Neustadt Die Hälfte seines Lebens wartet man vergebens

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«Neustadt». „Gezogene Zeit“ heißt die neueste Anthologie des Literarischen Vereins der Pfalz, die sich mit dem Thema Warten in seinen unterschiedlichsten Facetten beschäftigt, das auf den Tod eingeschlossen. Nächsten Donnerstag stellen nun acht der Beteiligten ihre in dem Buch erschienenen Kurzgeschichten und Gedichte auf Einladung des Neustadter Literatennetzes Textur in der Weinstube Backblech vor.

Mit dabei sind Autoren aus fast allen Ecken der Pfalz, mit Katharina Dück und Michael Landgraf auch zwei aus Neustadt selbst. Dück, bisher vor allem als Lyrikerin bekannt, stellt ihre Kurzgeschichte „Frau Numrich“ vor, mit acht Seiten einer der längsten Beiträge in dem Sammelband, der auf 204 Seiten nicht weniger als 58 Texte von 40 Schriftstellerinnen und Schriftstellern zusammenbringt. In der Geschichte berichtet eine zu Beginn der Handlung achtjährige Ich-Erzählerin, Kind einer Einwandererfamilie, von der ersten Vermieterin der Familie in der neuen Heimat, die zugleich ihre „erste und beste Freundin“ war – was der inzwischen Erwachsenen allerdings erst bewusst wird, als sie nach einigen Jahren ohne Kontakt die Todesanzeige der Frau in der Zeitung findet. Michael Landgraf, Pfarrer, Autor, Pädagoge und Vorsitzender sowohl des Schriftstellerverbands Rheinland-Pfalz als auch des Literatennetzwerks „Textur“ ist mit dem Gedicht „Erwarteter Freund“ vertreten, dessen letzte Strophe so lautet: „So erwarte ich, / mein Freund, / mit dir zu tanzen, / aber es muss ja / nicht gleich heute sein.“ Unschwer zu erraten, was für ein besonderer Geselle dieser Tanzpartner ist. Die Landauerin Birgit Heid, die Vorsitzende des Literarischen Vereins der Pfalz, stellt ihre Kurzgeschichte „Abgelegen“ vor. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die bei einem Date versetzt wird und sich stattdessen von einem Schriftsteller abschleppen lässt, der sie aber vor allem als Steinbruch für sein neues Buch betrachtet. Das Ende bleibt offen. Auch Sabrina Albers, aus Maikammer stammende und heute in Speyer lebende Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „Kettenhund“, ist in „Gezogene Zeit“ mit einer kurzen Erzählung vertreten: „Die Reise“ ist letztlich eine Skizze über die Gefangenschaft im eigenen Körper am Ende des Lebens, erzählt aus der Perspektive eines sterbenden Großvater im letzten, leise verklingenden Gespräch mit seiner Enkelin im Krankenhaus. Thomas M. Mayr, Organisator der „Donnersberger Literaturtage“ aus Kirchheimbolanden, hat es gleich mit vier kurzen Gedichten in die Anthologie geschafft, zwei in Mundart, zwei in Hochdeutsch, die ganz unterschiedliche Themen vom heimischen Wohnzimmer-Sessel bis zu einem alten Milchhäuschen am Straßenrand behandeln, während Katrin Kirchner aus Mutterstadt nur mit einem einzigen lyrischen Beitrag mit von der Partie ist, der sich dafür aber über sechs Seiten erstreckt und deshalb nicht umsonst den Titel „Langgedicht“ trägt. Es geht um eine Frau, die im Café auf ihren Geliebten wartet, mitgeteilt bekommt, dass er tödlich verunglückt sei, und ihn dann zuletzt doch wieder in die Arme schließen kann – weil ein anderer gleichen Namens gestorben ist. Um den (in diesem Fall allerdings realen) Tod einer geliebten Person geht es auch in Peter Reuters knapper, aber sehr eindringlicher Kurzgeschichte „Das Ankommen“, in der ein Mann zu spät ins Krankenhaus gerufen wird und seine geliebte Frau nur noch tot vorfindet. Der Autor aus dem südpfälzischen Kapellen-Drusweiler, Mitbegründer der Literaturzeitschrift „Wortschau“, ist in „Gezogene Zeit“ noch mit einer weiteren, diesmal allerdings satirisch-humorvollen Kürzestgeschichte vertreten, „Die Sache mit dem Bestseller“. Der Ludwigshafener Manfred Dechert schließlich kommt mit zwei Texten aus der Anthologie nach Neustadt, die sich beide im weiteren Sinne mit dem Literaturbetrieb befassen: einer amüsanten, aphoristisch-philosophischen Prosa-Skizze ohne Titel, die sich mit dem Marktwert literarischer Schöpfungen beschäftigt, und einer Art freirhythmischem Langgedicht mit dem Titel „Buchmesse“, das das Schicksal verfolgter Autoren weltweit mit der großen Kommerzshow kontrastiert, die alljährlich im Herbst in den Frankfurter Messehallen über die Bühne geht. Die Moderation des Abends übernehmen Landgraf und Heid. Für musikalische Intermezzi mit Gitarre und Gesang sorgt Stefan Hänzel, Musiker aus Haßloch. Nach der Lesung besteht Gelegenheit, mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen. Termin Die Lesung findet am Donnerstag, 8. Februar, um 19 Uhr in der Weinstube „Backblech“ in der Neustadter Hintergasse 18 statt. Eintritt: 5 Euro. Die Anthologie „Gezogene Zeit“ ist als Taschenbuch im Wellhöfer-Verlag erschienen, hat 204 Seiten und kostet 12 Euro. Weitere Infos unter www.textur-neustadt.de.

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