Ludwigshafen „Wir begeistern uns selbst“
(lacht). Sie sprechen mit der Frage etwas an, was mir sehr am Herzen liegt. Jetzt beim Telefonat schaue ich gerade auf meine Posaune. Vor ein paar Tagen habe ich seit Langem, sehr Langem mal wieder gespielt. Bis vor wenigen Monaten habe ich noch Privatunterricht gegeben. Insgesamt komme ich viel zu wenig dazu. Ist das als Dirigent ein Problem? Ich sage mal, es ist gut, wenn man das Instrument kennt und man Erfahrungswerte hat. Das hilft. Früher habe ich mir kurze Passagen vorgespielt. Ich kann besser nachempfinden, wie die Musiker zu spielen haben. Schließlich gebe ich ja auch die Anweisungen zur Intonation: zu laut, zu hoch, zu schrill. Wohl auch bei der ersten öffentlichen Probe des Sinfonischen Blasorchesters Ludwigshafen. Warum diese Idee? Das ist ein kleines Mosaiksteinchen in unserer Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe das Orchester 2012 übernommen. Eigentlich machen wir nichts anders seither, nur dass wir auf das, was wir machen, aufmerksam machen. Dazu gehört auch eine neue Homepage. Bei der Probe können die Leute sehen, wie wir arbeiten. Aber können interessierte Musiker nicht normale Proben besuchen? Natürlich. Musiker können das ganze Jahr über zu uns kommen. Jetzt sind aber auch Zuhörer eingeladen. Das Publikum, das uns von Konzerten kennt, kann einen Platz im Orchester einnehmen. Im Orchester? Ja, wir wollen einen großen Aufbau machen, damit wir die Zuhörer zwischen die Musiker setzen können. So sehen sie alles aus einer anderen Perspektive, den Dirigenten etwa mal von vorne. Wird das für die rund 60 Musiker des Blasorchesters nicht auch eine Herausforderung? Natürlich sollten die einzelnen Musiker noch Kontakt zueinander haben. Wir müssen mal sehen, wie wir die Teilnehmer setzen. Im Vorfeld verschicken wir dann auch schon Noten. . . . Noten für das aktuelle Programm „Von den grünen Inseln“. Waren Sie schon in Irland? Zufälligerweise ja. Aber das war nicht der Ansatz. Wir haben auch andere Stücke aus der Umgebung Irlands. Dass man ein Motto wählt, einen roten Faden durchs Programm, ist ja ein großes Thema bei Blasorchestern. Auch wieder ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit, oder? Ja. Man kann das Konzert besser verkaufen in der Moderation oder der Plakatgestaltung. Aber das hat Vor- und Nachteile. Man darf sich dadurch nicht beschränken, gängeln lassen in der Auswahl. Wir drehen das um, suchen erst die Werke aus. Dann überlegen wir, welche Überschrift passt. Ein Stück im Programm ist etwa die Komposition „Traum des Oenghus“. Sie bezieht sich zwar auf eine irische Sage, der Musiker ist allerdings kein Ire, sondern der deutsche zeitgenössische Komponist Rolf Rudin, der in Frankfurt geboren ist. Auch „Hymn of the Highlands“ spielen wir. Die Verbindung von Irland und Schottland waren dann die Grünen Inseln. Filmmusik, die ja recht oft von Blasorchestern gespielt wird, findet unter ihrer Leitung weniger Verwendung. Warum? Ich habe zu Filmmusik ein etwas distanzierteres Verhältnis. Sie wird gern ausgewählt, weil sie für die Zuhörer und die Musiker leicht zugänglich ist. Man kennt die Trompeten und Hörner aus dem Star-Wars-Thema. Ich lehne Filmmusik nicht ab, aber die Arrangements von Filmmusik-Medleys sind oft stark vereinfacht, die Originalkompositionen dagegen richtig schwer. Mir ist es wichtig, möglichst