Ludwigshafen
Stilsicher wie ein Alter: Der Amerikaner Eric Lu im BASF-Gesellschaftshaus

Anspruchsvoll? Auf jeden Fall. Tollkühn? Vielleicht. Der jüngste Gast bei den jungen Pianisten gewidmeten Sonntagsmatineen im BASF-Gesellschaftshaus hieß Eric Lu und war wirklich jung, nämlich zarte einundzwanzig. Gespielt hat er „Stücke“ aus dem Repertoire der mehr oder weniger romantischen Klaviermusik, komponiert von Robert Schumann, Johannes Brahms und Chopin – das „Eingemachte.“
Lang aufgeschossen, dünn, fast hager ist er. Outfit, wie es sich für einen Elf-Uhr-Termin gehört. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte. Lackschuhe, über die man der Tageszeit wegen diskutieren könnte. Kurz, ein Auftritt comme il faut. Ob das beschrieben werden muss? Gewiss. Es gehört nun einmal dazu, wie sich einer präsentiert, der gerade auf der Direttissima in den Pianistenhimmel unterwegs ist. Stilsicher auch musikalisch. Wie ein Alter. Und das war mit Staunen in sechs Klavierstücken zu hören.
Der Amerikaner Eric Lu, Sohn taiwanesischer Einwanderer, hatte die Fachwelt schon elektrisiert, als der 17-jährige Jungspund sich den vierten Platz im Warschauer Chopin-Wettbewerb erspielte. Mit zwanzig setzte er den Sieg bei „the Leeds“, dem renommierten internationalen Wettbewerb, obendrauf. Das stählt und verleitet zu so einem kleinteiligen Programm, wie es das in Ludwigshafen war.
Im zweiten Teil folgten Chopins an Bach maßnehmende 24 Préludes, alle hintereinander. Das macht nicht jeder. Eric Lu kann es. Er wusste mit schlafwandlerischer Sicherheit, wie man die teils aphoristisch kurzen Stücke, meist die virtuosen, zum kometenartigen Funkeln bringt, die versponnen ihren Weg suchenden langsamen dagegen dreht und wendet und ziseliert und in liebevoller Versponnenheit streichelt.
Am Ende war das Publikum hingerissen. Vor der Pause eigentlich nicht. Woran das wohl lag? Bei Schumanns sogenannten „Geistervariationen“ liegen mögliche Reserven auf der Hand, oder besser am Werk. Es ist Schumanns letztes vor seinem missglückten Selbstmordversuch und der Einlieferung in die Nervenheilanstalt: Ein in seiner fast sinnlos bohrenden, um musikalische Fassung ringenden Faktur ein harter, in jeder Beziehung das Gewohnte sprengender Brocken. Lu nahm den von „grässlicher“ und „engelsgleicher“ Musik (Schumann) inspirierten Zyklus als fahl kolorierte, depressiv verschattete Improvisation, in der die Töne manchmal ihren Weg suchen, aber nicht finden können. Das war mutig, allzu publikumskompatibel war es nicht.
Dann noch Brahms. Das erste Intermezzo aus Opus 117 als poetisch im Piano- und Pianissimo-Bereich angesiedelter Appetizer, die sechs Klavierstücke Opus 118 im Block. „Grace, wisdom and poetry“ attestierte ein englischer Kritiker dem Pianisten nach einem Konzert. Genau das ist der Punkt. Und für Brahms nicht ganz das richtige Rezept. Lu hat die energischen Aufschwünge parat, leider klingen die etwas hölzern, zum Teil gerät er sogar ins Pauken. Am liebsten, so der Eindruck, zieht er sich in das Schneckenhaus einer leidenschaftsfreien, mit sich selbst befassten Innerlichkeit zurück, die man bei einem so jungen Musiker eigentlich nicht erwarten würde. Brahms verfehlt, nichts passiert? Kann sich ja noch ändern mit den Jahren.