Wahlcheck RHEINPFALZ Plus Artikel Kita-Notstand: Viele Eltern sind verzweifelt

In vielen Kitas herrscht Personalmangel: 418 Betreuungsplätze konnten dem aktuellsten Kita-Bericht der Ludwigshafener Verwaltung
In vielen Kitas herrscht Personalmangel: 418 Betreuungsplätze konnten dem aktuellsten Kita-Bericht der Ludwigshafener Verwaltung zufolge aufgrund von strukturellem Personalmangel nicht belegt werden. 924 Plätze waren zum Stichtag Ende Mai 2023 nicht vorhanden aufgrund von kurzfristigem Personalausfall.

Etwa ein Drittel aller Eltern, die einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben, müssen ihre Kinder zu Hause betreuen. Mit dem Vorsitzenden des Stadtelternausschusses hat Christiane Vopat über die fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, den Fachkräftemangel und Wahlversprechen gesprochen.

Herr Storck, Sie engagieren sich seit mehr als fünf Jahren im Stadtelternausschuss (Stea) dafür, dass in Ludwigshafen jedes Kind einen Kitaplatz bekommt. In dieser Zeit hat sich der Betreuungsnotstand dramatisch verschärft. Woran liegt das?
Mit mir zusammen setzt sich aktuell ein insgesamt 14-köpfiger hoch motivierter Stea-Vorstand für die Belange von Kita-Kindern und deren Eltern in der Stadt ein. Ihre Beobachtung ist richtig. Als ich anfing, fehlten um die 1000 Plätze, in den vergangenen zwei, drei Jahren waren es dann jeweils 2000 Plätze. Jetzt haben wir die 3000er-Marke überschritten.

Das Defizit liegt doch sogar bereits bei mehr als 3100 Plätzen?
Ja, nach unseren Berechnungen ist das der Fall. Es gibt zwei Aspekte, die zu berücksichtigen sind. Zum einen ist es die mangelnde Wahrnehmung des Problems innerhalb der Stadtgesellschaft, in der Verwaltung und im Jugendhilfeausschuss. Dort ist es versäumt worden, rechtzeitig Gebäude zu schaffen. Zum anderen gibt es einen bundesweiten Fachkräftemangel, den wir auch in Rheinland-Pfalz und speziell in Ludwigshafen spüren. Jeder Kitaträger ist hier aufgefordert, sich als bester Arbeitgeber zu präsentieren, um Fachkräfte für sich zu gewinnen. Verwaltungen sind es nicht gewohnt gewesen, um Fachkräfte zu kämpfen. Das ist eine neue Herausforderung.

Dazu gab es ja auch kürzlich eine Debatte im Stadtrat. Parteiübergreifend herrschte Einigkeit, dass es so nicht weitergeht. Lösungen für die riesige Betreuungslücke hat aber niemand präsentiert.
Wir begrüßen, dass die Debatte um Kitaplätze im Stadtrat jetzt öffentlich geführt wird, und wir hoffen, dass das kein Wahlkampfphänomen ist. Ein langer Atem aller Verantwortlichen ist erforderlich, denn kurzfristige Lösungen zur Schaffung von neuen Kitaplätzen wird es leider nicht geben.

Eine große Partei plakatiert gerade im Vorfeld der Kommunal- und Europawahlen am 9. Juni in Ludwigshafen das Versprechen „Mehr gute Kitaplätze stehen bei uns an erster Stelle“. Wie finden Sie das?
Es wird keine einfachen Lösungen geben. Denn die Bautätigkeit dauert viel zu lange. Außerdem werden Reformen im Erzieherinnenberuf nicht schnell greifen. Ich sehe daher das Plakat sehr kritisch. Bei einem so wichtigen gesellschaftlichen Thema sollte keine Partei im Wahlkampf schnelle Lösungen versprechen. Man sollte auch mal zurückblicken: Es gibt in Ludwigshafen zwei große Parteien, die seit Langem die Mehrheit im Jugendhilfeausschuss haben. Neben der Verwaltung ist dieser Ausschuss verantwortlich für die Schaffung von Kitaplätzen in der Stadt. Beide Parteien haben viele Jahre lang mehrheitlich unzureichende Bedarfsplanungen der Verwaltung im Ausschuss beschlossen. Ich weiß nicht, wie diese eine Partei nun schnell gute Kitaplätze generieren möchte.

Wie erleben Sie als Elternvertreter die Situation der Familien in der Stadt, die sich auf den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz verlassen haben?
Die Verzweiflung ist groß. Insbesondere im Hinblick auf die fehlenden Plätze, die auf kurzfristigen Personalmangel zurückzuführen sind.

Worum geht es dabei?
Das Land hat einen Maßnahmenplan aufgestellt, der Erzieherinnen und Erzieher und auch Kinder schützen soll, wenn es zu überraschenden Personalengpässen in einer Einrichtung kommt. Das ist etwa bei Grippewellen öfter der Fall. Dann muss die Betreuung eingeschränkt werden – von einem Tag auf den anderen. Eltern bekommen dann zum Beispiel einen Anruf: „Bitte holen Sie Ihr Kind um 13 Uhr ab.“

Das ist in der jeweiligen Situation für berufstätige Mütter und Väter mit festen Arbeitszeiten aber extrem schwierig zu organisieren.
Ja, das ist sehr schwierig. Es erreichen uns Hilferufe von Eltern, die mit zwei Einkommen gerechnet haben, weil sie zum Beispiel Häuser oder Wohnungen abbezahlen müssen. Das funktioniert jedoch in einer so unsicheren Betreuungssituation dann plötzlich nicht mehr. Der Mangel hat enorme soziale Auswirkungen auf die Stadtgesellschaft. Vor allem für viele Frauen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gegeben. Außerdem muss man sich klar machen, dass jeder Euro, der in frühkindliche Bildung gesteckt wird, sich am Ende für die ganze Stadtgesellschaft auszahlt. Was passiert, wenn frühkindliche Bildung in den Kitas nicht mehr funktioniert, sieht man leider gerade am Beispiel der Grundschulen und speziell der Gräfenauschule.