viel im Original zu spielen. Aktuell hat das Sinfonische Blasorchester 60 Mitglieder. Brauchen Sie überhaupt noch neue Mitglieder? Warum machen wir Werbung, obwohl es gerade gut läuft? Die Frage müssen wir uns sicher stellen. Ich denke es ist leichter, aus dieser Position heraus neue Mitglieder zu bekommen, als mit 20 bis 25 Leuten. Wir haben keine eigene Jugendarbeit, sind auf Fortgeschrittene angewiesen, die zu uns kommen. Aber gibt es eine Obergrenze, die überhaupt noch zu dirigieren ist? Eine Obergrenze gibt es nicht, aber entscheidend ist natürlich die Balance zwischen den einzelnen Instrumentengruppen. Können Sie das in irgendeiner Weise beeinflussen? Die Musikschüler suchen sich die Instrumente ja selbst aus. Ja, aber wir haben Kontakt zu Musikschullehrern, schreiben sie an. Beim Schlagzeug brauchen wir etwa dringend Unterstützung oder bei den Klarinetten. Es geht uns ja nicht darum, Musikschulen Schüler wegzunehmen. Viele blieben zum Studium oder zur Ausbildung in der Rhein-Neckar-Region. Die zu bekommen, wäre ideal. Auch aus den Bläserklassen der Gymnasien kommt Nachwuchs. Spüren Sie das? Ja, das habe ich schon in meiner Zeit an der Musikhochschule Mannheim bemerkt. Viele, die vorher in einer Bläserklasse waren, studieren mittlerweile Musik dort. Sie haben nach ihrem Studium eine Stelle als Bildungsreferent der Landesmusikakademie in Hannover angetreten. Kommen Sie dort zum Dirigieren? Nein, im Grunde mache ich dort alles außer Dirigieren. Es geht nicht um die ausübende Musik, sondern um das Kulturmanagement. Aber die Arbeit dort beeinflusst meine Arbeit in Ludwigshafen und umgekehrt. Für das Sinfonische Blasorchester bedeutet es mehr Struktur, mehr Professionalisierung. Gehört dazu auch das „neue Klangerlebnis“, das das Sinfonische Blasorchester „als Liebhaberorchester“ präsentieren will, wie es auf der Homepage steht? Der Begriff liegt mir sehr am Herzen. Er ist besser als Amateurorchester. Oft muss der als Entschuldigung oder Rechtfertigung für die Qualität herhalten. Dabei meint Amateur oder früher der Begriff der Dilettanten nur, das das Ganze nicht für den Broterwerb geschah. Jeder im Orchester hat einen eigenen Beruf, arbeitet lang und trifft sich abends zum Proben. Ich habe bewusst die Entscheidung getroffen, mit Amateuren zu arbeiten. Neues Klangerlebnis ist also kein reiner Verkaufsbegriff? Nein, wir machen Musik nicht nur für die Zuhörer, sondern auch für uns. Profi-Orchester proben ein-, wenn es hochkommt, dreimal für ein Konzert. Wir machen es ein halbes Jahr lang. Da entsteht etwas über Monate hinweg, wir begeistern auch uns selbst. Das erlebe ich auch bei den Musikern im Landesjugendorchester Niedersachsen. Ein Punkt, bei dem mir bei Profi-Orchestern immer wieder Zweifel kommen. Und deshalb pendeln Sie den weiten Weg. Ja, aber das hat bald ein Ende. Inwiefern? Ich plane noch dieses Jahr einen Umzug zurück in die Heimat, in die Rhein-Neckar-Region. Noch Fragen? Offene Probe des Sinfonischen Blasorchesters Ludwigshafen, Montag, 30. Mai, 19.30 bis 21.30 Uhr, Rheinschule Ludwigshafen, Mundenheimer Straße 220. Das Orchester bittet um Anmeldungen per E-Mail an die Adresse info@sbo-lu.de, so können im Vorfeld Noten verschickt werden. Es ist aber auch eine spontane Teilnahme möglich. Konzert im Pfalzbau am Sonntag, 9. Oktober, 17.30 Uhr, Eintritt 14 Euro, 7 Euro ermäßigt.