Neustadt
Figuralchor zeigt, was er kann
Das kleine Jubiläumskonzert traf fast auf den Tag genau das Datum des ersten öffentlichen Auftritts vor 15 Jahren und bot ein duftig-luftiges Sommerkonzert. Doch bekanntlich ist, was in der Musik augen- und ohrenscheinlich federleicht daher kommt, in der Vorbereitung meist nicht weniger schwergewichtig als die große, erhabene Form. Fritz Burkhardt, Gründer und Leiter des mit rund 30 Stimmen geradezu im Gardemaß besetzten Kammerchors, jedoch hatte seine Vokalisten wie stets prächtig vorbereitet. Und servierte gemeinsam mit Bezirkskantor Simon Reichert an der Orgel eine kurzweilige Stunde höchst engagierter, zupackender, rundum beseelter (Kirchen-)Musik.
Das Programm spiegelte in seiner Spanne zwischen Spätrenaissance und Romantik in gewisser Weise auch die Entwicklung der Chorgemeinschaft. Denn zunächst explizit auf die sogenannte „Alte Musik“ (mit Schwerpunkt Henry Purcell) fokussiert, hat Burkhardt das Repertoire sukzessive bis ins 20. Jahrhundert hin erweitert. Und auch inhaltlich präsentierte der abendliche Werkzyklus markante Stationen, Botschaften, Kommentare. Hans Leo Hassler gab mit „Nun fanget an, ein guts Liedlein zu singen“ sozusagen die allumfassende Parole, gefolgt von Johann Jeep und Giovanni Gastoldi als weitere prominente Musiker an der Schwelle von Renaissance und Frühbarock.
Selbst die Kommata wurden hier gleichsam mitgesungen
Drei Lieder nach Texten von Paul Gerhardt, des vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichters, schlossen sich an – im Wechselgesang mit der Gemeinde ein Ausflug in die Tradition des evangelischen Gottesdienst. Noch im gleichen inhaltlichen Kontext, aber jetzt dem Bereich der geistlichen Polyphonkunst zugehörig, interpretierte das Ensemble drei Motetten aus der „Geistlichen Chormusik 1648“, die Heinrich Schütz bekanntlich auf das Ende des 30-jährigen Krieges zusammengestellt hatte. Appelle im Übrigen mit brandaktuellen Botschaften. Denn was könnte gerade dringlicher erscheinen, als die Bitten „Verleih und Frieden“ und „Gib unserm Fürsten Fried und gut Regiment?“
Daran knüpfte auch der romantische Schlussblock mit Kompositionen von Felix Mendelssohn nahtlos an: mit der Choralkantate auf den Text „Verleih und Frieden“, der Motette „Was betrübst Du Dich, meine Seele“ aus der Vertonung des 42. Psalm und schließlich dem Abendsegen „Herr, sei uns gnädig“.
Wie es bei Fritz Burkhardt, dem renommierten Spezialisten für das Genre Alte Musik, eigentlich zu erwarten war, hatte es sein Stimmenkonvolut auf einen zuweilen durchaus kraftvollen, strahlend fortelastigen Gesamtklang, dabei immer aber auch auf Transparenz und klare Diktion bedachten Duktus eingeschworen. Eine saubere Artikulation und sinnabbildende Gestaltung erhielten da tragende Gewichtung. Es wurden sozusagen textimmanent geatmet, selbst die Kommata „mitgesungen“, die musikalische Linie blieb durch gezielt auf- und abschwellende Dynamik lebendig und spannend.
Insgesamt ein akzentuiertes, pointiertes Singen, das auch die schwierige Kunst der Homogenität von Einsätzen und Schlussakkorden mit einschloss. In der eher trockenen, jede Ungenauigkeit entlarvenden Akustik der Haardter Kirche kein leichtes Unterfangen.
Simon Reichert bringt die Stumm-Orgel zum Klingen
Simon Reichert, der den A-cappella-Gesang zuweilen mit der Orgel dezent bis inspirierend begleitete, spielte zwischen den Chorblöcken ein Stück des Renaissance-Meisters Paul Hofheimer sowie eine überaus kunstvollen Komposition des in Dresden und Hamburg wirkenden Schütz-Zeitgenossen Andreas Weckmann (Fuga ex D). Johann Sebastian Bachs Choralvorspiel „Valet will ich Dir geben“ zählt zu den prominentesten und brillantesten des Genres, und Reichert interpretierte es mit virtuosem Zugriff und schillernden Registerfarbe und brachte das Kleinod auf der Empore, die ausnehmen schöne, leider auch dringlich sanierungsbedürftige Stumm-Orgel, so auf brillante Weise zum Klingen.
Nach langem emphatischen Beifall gab’s noch einen Hinweis auf das anstehenden Figuralchor- Großprojekt: die Komplettaufführung der Kantaten I bis VI des „Weihnachtsoratoriums“ von Bach am 6. und 7. Januar 2024; ruhig schon mal vormerken.