Ludwigshafen
Ludwigshafener Hochstraßen: IHK fordert „Task Force“ und dritte Rheinquerung
Die Wirtschaft fordert nach der Teilsperrung der Hochstraße Süd einen Notfallplan. Was sich dahinter verbirgt, haben wir Jürgen Vogel gefragt. Der 49-Jährige ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz. Er wirbt zudem für eine dritte Rheinquerung und die Prüfung, ob die Nordtrasse tatsächlich abgerissen werden muss.
Entrüstet, geschockt oder einfach nur baff? Herr Vogel, wie haben Sie vor einer Woche die Nachricht von der Teilsperrung aufgenommen?
Das war natürlich ein Schock für uns und eine schlimme Nachricht für die Wirtschaft. Wenngleich ich sagen muss, dass das Szenario einerseits plötzlich kam, aber andererseits doch nicht überraschend. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass beide Hochstraßen in einem ganz schlechten Zustand sind und das Problem der Sperrung jederzeit drohen kann. Negativ überrascht hat uns etwas anderes.
Und was war das?
Die Kommunikation in der Region. Sie ist aus unserer Sicht – sagen wir mal – ausbaufähig.
Woran hapert’s?
Es fehlt eine Struktur der flächendeckenden Information und Reaktion, die wir als Folge der kurzfristigen Sperrung unmittelbar danach erwartet haben. Das hat nicht auf Anhieb geklappt. Es gab auch Probleme auf Mannheimer Seite. Dort musste der Fahrlachtunnel plötzlich wegen Erstickungsgefahr dichtgemacht werden. Da stellt sich schon die Frage: Klappt die Kommunikation hier wirklich gut, um auf solche Szenarien schnell zu reagieren?
Offenbar nicht. An wen richtet sich diese Kritik, die ich da heraushöre?
An die Stadt Ludwigshafen, aber auch an die Nachbarn. Wir bringen es bisher einfach nicht fertig, solche Problemstellungen hier regional zu lösen. Baulich gesehen ist das zunächst ganz klar eine Sache der Stadt Ludwigshafen. Eine Lösung darf man aber nicht ausschließlich in Ludwigshafen suchen, sondern auch im Umland: etwa im Rhein-Pfalz-Kreis und in Mannheim.
Hätte da ein Hochstraßen-Dezernat geholfen, das sich ausschließlich um das Thema kümmert?
Man muss realistisch sein. Eine Stadt der Größenordnung Ludwigshafens ist mit solch einem Projekt in unseren Augen wirklich extrem gefordert, wahrscheinlich sogar überfordert. Deswegen plädiert die Wirtschaft seit Langem dafür, den Landesbetrieb Mobilität, LBM, eng einzubinden. Ich würde sogar sagen, der LBM sollte die Planung übernehmen. Das Bauliche sollte von Profis gemanagt werden, die Projekte dieser Dimension kennen und wissen, wie man sie umsetzt. Kommunikations- und Umleitungssysteme, das ist sicher ein Thema, das die Stadt übernehmen kann. Dafür braucht man aber kein eigenes Dezernat.
Die Wirtschaft beidseits des Rheins fordert einen Notfallplan. Von wem genau fordern Sie was?
Wir fordern von der Stadt Ludwigshafen und allen, die involviert sind, eine „Task Force“, die für Notfälle sofortige Umleitungs- und Verkehrsleitsysteme regelt. Wir brauchen endlich ein Verkehrsmodell, mit dem wir solche Vorfälle simulieren und durchspielen können. Und wir brauchen eine bessere Kommunikation zur Wirtschaft und zu allen direkt Betroffenen.
Was würde eine längerfristige Sperrung der Südtrasse über den Zeitraum von vier Wochen hinaus für die Unternehmen der Region bedeuten?
Das wäre für die Wirtschaft der Super-GAU. Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen. Auch wenn das zynisch klingt: Es ist ja momentan fast der ideale Zeitpunkt für eine Sperrung. In Baden-Württemberg sind noch Ferien, wir haben wunderbares Wetter und die Konjunktur lahmt leider etwas. Das heißt: Aktuell ist nicht viel los.
Das ändert sich im Herbst.
Genau, da wird das Wetter schlechter. Erst dann sehen wir tatsächlich, welche Auswirkungen die Sperrung hat. Für einen kurzen Zeitraum ist eine Sperrung zwar ärgerlich, aber für die Wirtschaft einigermaßen verkraftbar. Längerfristig müssten wir jeden Werktag bis zu 60.000 Fahrzeuge umleiten. Das kriegen unsere Verkehrssysteme kaum hin. Das wird die Wirtschaft massiv treffen. Nicht nur den Güterverkehr, da kann man am ehesten gegensteuern. Es sind die Mitarbeiter, Berufspendler und Kunden, die zu Unternehmen oder zu öffentlichen Verwaltungen wollen. Die werden sich abwenden oder nicht mehr zuverlässig am Arbeitsplatz erscheinen. Das hat für Firmen gravierende Konsequenzen, gerade bei Schichtbetrieben, wo es auf die Taktung und die Zeit ankommt. Da fehlen notwendige Spielräume. Das kann zu großen Schwierigkeiten in der Produktion führen. Das macht den Standort immer unattraktiver. Und gerade unsere Innenstädte mit ihren Handels-, Gastronomie- und Dienstleistungsunternehmen werden massiv betroffen sein, wenn die Kunden sie kaum erreichen können.
