsolo eine gewisse Dramatik erfuhr, schien der engelhafte und sanftmütige Gesang mit Harfenbegleitung im letzten Satz auf direktem Weg ins Paradies zu führen. So ganz im Sinne von Gabriel Fauré, für den der Tod kein schmerzliches Erlebnis, sondern „eine willkommene Befreiung, ein Streben nach dem Jenseits ist.“
Das Publikum hatte die Botschaft verstanden und applaudierte langanhaltend.