In den vergangenen Jahren haben viele Eltern erst bemerkt, dass es einen Notstand in den Kitas gibt, wenn sie selbst betroffen waren. Hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass mittlerweile ein Drittel der anspruchsberechtigten Familien keinen Betreuungsplatz bekommt?
Die Wahrnehmung ist mittlerweile da. Und das frustriert sehr viele Menschen, zunehmend auch Arbeitgeber, für die Beschäftigung nicht mehr verlässlich ist. Kitaplätze sind zum Standortfaktor geworden. Wir erleben als Stadtelternausschuss aufgrund der oftmals spontanen Änderung von Betreuung wegen Personalmangels zunehmende Hilferufe von Elternausschüssen.

Sebastian Storck
Sebastian Storck

Können Sie abschätzen, wie viele Mütter und Väter wegen der Betreuungsprobleme derzeit nicht berufstätig sein können oder sogar ihren Arbeitsplatz fürs Erste verloren haben?
Wir gehen von einer Größenordnung von 3000 Familien aus. Das ist eine statistische Schätzung. Wir vermissen Transparenz zu exakten Betreuungsbedarfen von Eltern aus dem Kita-Anmeldeportal. Diese Daten liegen der Verwaltung vor und sollten genutzt werden.

Im vergangenen Jahr sind mehrere neue große Kitas in Süd mit mehreren Hundert Plätzen eingeweiht worden. Warum hat sich der Betreuungsnotstand trotz des Ausbauprogramms der Verwaltung noch weiter verschärft?
Das hängt damit zusammen, dass viele Menschen den Erzieherberuf nicht mehr als attraktiv wahrnehmen. In der Pflege ist das ähnlich. Entweder werden Stunden reduziert oder die Menschen gehen aus dem Beruf heraus. Die Ausbildung muss attraktiver werden, und die Bezahlung muss besser werden. Zum anderen müssen die Träger alles daran setzen, Hilfspersonal in die Einrichtungen zu bringen, damit sich das Fachpersonal auf die Betreuung konzentrieren kann und nicht Hilfstätigkeiten übernehmen muss. Auch Eltern helfen übrigens gerne in den Kitas stundenweise aus, um Betreuung zu gewährleisten.

Wo sehen Sie Versäumnisse oder Fehler bei der Verwaltung mit Blick auf die Bedarfsplanung?
Wir sehen das Programm „Bauen für Bildung“ als zu klein und zu langsam an. Außerdem arbeiten die zuständigen Dezernate – unserer Wahrnehmung nach – nur unzureichend zusammen. Daher schließen wir uns der Forderung nach Gründung einer Kita-Gesellschaft an, um dezernatsübergreifende Strukturen zu schaffen, die schneller agieren. In anderen Kommunen gibt es das bereits. Natürlich muss auch der Gedanke Einzug halten, wie die besten Fachkräfte gewonnen werden können.

Was müssen die Stadt und die freien Kita-Träger vor Ort tun, um als Arbeitgeber für Erzieherinnen schnell wieder attraktiver zu werden?
Das Land Baden-Württemberg gruppiert Erzieherinnen zum Teil höher ein. Das Land Rheinland-Pfalz sollte daher in Aktion treten und dafür sorgen, dass in den grenznahen Regionen zu anderen Bundesländern Gruppierungen angepasst werden, um eine weitere Abwanderung zu vermeiden.

Wie erleben Sie die Kita-Verwaltung in der Zusammenarbeit mit dem Elternausschuss?
Wir haben einen kontinuierlichen Austausch mit dem Bereich Kindertagesstätten, der konstruktiv ist. Wir sehen auch, dass dieser Bereich mit Blick auf seine Aufgaben personell viel zu dünn besetzt ist. Im Kita-Anmeldeverfahren gibt es noch kein funktionierendes Auskunftswesen für Eltern, die Fragen haben. Es gibt keine oder zu späte Absagen für Eltern, die keinen Platz bekommen. Und es gibt für Familien keine Informationen dazu, wo sie in der Warteliste stehen. Wir erwarten hier ein deutlich verbessertes Verständnis von der Verwaltung als Dienstleister und nicht als Mangelverwalter.

Gemeinsam mit CDU und SPD hat der Stadtelternausschuss im Jugendhilfeausschuss mit Erfolg beantragt, künftig eine Arbeitsgruppe einzurichten, um in Zusammenarbeit mit der Verwaltung Wege aus der Krise zu finden. Sie machen also politisch Druck. Was soll das bringen?
Wir haben als Stadtelternausschuss zum Glück seit dem neuen Kita-Gesetz Antragsrecht im Jugendhilfeausschuss und haben uns daher mit den großen Fraktionen zusammengetan. Wir erhoffen uns davon, das Thema „Bauen für Bildung“ noch einmal in den Fokus zu nehmen und den Bereich der pädagogischen Hilfskräfte. Bisher gibt es noch keine Einladung zu einer ersten Sitzung, aber wir hoffen, dass wir hier bald gemeinsam zu konstruktiven Ergebnissen kommen können.

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Zur Person

Sebastian Storck (56) ist Vorsitzender des Stadtelternausschusses Ludwigshafen. Der Vater eines zehnjährigen Jungen arbeitet im Hauptberuf als Chemiker für die BASF.

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