Sollte auch die marode Nordschwester, über die derzeit umgeleitet wird, dichtgemacht werden, dann …
… wäre das ein Szenario, auf das wir bisher keine Antworten parat haben. Deswegen ist es wichtig, die Planungen für den Nordabriss schnell zu einem Ende zu bringen, um loslegen zu können. Die Stadt wäre aber meines Erachtens gut beraten zu prüfen, ob sie derzeit wirklich auf dem richtigen Weg ist.
Sie meinen, die Hochstraße Nord doch nicht abreißen und sanieren?
Ja. Die Südtrasse galt bisher als Ausweichstrecke und steht nun womöglich nicht mehr zur Verfügung. Unter diesen Voraussetzungen sollte man noch mal in sich gehen und die Frage aufwerfen: Können wir die Hochstraße Nord und die Stadtstraße tatsächlich so bauen, wie wir das geplant haben? Der breite Konsens dafür ist unter anderen Bedingungen entstanden. Das muss man sich eingestehen. Eventuell sind andere Lösungen besser und effektiver.
Zum Beispiel?
Womöglich gibt es mittlerweile technische Verfahren, die Nordtrasse lediglich zu sanieren oder ihre Südschwester so zu präparieren, dass sie sicher zur Verfügung steht. Mit zwei kranken Hochstraßen in ein solches Bauvorhaben zu gehen, wäre sehr riskant, vielleicht sogar fahrlässig. Zu möglichen Alternativen würde ich gerne noch mal Einschätzungen von Experten hören.
Dazu passt ein Gerücht, die BASF habe einen Plan B in der Schublade, wie die Hochstraße Nord saniert werden kann, ohne sie abzureißen.
Ich kenne keine konkreten Pläne, aber viele Ideen. Es gab dazu immer Überlegungen. Wir sehen gerade bei der Rheinbrücke in Wörth, dass es neue Verfahren gibt, die das erlauben. Man sollte auf jeden Fall prüfen, ob das möglich ist und welche Belastungen das nach sich ziehen würde. Jetzt ist die richtige Zeit, die Planungen voranzutreiben. Parallel dazu sollte man tief Luft holen und überlegen, ob man die richtige Strategie verfolgt.
Parteien überschlagen sich derzeit mit Forderungen: nach einer dritten Rheinquerung bei Altrip, einer Seilbahn über den Rhein, digitalen Verkehrssteuerungen oder Taktverdichtungen. Wie beurteilen Sie das?
Für die Lösung des Problems gibt es kein Patentrezept. Es ist ein ganzer Strauß von Maßnahmen notwendig, um die Folgen so erträglich wie möglich zu halten. Eine weitere Rheinquerung ist eine alte Forderung aus der Wirtschaft. Das würde zwar kurzfristig nicht helfen. Aber wir wissen, wenn alle Hochstraßen in zehn Jahren saniert sind, dann sind alle Brücken dran. Das heißt, wir haben ein Dauerproblem. Um die aktuelle Notlage künftig zu vermeiden, fordern wir von der Stadt Ludwigshafen und der Region, die Planungen für eine dritte Rheinquerung wieder aufzunehmen.
Und die anderen Forderungen?
Die Digitalisierung bietet große Chancen, Verkehre besser zu steuern und die Menschen besser und in Echtzeit zu informieren. Der Ausbau des Nahverkehrs muss ein Teil der Problemlösung sein. In Spitzenzeiten ist der ÖPNV aber heute schon ausgelastet oder überlastet. Da ist nicht mehr viel Luft nach oben. Die Pläne für eine Seilbahn über den Rhein sehen wir als IHK sehr positiv. Wenn man das geschickt macht, kann man damit Verkehre außerhalb der Straße abwickeln. Das ist eine sehr ernsthafte Möglichkeit, die hohe Kapazitäten schafft. Das wäre zudem eine sehr ökologische Art der Fortbewegung.
Wenn Sie ein Stimmungsbild der hiesigen Wirtschaft skizzieren müssten, wie würde das aktuell aussehen?
Nicht gut. Es ist eine große Sorge da, eine große Unsicherheit. Und das Vertrauen, dass die Verantwortlichen das schaffen, schwindet. Wir brauchen deshalb konzertierte Aktionen und Hilfe von außen, sprich: von Bund und Land. Wir benötigen mehr Unterstützung und mehr Manpower. Alleine schafft das Ludwigshafen wahrscheinlich nicht.
Wann hat Sie die Oberbürgermeisterin das letzte Mal angerufen?
(Überlegt) Gute Frage (lacht). Sie ruft hin und wieder mal an, aber bei dieser Thematik ist es schon eine Weile her.