Ludwigshafen Zwei Welten

Mit den Gesamteinspielungen der Streichquartette von Schostakowitsch und Mendelssohn hat das Mandelring Quartett Maßstäbe gesetzt. Jetzt widmet sich das Neustadter Ensemble dem Kammermusikwerk von Johannes Brahms und legt eine im Frühjahr im Konzertsaal der Abtei Marienmünster entstandene Aufnahme der beiden Streichquintette dieses Komponisten vor.
Frappierend bruchlos hat das Mandelring Quartett die im vergangenen Jahr erfolgte Neubesetzung mit Andreas Willwohl vollzogen und es gleichzeitig geschafft, den langjährigen Kammermusikpartner Roland Glassl weiterhin in die ehrgeizigen musikalischen Projekte einzubeziehen. Wie pudelwohl sich die fünf Musiker dabei fühlen, zeigt die besagte Aufnahme mit den Streichquintetten in F-Dur und G-Dur. Zwei Quintette, zwei Welten: Das erste schrieb Brahms 1882 auf dem Höhepunkt seiner Karriere, das zweite 1890, zu einem Zeitpunkt, als der mittlerweile 57-jährige Rauschebart sich eigentlich kompositorisch verabschieden wollte, was er dann glücklicherweise doch nicht tat. In der vorliegenden Aufnahme zeigen das Mandelring Quartett und Roland Glassl, wie groß die Leinwand ist, auf die der „mittlere“ und der „späte“ Brahms malt: auf der einen Seite das fröhlich-frische, Wiener Frühlingsluft atmende Quintett in F-Dur, auf der anderen das fast schon orchestral anmutende, große Klangflächen projizierende in G-Dur. In beiden Fällen verfolgen die Musiker einen auffällig demokratischen Ansatz, der wenig Raum zur Selbstdarstellung lässt, sondern ganz auf klangliche Integrität setzt. Glückliche Tage scheint Brahms 1882 in Bad Ischl verbracht zu haben. Wir erleben das einleitende Allegro non troppo ma con brio als eine Liebeserklärung an das Leben im Allgemeinen und an den Frühling im Besonderen. Wunderbar warm und gleichzeitig kristallklar ist der Sound von Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt und den beiden Violaspielern. Wo bleibt angesichts dieser berückend eleganten Geschmeidigkeit der ruppige Brahms? „Gemäßigte Tempi, warme Empfindung und vollste Klarheit waren ihm stets die Hauptsache“, schrieb Alwin von Beckerath nach einer seiner Aufführungen mit weiteren Brahmsfreunden im Hause des Meisters, nachdem der Gastgeber die rasante Wiedergabe des Schlusssatzes mit den Worten „Das ging aber flott!“ moniert und eine langsamere Fassung gefordert hatte. An der Tempogestaltung der vorliegenden Aufnahme hätte er zweifellos seine Freude gehabt, denn den fünf Musikern gelingt eine ausgezeichnete Balance zwischen wirkungsvoller Virtuosität und rechtzeitigem Innehalten. Die elektrisierende Ausstrahlung eines großen Ereignisses hat auch das Quintett in G-Dur. Das Spiel mit den Klangfarben gewinnt zunehmend an Bedeutung, und diesmal ist es die Wiener Praterluft, die die Interpreten in geradezu verschwenderischer Weise verströmen. Der berühmte Wiener Walzer lässt im ersten Satz grüßen, fast schon impressionistisch wirken die flirrenden Tremoli, zigeunergleich die Seufzerketten des Primarius im zweiten Satz, gespenstisch das versunkene Spiel im gerade noch hörbaren Pianissimo-Bereich – die emotionale Direktheit, mit dem die Musiker Brahms zu Leibe rücken, lässt niemanden kalt. Virtuosität und Brillanz gewinnt dann im rauschenden Finale die Oberhand. Ungestüm und feinervig zugleich servieren die fünf Streicher das Vivace als veritablen Czárdás – und entdecken dabei Brahms’ folkloristische Seite. CD-Tipp und Termin Johannes Brahms: Sämtliche Streichquintette. Mandelring Quartett und Roland Glassl. Audite 97.724. Beide Quintette sind am Sonntag, 22. Januar, um 18 Uhr auch in der Kammermusikreihe im Neustadter Saalbau zu hören.