Neustadt Aus 15 Stimmen werden bald 400

„Amazing grace, how sweet the sound, that saved a wretch like me…“ 15 Sängerinnen aus Haßloch, Maikammer und Neustadt sitzen mit aufgeschlagenen Chorpartituren im Gemeindezentrum Wehlache, während Chorleiterin Anja Stöver am Piano den Ton angibt. Zuerst probt der Sopran alleine, dann der Alt, dann beide zusammen. Am 8. Februar 2015 kommen noch viel mehr Stimmen dazu: Ein riesiger Chor aus 400 Personen zusammen mit Solisten, Orchester und Band steht beim Musical „Amazing Grace“ in der Karlsruher Schwarzwaldhalle auf der Bühne.
Und die Frauen, die an diesem Samstagnachmittag zum ersten und einzigen Mal in Haßloch miteinander üben, werden mit dabei sein, wenn Orchester, Band und Solisten die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Seefahrers und Sklavenhändlers John Newton erzählen. Dieser schrieb mit „Amazing Grace“ den Text zum wohl bekanntesten Gospelsong überhaupt. Das Chor-Musical „Amazing Grace“ von Tore W. Aas und Andreas Malessa bringt Newtons dramatische Biografie auf die Bühne. Als verwahrlostes Heimkind wird er gekidnappt, desertiert später von der Marine, um seine geliebte Polly wiederzusehen, entgeht knapp dem Galgen und wird Sklaventransporteur in Westafrika. Warum die vornehme Polly ihn trotzdem heiratet, wie John Newton zum Pfarrer der anglikanischen Kirche wird, was ihn zum Gegner der Sklaverei macht und wie er ihre Abschaffung mit seinem Freund William Wilberforce 1807 im Parlament durchsetzt – all das wird auf der Bühne gesungen, getanzt und gespielt. Die meisten der Mitwirkenden, die heute in Haßloch proben, singen schon länger im Chor, ein Teil von ihnen bei „Living water“, dem Chor des CVJM Haßloch. Simone Ehemann, 43, ist eine von ihnen. Ebenso wie Chorleiterin Anja Stöver selbst hat auch sie noch nie bei so einem großen Projekt mitgemacht und findet außerdem den christlichen Hintergrund des Musicals ansprechend. Über die RHEINPFALZ-Berichterstattung wurde Heidi Hans aus Maikammer auf das Projekt aufmerksam. Auch die 47-Jährige hat bereits Chorerfahrung, bringt mit den „Friends of music“ der dortigen Sängervereinigung moderne Pop- und Rocksongs auf Englisch und Deutsch zu Gehör. Aber sie hat noch eine weitere musikalische Leidenschaft, der sie bei „Amazing Grace“ frönen kann: „Ich singe gerne Gospel.“ „Mass Choir“, zu deutsch Massenchor, ist die Angabe, nach der die Sängerinnen in der Partitur Ausschau halten müssen, um beim großen Auftritt im kommenden Jahr ihre Einsätze nicht zu verpassen. Seit Mitte Juni stand das Noten- und Übungsmaterial zur Verfügung und wurde an die Mitwirkenden nach der Anmeldung verschickt. 74 Euro hat es laut Simone Ehemann gekostet. Anja Stöver fragt die Frauen, wie weit sie alleine damit gekommen sind, und diese melden sich per Handzeichen: Etwa ein Drittel von ihnen hat schon mit der Übungs-CD alleine geübt, etwa die Hälfte der Sängerinnen hat bereits die Partitur studiert. Leidlich Noten lesen können sie alle. Den Textmarker in der Hand, gehen sie zusammen mit der Chorleiterin die Partitur durch. „Der Massenchor hat fast bei jedem Lied einen Einsatz“, stellt Simone Ehemann fest. Die Songs detailliert einzustudieren, die sie vom Laptop über die Musikanlage abspielt, dafür bleibe heute keine Zeit, erklärt die Chorleiterin. Für Anja Stöver ist das aber kein Grund für Lampenfieber: „Macht Euch locker, macht Euch keinen Stress“, rät sie den Sängerinnen. Wenn etwas nicht perfekt funktioniere, werde das bei der Masse von 400 Sängerinnen und Sängern gar nicht auffallen, meint Stöver. Schon gar nicht, „wenn ihr nett lächelt und gut ausseht“. Und außerdem bleibt noch genug Zeit zum Proben: Als Nächstes steht der sogenannte „Kick-Off“ in Karlsruhe an. Das bedeutet, am Samstag, 25. Oktober, wird im Karlsruher „Tollhaus“ einen ganzen Tag lang gemeinsam mit allen Sängern geübt. Die Hauptprobe ist für 31. Januar anberaumt. Und noch eine weitere Gruppe aus dem Großdorf, die derzeit separat übt, wird laut Anja Stöver bei dem Musicalprojekt in Karlsruhe mit dabei sein: der Singkreis „Lebenstöne“ der beiden katholischen Pfarreien in Haßloch.