Mannheim
Streit um Katzenschutzverordnung
Mannheim. Das geflügelte Wort „Monnem vorne“ steht für Spitzenleistungen der nördlichsten Kommune Baden-Württembergs. Mannheim hat in der Wirtschaft, beim Sport und in der Kultur Maßstäbe gesetzt. Beim Tierschutz allerdings hinkt die Kommune über 1000 Städten und Gemeinden Deutschlands hinterher, meinen Tierschützer. Das wird wohl noch weitere zwei Jahre so bleiben.
Das Stadtparlament hätte die „rote Laterne“ abgeben können: mit einer neuen Katzenschutzverordnung. Denn Mannheim hat ein wachsendes Problem mit Streunern. Auf Friedhöfen, in Industriebrachen oder Kleingärten kämpfen nach Schätzungen der Organisation „Politik für die Katz“ rund 6000 verwilderte Verwandte der Spezies Felis catus ums Überleben.
Hunger, Krankheit und Tod
Im Frühsommer und Herbst kommen Hunderte Kätzchen im Freien zur Welt, deren jämmerliche Existenz von Hunger, Krankheiten und frühem Tod gekennzeichnet ist. Viele nicht kastrierte „Stubentiger“ entlaufen von zu Hause auf der Suche nach einem Geschlechtspartner und werden dann zu Vagabunden. Das Land hat den Kommunen ein geeignetes Gesetz an die Hand gegeben, dieses Tierleid zu verhindern: eine Katzenschutzverordnung, die Zwangskastration aller freilaufenden Samtpfoten ermöglicht, um die Population einzudämmen.
Der Mannheimer Stadtrat Andreas Parmentier von der Tierschutzpartei in der Fraktion „Lipartie“ stellte bereits vor drei Jahren eine solche Forderung an die Stadtverwaltung. Am Donnerstagabend kam das Thema nun auf die Tagesordnung des Sicherheitsausschusses. Jetzt ist Mannheim zwar tatsächlich die erste Großstadt im Land mit einer Katzenschutzverordnung. Allerdings in einer „seltsamen Variante“, wie die Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord es formuliert. Der Kernpunkt des Gesetzes, eine Sterilisierungspflicht für alle Freigänger, wird auf Wunsch des Rathauses und mit Zustimmung aller Gemeinderatsfraktionen erneut auf die lange Bank geschoben.
Aufklärungsaktion
Mit Aufklärungsaktionen und dem Modell „einfangen, kastrieren, aussetzen“, das freilich nur für wildlebende Tiere gilt, will der zuständige Abteilungsleiter Peer-Kai Schellenberger in Abstimmung mit dem Tierschutzverein Versäumtes in den kommenden zwei Jahren nachholen. Die Zustimmung des Stadtparlaments in zwei Wochen gilt als Formsache.
Dieser städtische Plan könne jedoch nicht aufgehen, weil er realitätsfern sei, sagt Tierschützerin Kristina Stumpf. „Wer soll denn die nachtaktiven, scheuen Lebewesen fangen und wer soll sie kastrieren?“, fragt sie. In Mannheim gibt es lediglich einen von der Stadt beauftragten Tierarzt für Kastrationen auf Kosten des Stadtsäckels. „Und der hat Zeit für maximal einen gefangenen Streuner im Monat“, weiß sie aus Erfahrung. Die Beschlussvorlage versuche ein verharmlosendes Zahlenbild zu zeichnen, doch 39 neue, wilde Katzenpopulationen sprächen eine andere Sprache. Auch das Tierheim melde steigende Aufnahmezahlen von herrenlosen und kranken Katzen. Noch vor wenigen Wochen hatten sich die Ratsfraktionen auf Anfrage dieser Zeitung einhellig für eine flächendeckende Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht ausgesprochen.
OB warnt vor Rechtsbruch
Woher stammt der plötzliche Sinneswandel? Die Beschlussvorlage des Sicherheitsdezernates von CDU-Bürgermeister Christian Specht warnte vor einem Rechtsbruch, den Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) nicht mitmachen würde. Die Kastrationspflicht stelle einen unerlaubten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Besitzers dar. Eine Sterilisierung wird vom Veterinär mit 300 bis 350 Euro bei weiblichen Tieren und 150 bis 200 Euro bei männlichen Tieren berechnet. Diese Kosten müssen auch bezahlt werden.
Sowohl Julia Stubenbord als auch Tierrechtsexperte Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta widersprechen der Einschätzung der Stadt. Das Tierschutzgesetz besage eindeutig, dass ein Verbot eines amputativen Eingriffs am Tier nicht gelte, wenn es „zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung“ dient. „Klagen sind mir in ganz Deutschland nicht bekannt“, ergänzt die Landestierschutzbeauftrage.
Entscheidung umstritten
Die tierpolitische Sprecherin der Grünen, Christina Eberle, bewertet die Entscheidung als Teilerfolg auf dem Weg zu einer Kastrationspflicht. Mit der beschlossenen Kennzeichnung- und Registrierungspflicht werde die Unterscheidbarkeit von Halter- und wilden Katzen deutlich erleichtert. „Für aufgefundene Katzen bedeutet dies ganz praktisch eine kürzere Verweildauer im Tierheim – sowohl für Streuner als auch für entlaufene Halterkatzen. Und für die ehrenamtlichen Katzenschützer vor Ort bringt es erheblich mehr Rechtssicherheit bei ihrer Arbeit“, meint die Grüne.
Völlig anders sehen den Fall etwa 70 ehrenamtliche Katzenfreundinnen um Kristina Stumpf, die bislang täglich über 700 Katzen auf eigene Kosten füttern und medizinisch versorgen. Der Kampf gegen das Mannheimer Katzenelend werde nie erfolgreich sein, wenn unkastrierte, freilaufende Hauskatzen weiter zur rasanten Fortpflanzung beitragen.