Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Wenn man vor 100 Motorhauben de Aff’ macht“

Der doppelte Chako: Autokino-Erfahrung hat Habekost unter anderem in Speyer gesammelt.
Der doppelte Chako: Autokino-Erfahrung hat Habekost unter anderem in Speyer gesammelt.

Interview: Die Corona-Krise geht an Chako Habekost nicht spurlos vorüber. Nachdenklicher als sonst ist der Comedian im RHEINPFALZ-Interview; den Blick fürs Urkomische mancher Situation derzeit hat der 58-Jährige aber nicht verloren. Das Ergebnis seiner Feldforschungen ist unter dem Titel „Mit Abstand de Beschde“ in den Autokinos zu erleben – am Sonntag in Frankenthal und am 10. Juni in Mannheim.

Wegen Corona ist das Autokino wieder zurück, Filme schauen ist ja mehr passiver Konsum, Kabarett und Comedy leben aber viel von der Interaktion mit dem Publikum. Wie funktioniert dieses Genre auf Abstand?
Anders. Wenn mir jemand die Frage vor einem halben Jahr gestellt hätte, hätte ich gesagt: Geht gar nicht. Das zeigt natürlich, dass das Ganze aus der Not geboren ist. Vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten. Ich mag den positiven Gedanken ganz gern, dass das eine Übergangszeit ist und wir irgendwann zu einer neuen Normalität zurückfinden. Jetzt klingt das direkt ein bissel philosophisch, aber ich kriege gleich wieder die Kurve zu was Praktischem. Neue Normalität heißt für mich, dass wir hoffentlich alle was gelernt haben aus dieser Zeit und dass wir deswegen in Zukunft besser und achtsamer miteinander umgehen.

Aber zurück zum Autokino. Es ist jetzt nicht so toll, wenn man vor 100 oder 200 Motorhauben de Aff’ macht, und man hört nix. Am Anfang mussten die ja sogar vorschriftsgemäß noch die Seitenscheiben obenlassen – außer es erstickt gerade jemand. Und wenn du Glück hast, ersticken gerade unheimlich viele Leut’. Alla müssen se all bissel uffmache. Auf einmal hörst du aus den Autos richtige Lacher. Dann denkst du auf der Bühne: Wenn ich das schon höre, muss da gerade jemand einen richtigen Lachanfall haben. Das ist schon geil! Es ist eine völlig andere Wahrnehmung. Unterm Strich ist es aber anstrengender, das Durchspielen ohne Pause, ohne direktes Feedback. Es ist ja auch anstrengend, ohne Umarmung durchs Leben zu gehen – außer denen deiner Frau daheim. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen.

Du hast bei Deinen Bühnenprogrammen immer auf große Leinwände verzichtet. Im Autokino wirst Du auf bis zu 100 Quadratmeter Fläche zu sehen sein. Wie anders musst Du unter diesen technischen Voraussetzungen spielen?
Es hat eine Ähnlichkeit zum Fernsehen. Du musst die Kameras bedienen, dich ein bisschen einfühlen, welche jetzt gerade näher und passender ist für deinen Text. Fernseh-Erfahrung hilft da natürlich. Insofern ist es wahrscheinlich etwas schwieriger für Kollegen, die von einer Kleinkunstbühne direkt zum Autokino kommen und überhaupt nicht wissen, wie dieses Spiel funktioniert. Ich habe die harte Schule der kleinen Häuser ja durchlaufen, wo ich vor 100 Leuten aufgetreten bin. Als ich dann auf die größeren Bühnen kam, gab es ein paar Leute, die wollten einfach wieder diese Nähe haben, die es zum Beispiel in der Klapsmühl’ am Rathaus in Mannheim gab. Mir wurde ja immer mal wieder bescheinigt, wie ausgeprägt mein Minenspiel ist, ein Journalist hat mich mal den „Mimik-Großmeister“ genannt. Das geht in den Hallen natürlich etwas verloren. Und insofern ist das Autokino jetzt die Chance, diese Facette wieder stärker zu zeigen.

Es heißt: Applaus ist der Lohn des Künstlers. Im Autokino wird der im eigentlichen Sinn nicht zu bekommen sein. Gibt es Alternativen?
Wenn die Leute wirklich begeistert sind, das habe ich jetzt bei den zwei Auftritten in Speyer gemerkt, dann zeigen sie das. Da kannst du vorher tausendmal sagen: Hupt mir nicht in die Pointe rein. Die Begeisterung zeigt sich völlig unterschiedlich. Logisch wird gehupt. Andere strecken die Arme aus dem Fenster und winken. In Neustadt hatten ein paar Fans Schilder gemalt, die sie aus dem Fenster hielten.

Witzig zu sein in einer Zeit, die für viele mit einigen Ängsten verbunden ist, stelle ich mir schwierig vor. Was geht humortechnisch, was geht auf gar keinen Fall?
Ich würde am liebsten das Wort Corona gar nicht in den Mund nehmen – außer als Pälzer: „Sinner do mit de gonz’ Corona?“ Aber selbst das ist ja schon so … (räuspert sich) naja. Es ist eine echte Krise. Um alles, was mit Krankheit zu tun hat, mache ich also lieber einen großen Bogen. Das macht keinen Spaß und ist auch nicht lustig. Aber bei den ganzen Begleiterscheinungen dieser Krise ist natürlich ein massiver Komikfaktor dabei. Wie man Social Distancing einhält als Pälzer. Beim Spargeleinkauf im Gemüseladen: zwischendrin eine Plexiglasscheibe, beide tragen Mundschutz und dann sollst du dich noch verständigen. „Hä? – „Hä?“ Und zum Schluss hängen beide unten an dem kleinen Loch, wo später der Spargel durchgereicht werden soll und plärren sich an. Das habe ich wirklich erlebt und baue es jetzt halt ein ins Programm.

Das heißt: Du hast für die Auftritte Teile neu geschrieben, greifst aber auch aufs Repertoire zurück.
Genau. Die erste Woche dieser Krise war ich in so einer Art Schockstarre. Dann kamen aber schon recht bald die ersten Anfragen, beispielsweise vom SWR. Ich habe dann ein bisschen was fürs Radio gemacht und habe mich mehr oder weniger zwingen müssen, wieder kreativ zu sein. Das hat mir aber gutgetan. Ich bin dann in einen Flow gekommen, habe viele Nummern fürs Fernsehen aufgezeichnet. Die habe ich umgebaut für die Bühne. Da geht es um das erwähnte Social Distancing, darum dass manche Leute rumlaufen wie ein Blockwart und mehr auf die Regeln achten als jedes Ordnungsamt. Die Krise bringt nicht bei jedem das Beste zum Vorschein.

Genau: „Des is’ kenn Meeder fuffzisch.“
Ja, die dappen donn mit’m Meeder durch de Wald und wann dro hänke bleibscht: Anzeige! Dann gibt es natürlich auch das Thema, was man macht, um fit zu bleiben ohne Fitnessstudio. Krisenbewältigung eben aus der Sicht der regionalen Helden, der Eingeborenen dieser wunderbaren Region. Mir sin halt annerschd wie die annere. Es geht um die Sprache oder um das Phänomen, dass mir Pfälzer immer denken, mir wär’n die Allergrögschde – wenn die annere net do sin. Wenn die Krise eins deutlich gezeigt hat, dann dass wir alle gleich sind – egal ob du viel Geld hast oder nicht, egal ob du ein syrischer Flüchtling bist oder ein Kurpälzischer Millionär. Das Virus macht keine Unterschiede. Und wir gehören alle zusammen. Wie schön wäre es, wenn sich diese Erkenntnis vertiefen würde.

Wie hast Du die Zeit ohne Live-Auftritte überbrückt?
Ich habe glücklicherweise viel schreiben können – fürs Radio, fürs Fernsehen. Ich habe mit meinem Manager Thorsten Scheller viele Pläne geschmiedet – auch für die Zeit danach. Und ich war fast jeden Tag im Wald. Wenn du in Bad Dürkheim wohnst, musst du nur rauslaufen und schon bischt mittedrin. Ich habe wirklich meine Liebe neu entdeckt zum Pfälzerwald. Ich kenne, glaube ich, jetzt jeden Weg um Dergem rum. Das erste Mal in meinem Leben, muss ich zugeben, habe ich jeden einzelnen Tag dieses Frühlings bewusst erlebt. Sonst geht man ein, zwei Mal im Monat in den Wald. Aber diesmal habe ich alle kleinen Veränderungen mitbekommen – ein großartiges Erlebnis.

Hast Du die Hoffnung, dass dieses Jahr noch reguläre Veranstaltungen stattfinden? Auf Deiner Internetseite stehen zumindest ab Mitte/Ende Juni eine ganze Reihe von Terminen …
Ja die Hoffnung, gell?! Die darf man nicht aufgeben, weil – ich komme an den Anfang unseres Gesprächs zurück – so ein Autokino is schää unn luschdisch, aber es soll bitte die geile Ausnahme sein. Und dann, wenn das alles rum is, wollen wir wieder zusammen sein, richtig zusammen sein un feiern un uns in de Ärm ligge. Ich hoffe, dass diejenigen, die darüber entscheiden, irgendwann mal ohne Angst und mit Augenmaß entscheiden können. Und, dass es bald einen Impfstoff gibt – ohne Zwang – dann sollte es möglich sein, dass die Menschen sich auch wieder entspannen. So wie wir durchgekommen sind, war es zwar eine Krise, aber eben auch nicht der Untergang. Und machen wir uns nichts vor: Es ist etwas anderes, wenn du in Berlin in einer kleinen Wohnung sitzt, als hier bei uns, wo du in den Wald kannst, an den See oder an den Rhein. Da lernst du, die Vorzüge des gelobten Landes noch einmal richtig zu genießen.

Termin

Chako Habekost, „Mit Abstand de Beschde“, am Sonntag, 31. Mai, 19 Uhr, im Autokino Frankenthal auf dem Festplatz an der Benderstraße. Karten unter www.autokino-frankenthal.de. Am 10. Juni beim Carstival Autokino auf dem Mannheimer Maimarktgelände, Karten unter www.carstival.de.
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